Doku-Epos über O. J. Simpson Schwarz sein. Oder nicht sein

Vom schwarzen Helden zum schwarzen Verräter und wieder zurück: Die Doku "O. J.: Made in America" erzählt die Geschichte der Sportikone O. J. Simpson als machtvolles afroamerikanisches Drama.

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War das ein Verfolgerkorso oder eine Promi-Eskorte, was da am 17. Juni 1994 quer durch Beverly Hills dem weißen Ford Bronco hinterherdüste? 14 Wagen des Los Angeles Police Department und der Highway Patrol hängten sich mit erhöhtem Tempo, aber auch respektvoll anmutendem Abstand an den SUV. In dem saß: O. J. Simpson, der größte schwarze Football- und Werbestar der Siebzigerjahre, der nun in dem Verdacht stand, seine weiße Ex-Frau und deren Freund ermordet zu haben.

In dem Doku-Fünfteiler "O. J.: Made in America" sind zu dieser berühmten Autokolonne Fernsehszenen aus Real-Crime-Formaten gegengeschnitten, die zeigen, wie andere schwarze Verdächtige auf den Straßen von L.A. von der Polizei verfolgt und rigoros von der Straße gedrängt werden. Blech- und Personenschäden garantiert.

Simpson aber konnte beim Reißausnehmen gemächlich bis zu seinem Anwesen in Brentwood gelangen. Unterwegs wurden ihm von überwiegend schwarzen Fans "Go, O. J.!"-Plakate entgegengehalten, Chöre feuerten ihn mit "Free O. J.!"-Parolen an. Als er seine Villa erreichte, die in einer fast nur von Weißen bewohnten Gegend lag, soll Simpson gefragt haben: "Was haben all die Nigger hier zu suchen?"

Greatest Reality Show on Earth

Der Fernsehjournalist im Hubschrauber, der die Luftbilder aufnahm, die live im US-Fernsehen als eine Art Greatest Reality Show on Earth gezeigt wurden und später um die Welt gingen, stellt im Film klar: "Wäre O. J. Simpson schwarz, wäre ihm das nicht passiert. Aber weil er die Rasse überwunden und Prominentenstatus erlangt hatte, wurde ihm die Ehre einer Autokolonne zuteil."

"Rasse überwunden"? Satte acht Stunden lang ist das Oscar-gekrönte Doku-Epos von Ezra Edelman, das Freitag und Samstag als Deutschlandpremiere auf Arte läuft. In der ersten Hälfte (einer Hymne auf den Sportheroen) geht es dezidiert darum, wie Simpson zum unbesiegbaren Runningback mit medialer Strahlkraft wurde, in der zweiten (einem Justizthriller) wird detailgenau die Gerichtsverhandlung zum Mordfall nachgezeichnet. Aber hier wie dort gibt es keine einzige Szene, in der die Hauptperson nicht als Teil der eigenen schwarzen Community gezeigt wird. Oder eben als Flüchtling derselben.

Go, O. J., go! Das ist eben auch ein Imperativ, der die ewige Fluchtbewegung Simpsons vor seiner eigenen Herkunft beschreibt. Es fängt schon bei seinen ersten Spielen für die University of Southern California an, wo er über das Feld jagend Yards macht wie kein anderer Runningback - und das ausgerechnet im L.A. Coliseum, jenem Stadion, das nicht weit entfernt ist zu jenen Brennpunkten, in denen ab Mitte der Sechzigerjahre immer wieder Rassenunruhen ausbrachen. Nur scheinbar eine Parallelwelt zu der des glamourösen Footballhelden, der doch selbst aus bitterarmen Verhältnissen stammt.

Von den Watts-Unruhen bis Rodney King

Auf der einen Seite haben wir in diesem ausladenen Doku-Projekt also die Geschichte der Rassengewalt in den USA von den Watts-Unruhen 1965 bis zu den Aufständen in Folge der Polizeiattacke auf Rodney King 1991, auf der anderen den Aufstieg des Sportlers zum (vermeintlich) über alle Aspekte des Schwarzseins erhabenen Medienstar. Filmemacher Edelman, Sohn bekannter Bürgerrechtsaktivisten, montiert Bild- und Zeitzeugenmaterial eindeutig: Schwarz sein oder nicht schwarz sein, das ist hier keine Frage. In Edelmanns Deutung bleibt Simpson stets ein schwarzer Star. Ein schwarzer Star freilich für das weiße Publikum.

Frappierend ist der Teil, wo Simpson ab Mitte der Siebzigerjahre zur ersten afroamerikanischen Werbeikone aufgebaut wird. Zum Slogan "Hertz - the superstar in rent-a-car" rennt er 1978 im Businessanzug und mit fliegendem Schlips in einem Spot über einen Flughafen zu einem Wagen des mächtigen Autoverleihers.

Im Film sagt der ehemalige Hertz-Geschäftsführer treuherzig: "Für uns hatte O. J. keine Farbe." Interessanterweise wurden aus dem "farblosen" Spot alle anderen People of colour entfernt. Go, O. J., Go! Das skandieren in dem Hertz-Spot nur weiße Charaktere. Der Kommentar der Doku dazu: Weiße kaufen Produkte, die von einem Schwarzen beworben werden - wenn es ihnen nicht auffällt, dass er schwarz ist.

"Ich bin nicht schwarz, ich bin O. J."

Simpson rannte also auch vor der afroamerikanischen Community davon. Im Fünfteiler wird er einmal ein "konterrevolutionärer Sportler" genannt. Während Boxer, Leichtathleten oder auch andere Footballer sich in der Bürgerrechtsbewegung engagierten, wies er alle afroamerikanischen Belange von sich: "Ich bin nicht schwarz, ich bin O. J."

Naivität oder gnadenloser Opportunismus? Filmemacher Edelmann lässt Freunde und Feinde zu Wort kommen, die das Selbstinszenierungs- und Selbstvermarktungsgenie Simpson in all seiner Zerrissenheit zeichnen. "O. J.: Made in America" ist trotzdem kein Psychogramm, sondern eine Gesellschaftsstudie. Es geht nicht um psychologische Konditionierungen, sondern um soziale Konstruktionen, genauer: um Dekonstruktionen und Rekonstruktionen von race.

Denn so rigoros wie sich Simpson als "farbloser" Medienstar zu präsentieren versuchte, so rigoros inszenierten ihn seine Anwälte beim Mordprozess dann wieder als "farbigen" Angeklagten. Am 12. Juni 1994 wurden seine Ex-Frau Nicole Brown Simpson und deren Freund Ronald Goldman erstochen aufgefunden, O. J. Simpson galt als dringend tatverdächtig. Der vom Fernsehen live übertragene Prozess wurde noch so eine Greatest Reality Show on Earth.

Die Jury bestand überwiegend aus Afroamerikanern, deshalb, so erinnert sich ein Verteidiger aus dem Simpson-Team, "schwärzten wir ihn." Schwarz sein oder nicht sein, das war jetzt die Frage. Bei einer Begehung des Simpson-Hauses für die Jury hängte man alle Fotos ab, die den Klienten neben prominenten weißen Freunden zeigten, also fast alle, und tauschte sie gegen Bilder mit Afroamerikanern. Die Strategie ging auf. 266 Tage zog sich der Prozess, zur Urteilsfindung aber brauchte die Jury keine vier Stunden - Freispruch.

Im Film kommentiert der Hardboiled-Autor Walter Mosley mit brutaler Ironie: "Einen Schwarzen für etwas freizusprechen, für das jeder andere Schwarze hingerichtet wird, das ist ein Zeichen für Fortschritt." Ein schöner Schlusssatz für ein Filmporträt, bei dem man nie so recht weiß, ob es von einem afroamerikanischen Verräter oder einem afroamerikanischen Helden handelt.


"O. J.: Made in America", Teil 1 und 2: Freitag, 20.15 Uhr. Teil 3, 4 und 5: Samstag, ab 20.15 Uhr, Arte

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robeuten 06.07.2017
1.
"Im Film kommentiert der Hardboiled-Autor Walter Mosley mit brutaler Ironie: "Einen Schwarzen für etwas freizusprechen, für das jeder andere Schwarze hingerichtet wird, das ist ein Zeichen für Fortschritt." " Tja, wie so oft braucht es einen Berufstrinker wie Mosley, um klar zu sehen - wobei, meinte er "hingerichtet", oder nicht doch "gelyncht"? So oder so ist es für mich kein "Fortschritt", sondern im Gegenteil klarer Hinweis, daß "Gerechtigkeit" ein oszillierendes Pendel ist - für O.J. schlug es zufällig in einer für ihn sehr angenehme Richtung. Wäre übrigens gut gewesen, wenn SPON erwähnt hätte, wie kriminell der gute Mann später war (und jetzt also bizarrerweise nicht für Mord, aber dennoch einsitzt...). Und, ja, er hat (wohl) nicht nur seine Frau, sondern auch deren Bekannten ermordet...
peherrmann 07.07.2017
2. Und wegen O. J.
Müssen wir uns jetzt medial mit den Kardashians herumschlagen... Hätten ihn die Bills nicht gedraftet, all das wäre uns erspart geblieben
sven17 07.07.2017
3.
Da kann man schon hingerichtet stehen lassen. Denn ohne einen Promibonus und die nötigen teuren Anwälte hätte er zumindest lebenslänglich bekommen, wenn nicht die Todesstrafe. Wobei seine Hautfarbe ihm hier auch bei der Verteidigung Vorteile verschafft hat. Ich glaube zum Beispiel nicht, das ein Weißer die Rassimuskarte bei dem ermittelnden Polizisten hätte anwenden können
Papazaca 09.07.2017
4.
Diese Doku ist ein Meisterwerk und erklärt vieles zum Verhältnis von Schwarz und weiß. Das ist aber nur eine Achse. Die Anwälte kosteten 50 000$ pro Tag. Ein Armer und ein Unbekannter - ob schwarz oder weiß - hätte man nicht freigesprochen. Die Anwälte von O.J. waren einfach viel besser als die der Anklage. Es gab als zwei Aspekte: Rasse UND Geld. Amerika, das sind Stars. Und diese Stars schützt man, (soweit es geht) selbst wenn sie Mörder sind.
pvrfvckngtrvnss 10.07.2017
5. Naivität oder gnadenloser Opportunismus?*
Oder vielleicht doch die Überwindung von Alltagsrassismus, nach der, zumindest bei uns, ständig gerufen wird, den wir aber nie loswerden, wenn wir jeden nicht-weißen (und zunehmend auch weiße) zuerst über seine Rasse und dann erst über seine Taten und Ansichten definieren.
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