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ARD-Drama über Odenwaldschule: Sonne, Mond und Missbrauch

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ARD-Film "Die Auserwählten": Kindheit in Angst Fotos
ARD/ WDR

Mindestens 132 Schüler wurden an der Odenwaldschule missbraucht. Der WDR liefert nun mit "Die Auserwählten" einen abgründigen Film zum Thema: Das Pädagogen-Paradies wandelt sich hier verstörend beiläufig zur Päderasten-Hölle.

Dieses Licht! Als Erstes fällt an "Die Auserwählten" die sanfte Sonnigkeit auf, die sich über die Missbrauchsgeschichte ergießt. Die malerischen Häuschen der Odenwaldschule, die sich auf zwei Hügeln im Hambachtal verteilen, sind in warmes Licht getaucht. Noch in den letzten Winkel der im Bauernstubenstil erbauten Lern- und Lebenslabore des einstigen reformpädagogischen Vorzeigeprojekts dringen die Sonnenstrahlen. Nachts hängt der Mond am Himmel, das Böse scheint sich hier nicht verstecken zu können. Alles ist erleuchtet.

Gedreht wurde "Die Auserwählten" nach langen Diskussionen mit der damaligen Schulleitung im Spätsommer des letzten Jahres in der Odenwaldschule selbst. Und so wie das Internat in der WDR-Produktion, die im Oktober im Ersten TV-Erstausstrahlung feiert, über weite Strecken ins Bild gesetzt ist, erscheint es tatsächlich als ein pädagogisches Utopia.

Ist das eine Verharmlosung? Im Gegenteil. Der helle, warme Look ist ein kluger dramaturgischer Zug, denn so lässt sich erklären, weshalb über drei Jahrzehnte lang, von den Sechziger- bis in die Neunzigerjahre hinein, Missbrauch an den Schülern betrieben werden konnte. Weshalb niemand einschritt, obwohl es genug Anzeichen für Vergewaltigungen gab: Wie soll es in so einem Paradies zu Pädoverbrechen kommen? Aber genau die gab es, und sie hatten System. Mindestens 132 Schüler der Odenwaldschule wurden Opfer sexueller Übergriffe. Nach der öffentlichen Aufarbeitung des Skandals ab 2010 geriet die Schule finanziell ins Trudeln, Schüler blieben weg, gerade wurde der Betrieb der Lehranstalt für ein weiteres Jahr gesichert.

Pogo-Ballett und Progrock-Geschüttel

"Die Auserwählten"-Regisseur Christoph Röhl war zwischen 1989 und 1991 selbst Tutor an der Odenwaldschule. Schon 2011 drehte er die Dokumentation "Und wir sind nicht die Einzigen" zum Thema. In seiner fiktionalen Annäherung (Buch: Sylvia Leuker und Benedikt Röskau) erzählt Röhl von den Vorfällen nun vor allem aus der Perspektive einer jungen Lehrerin (Julia Jentsch), die wie einst er selbst unvorbereitet an die Schule kommt. Eine Schule, auf der jeder nach seiner Fasson glücklich werden soll - nach dem Motto "werde, der du bist", unter dem die reformpädagogische Schule schon 1910 gegründet wurde.

Der Film spielt Anfang der Achtzigerjahre, die Lehrer schütteln sich vor dem Badezimmerspiegel zu süffigem Progrock, die Schüler werfen sich zu rotzigem Punkrock hin und her. In einer der anrührendsten Szenen führen zwei Jungs ein Pogo-Ballett zu "Going Underground" von The Jam auf. Man darf auf der Schule Igelschnitt tragen oder Matte, Nietenjacke oder auch nur Bademantel.

Und manchmal, die Lehrer sind so frei, wird der Bademantel einfach weggelassen.

Ohne die Reformpädagogik als Ganzes zu desavouieren zeigt Röhl auf, wie dicht Freigeistigkeit und Experimentierfreude bei Verrohung und Verwahrlosung liegen können. Lehrer und Schüler rauchen schon mal einen Joint zusammen; einer der Pauker (Adam Bousdoukos), ein ganz guter Typ eigentlich, steigt regelmäßig mit einer 17-jährigen Schülerin ins Bett; ein anderer hört sich nackt mit einem Schüler Strauss an, so ließe sich diese "reinste" aller Musiken am besten würdigen.

Unkonventionell, unziemlich, ungeheuerlich: Etappenweise begibt sich die junge Lehrerin in den Odenwaldkosmos, in dem nur scheinbar jeder nach seiner Veranlagung glücklich wird - eben weil der regellose Raum doch nur existiert, damit der Mächtige dem Machtlosen seinen Willen aufzwingen kann. Freiheit ist hier die Freiheit des Stärkeren.

Der Schrecken des "Pädagogischen Eros"

Und der Stärkste von allen ist Schulleiter Simon Pistorius. Ulrich Tukur spielt ihn in Anlehnung an den realen ehemaligen Odenwaldrektor Gerold Becker, der die Schule von 1972 bis 1985 leitete und der bei den offiziellen Untersuchungen zu den Missbrauchsfällen als Haupttäter genannt wird. Ein sensationeller Auftritt voll vergifteter Zärtlichkeit. Tukur porträtiert den Schulleiter als autokratischen Hippie und schalkäugigen Menschenfänger, der seine Lehrer ebenso im Griff hat wie die Träger des Vereins. Wer Kritik an seinem körperlichen Erziehungsstil übt, den bringt er mit dem Verweis auf den auf Platon zurückgehenden Begriff des "Pädagogischen Eros" zum Schweigen.

Mit offenen Armen geht Tukurs Pädo-Pädagoge auf die Kinder zu, neckt und lobt sie, erkundet ihre Schwächen - um diese dann für sich zu nutzen. Es braucht keine unheilvoll dräuenden Geigen und keine expliziten Bilder, um die dunkle Macht des Mannes zu zeigen. Eine kumpelhaft erscheinende Umarmung lässt einem schon beim Zuschauen das Blut gefrieren; die Kamera kann sich abwenden, alles ist gesagt.

Und die meist wohlhabenden Eltern schauen dankbar zu, weil da doch scheinbar jemand eine Verbindung zu ihren Kindern herstellt, zu der sie selbst nicht in der Lage sind. Die Verrohung der Nazi-Zeit und die Sprachlosigkeit der Adenauer-Ära stecken den Alten noch in Knochen; man sehnt sich nach einer zugewandteren Begleitung der Heranwachsenden, ohne dass man so genau weiß, wie die eigentlich aussehen könnte. Da kommen die burschikosen, selbstgewissen Vorträge des Schulleiters über die Befreiung von Körper und Geist gerade recht.

Der Film lässt die üblichen TV-Primetime-Vorgaben (bis auf die hölzerne Botschaftsdramaturgie ganz am Ende) souverän hinter sich. Bei aller fallspezifischen Genauigkeit ist "Die Auserwählten" aber weniger ein Aufarbeitungsprojekt zur Odenwaldschule geworden als vielmehr das Sittengemälde einer Zeit, als eine hilflose Elterngeneration in der Entgrenzung das Glück ihrer Kinder zu sehen glaubte. Ein Irrtum, der ins Heute nachwirkt. Das macht den Film allem Sonnenschein zum Trotz zu einer extrem düsteren Angelegenheit.


"Die Auserwählten", Mittwoch, 1. Oktober, 20.15 Uhr, ARD

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insgesamt 16 Beiträge
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1. Odenwaldschule
allereber 25.08.2014
Der ehemalige Stellvertreter Bernhard Bueb der Odenwaldschule wurde später Chef vom Internat Salem und hat nichts vom Missbrauch des Kinderschänder Gerold Becker germerkt.Wer das glaubt ist selig.
2. Muss man...
Tom82 25.08.2014
...alles verfilmen???
3. @Tom82
ympertrymon 25.08.2014
Zitat von Tom82...alles verfilmen???
Nein. Genauso wie man nicht alles anschauen muss, wenn es nicht interessiert.
4. muss man nicht ...
matijas 25.08.2014
Zitat von Tom82...alles verfilmen???
Nein, muss man nicht, hält man aber für nützlich. Warum drucksen Sie herum und sagen nicht einfach ehrlich, dass Ihnen dieser Film nicht passt, und vielleicht auch noch mit einer Begründung, über die man sich unterhalten könnte? Oder mögen Sie generell keine Filme, die mit der gesellschaftlichen Realität zu tun haben? Themen und Ängste möglichst unter Verschluss zuhalten, nicht öffentlich zu machen, ist doch genau die Mentalität, mit der Mißbrauch jahrelang unentdeckt stattfinden kann. Offenheit, freie Rede über alles, was passiert, ist der allergrößte Feind aller Mißbraucher - in Familie, Schule und Heimen.
5.
keiler123 25.08.2014
Trotz dieser grausamem Ereignisse hat diese Schule mein Leben gerettet und ich konnte eine normale positive Enticklung durchleben. Von den beschriebenen Missbräuchen habe ich und mein damaliger Freundeskreis keine Ahnung gehabt!!
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