NSU-Dreiteiler Zschäpe und der Teufel

Ein Fest für Verschwörungsfans: "Die Ermittler - Nur für den Dienstgebrauch" ist der dritte Teil der ARD-Spielfilmtrilogie über die Mordserie des NSU. Der Film hält dabei jede abstruse Theorie für möglich.

ARD/ Stefan Erhard

Von Wiebke Ramm, München


"Vielleicht ist es der Teufel, der die Welt zusammenhält." Der Teufel also. Der Teufel, den Martin Luther dereinst auf der Wartburg in Eisenach mit dem Wurf seines Tintenfasses zu vertreiben versuchte. Geschafft hat er es wohl nicht. Geht es nach den Machern des dritten Teils der ARD-Trilogie "Mitten in Deutschland: NSU" treibt der Teufel noch immer sein Unwesen in Thüringen. Er trägt heute Anzug, Krawatte und arbeitet beim Verfassungsschutz. "Die Ermittler - Nur für den Dienstgebrauch" heißt der letzte der drei NSU-Spielfilme, den die ARD an diesem Mittwoch, 20.15 Uhr, zeigt. So düster er mit dem Verweis auf den Teufel beginnt, so raunend wird er 90 Minuten lang unter der Regie von Florian Cossen fortgesetzt.

Wie kann es sein, dass Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt mitten in Deutschland 13 Jahre lang unentdeckt im Untergrund leben und mutmaßlich mordend durchs Land ziehen konnten? Die Antwort, die die Filmemacher nahelegen: Weil der Verfassungsschutz seine schützende Hand über die drei Neonazis hielt.

Die Drehbuchautoren Rolf Basedow, Christoph Busche und Jan Braren mischen dabei munter Fakten mit Fiktion. Das eine vom anderen zu unterscheiden, ist für den Zuschauer ohne detaillierte Kenntnis kaum möglich. Aber es ist ja nur ein Spielfilm, wie die Macher betonen. Ein Spielfilm, der "auf wahren Begebenheiten und intensiven Recherchen" beruhe und den die ARD zeigt, während sich das Oberlandesgericht München noch immer müht, die Frage nach Zschäpes Tat und Schuld erst noch zu beantworten.

Der Film greift nun so ziemlich alles auf, was es an Geraune rund um den NSU-Komplex gibt. Ist Zschäpe eine V-Frau des Verfassungsschutzes? Haben sich Böhnhardt und Mundlos gar nicht selbst erschossen? Wurde die Festnahme der drei mutmaßlichen Rechtsterroristen vom Verfassungsschutz gezielt verhindert? Dieser Film hält all das für möglich. Die Bösen arbeiten beim Verfassungsschutz, die Guten beim Landeskriminalamt (LKA).

Mysteriöse Fehlschläge, mächtige Gegenspieler

Hauptfigur des Films ist Paul Winter (Florian Lukas), Zielfahnder des LKA Thüringen. Nach dem Untertauchen von Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos im Januar 1998 haben er und sein Partner Walter Ahler (Sylvester Groth) jahrelang intensiv nach ihnen gesucht. Sie haben geackert, gemacht, getan und sind doch immer wieder gegen Mauern gerannt.

Saßen Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt eben noch in ihrer Wohnung, ist die Wohnung urplötzlich leer, als das LKA sie stürmt. Zurück bleibt eine Spielzeugmaus. Eine Metaphorik mit dem ganz großen Zaunpfahl: Irgendjemand spielt Katz-und-Maus mit den Ermittlern, das hat Winter einer der wenigen aufrechten Männer beim Geheimdienst schließlich selbst verraten. LKA-Mann Winter begegnet ihm auf einem kafkaesken Maskenball des Verfassungsschutzes. Der Mann ist maskiert und trägt ein "Amor"-Kostüm. "Sie sollten wachsam sein. Die spielen Katz und Maus mit euch", raunt Amor (Christian Berkel): "Die gesamte rechte Szene wird vor Strafverfolgung geschützt. Von meiner Behörde." Winter: "Und Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe sind auch V-Leute?" Amor: "Wer weiß das schon." Irgendwann gibt Winter die Suche nach den Dreien auf. Bis Mundlos und Böhnhardt am 4. November 2011 tot in einem Wohnmobil in Eisenach liegen. Wo ist Zschäpe? LKA-Mann Winter soll sie mit seiner jungen Kollegin Charlotte Ahler (Liv Lisa Fries), Tochter seines früheren Partners, finden.

Der Film wechselt zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Mysteriöse Fehlschläge von damals wechseln sich ab mit mysteriösen Fehlschlägen von heute. Schnell wird klar: Ahler und Winter haben es mit mächtigen Gegenspielern zu tun, die alles daran setzen, eine Aufklärung zu verhindern.

"Manchmal muss man den Boden der Demokratie verlassen, um sie zu beschützen." Es ist der junge Verfassungsschützer Alexander Melchior (Florian Stetter), der im Film diesen teuflischen Satz sagt. Und es ist sein Chef Helmut Roewer, Präsident des Thüringer Verfassungsschutzes, gespielt von Ulrich Noethen, der die Fäden in den Händen hält. Sein Amt hat Neonazis zu V-Leuten gemacht und ihnen einen Haufen Geld gezahlt, das wieder in die Szene floss. Das ist ohne Frage ein Skandal.

Ein Skandal ist auch, dass ein Verfassungsschutz - in der Realität der brandenburgische - einen Neonazi als Spitzel angeworben hat, der wegen Mordversuchs im Knast saß. Dass aber ein Verfassungsschutz Zschäpe als Informantin angeworben, von den Morden der mutmaßlichen NSU-Terroristen gewusst und ihnen tatenlos zugesehen hat, gehört ins Reich finsterer Fantasie. Viele Zuschauer werden es nach diesem Film trotzdem glauben.

Zschäpe als Bauernopfer der Geheimdienste

Die Wahrheit aber ist: Nicht nur die Behörden haben versagt, auch Journalisten und der Großteil der restlichen Gesellschaft. Warum hat kaum jemand den Opfern des NSU geglaubt, als sie früh auf Neonazis als Täter der Morde und Anschläge hinwiesen? Warum schien stattdessen die behördliche Erzählung von Migranten, die sich gegenseitig erschießen, und von einem angeblich so undurchdringbaren "Türkenmilieu" so furchtbar vielen Menschen glaubhaft?

Der NSU-Komplex bietet reichlich Anlass, sich mit dem offenbar tief sitzenden Alltagsrassismus dieser Gesellschaft auseinanderzusetzen. Eine eher unangenehme Aufgabe. Viel leichter ist es da, den Verfassungsschutz als finstere Macht im Hintergrund auszumachen, vor dem auch die mutmaßlichen Rechtsterroristen wie bloße Marionetten wirken. Die problematische Botschaft, die nach dem Film beim Zuschauer ankommen könnte, lautet: Der Prozess gegen Zschäpe ist eine Farce und sie ein Bauernopfer der Geheimdienste.

Ganz am Ende stirbt auch noch ein V-Mann, der auspacken will. Er will sich mit LKA-Mann Winter treffen und ihm die Wahrheit sagen. Winter sieht ihn schon im Auto heranfahren. Das Auto explodiert, ein zweites Auto rast davon. Wahrscheinlich trägt der Fahrer Anzug und Krawatte und hinterlässt einen leichten Schwefelgeruch.

"NSU: Mitten in Deutschland" - Die Ermittler, Mittwoch, 20.15 Uhr ARD

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