Öko-Programm bei ProSieben Grünzeug für die Quote

Wer das Programm begrünt, dem blühen Quote und bessere Imagewerte. Deshalb veranstaltet ProSieben wieder einen "Green Seven Day": ein Gute-Laune- und Befindlichkeits-Brei aus Ökothemen, unterstützt von einem Mineralölkonzern.

UIP

Von Kathrin Hartmann


"Galileo"-Moderator Aiman Abdallah schaltet seinen Computer aus, wenn er ihn nicht mehr braucht. Seine Kollegin Annemarie Warnkross fährt viel Rad. Und Model Sara Nuru heizt den Backofen nicht vor. Das sind Promi-Energiespartipps , die man auf der ProSieben-Homepage anlässlich des "Green Seven Days" finden kann.

Bereits zum zweiten Mal schaltet der Privatsender auf Grün und bestückt das Programm am Freitag mit Öko-Themen - präsentiert ausgerechnet vom italienischen Mineralölkonzern Eni.

Abends zeigt ProSieben die erfolgreiche Dokumentation "Unsere Erde" (20.15 Uhr) und im Spätprogramm "Eine unbequeme Wahrheit" (23.15 Uhr) mit Al Gore, dem Säulenheiligen der modernen Ökos. Dazwischen gibt es Katastrophen-TV mit "Galileo Special: Klimafalle Deutschland". Reporter besuchen jene Orte der Welt, "in denen die Unwetter bereits toben".

Tagsüber will man allerdings nicht schlecht Wetter machen, da gibt es "Umweltschutz mit Spaßfaktor" (ProSieben). Auch die Unterhaltungsformate haben einen grünen Anstrich bekommen: In "It's My Life" (13 Uhr) kann man Familie Sundermann dabei zugucken, wie sie in den Ferien "nicht an den Strand fährt, sondern zur Demo gegen Genmais".

"We Are Family" (14 Uhr) bringt die grüne Variante der Aussteiger-Soaps: Drei Deutsche wandern nach Indonesien aus, um dort aus Treibholz ein Luxus-Öko-Tauchressort zu errichten. Das Boulevardmagazin "taff" zeigt, wie schon im letzten Jahr, problembewusste Hollywood-Stars und fragt: "Wie öko sind die Stars privat?"

In "Galileo" schließlich erklärt Aiman Abdallah, der ansonsten Berichte über die Herstellung von Dosenfisch als Wissenschaft verkauft, wie man spektakulär einfach das Klima schützt, indem man nur einmal im Monat statt Spaghetti Bolognese Nudeln mit Tomatensoße isst. Gute-Laune-Weltrettung für jedermann.

Von Natur aus showtauglich

Dass nun auch das Privatfernsehen auf der grünen Welle surft, liegt an der Showtauglichkeit des Themas. Ökobewusstsein lässt sich wunderbar inszenieren - mit kalkulierten Effekten, praktischem Service und scheinbar spektakulären Aktionen. Gezeigt wird Befindlichkeitsumweltschutz, der nicht weh tut oder einschränkt.

ProSieben ist der erste Sender, der einen ganzen Tag unter ein grünes Motto stellt. Das erste Format dieser Art ist der "Green Seven Day" aber nicht. Im März vergangenen Jahres machte Johannes B. Kerner seine 1111. Sendung zum Öko-Special. Dazu hatte Claudia Langer, Ex-Werbeagenturchefin und Gründerin des Online-Portals für "strategischen Konsum", das ZDF angestiftet.

Der in Bio-Baumwolle gekleidete Kerner hatte sich Langer, Klimaforscher Mojib Latif, Ex-Umweltminister Sigmar Gabriel und Tübingens grünen Bürgermeister Boris Palmer ins Studio geholt. Statt einer Politdebatte gab es lustige Selbstversuche, tröstliche Öko-Beichten und die gängigen Umwelt-Tipps: Mehr Duschen statt Baden.

Wie man "ein bisschen die Welt retten kann" (Kerner) brachte Claudia Langer schließlich auf eine so schmackhafte wie simple Formel: Einfach einmal pro Woche aufs Steak verzichten. Dann wurde die Studiobeleuchtung zugunsten energiesparender Neonröhren ausgeschaltet, was die mit Ökokosmetik geschminkten Gesichter der Gäste blau leuchten ließ. Das wiederum erinnerte sehr an die werbewirksame Aktion von ProSieben, Google, "Bild"-Zeitung, WWF, BUND und Greenpeace anlässlich des Klimagipfels in Bali 2007, bei der halb Deutschland samt Sonya Kraus, Telekom und Kölner Dom den Strom abschaltete.

Schön Wetter machen für Konzerne

Licht aus. Licht an. Licht aus. Selbst nach dem gescheiterten Gipfel in Kopenhagen kommt die mediale Verwertung des Klimawandels offenbar nicht hinaus über Öko-Glamour und Tipps ohne Komfortverzicht. Eine ernstzunehmende Klima-Berichterstattung hingegen scheint mit Kopenhagen beerdigt worden zu sein.

Denn auch bei den Öffentlich-Rechtlichen findet sich das Thema allenfalls in den Ratgeber- oder Wissensmagazinen wieder. Selbst ambitionierte Projekte wie das Auslandsjournal "XXL" im ZDF, das immerhin die Machenschaften der Energieriesen beleuchtete, haben sich nicht etabliert. Das Sonderformat hatte schon während Kopenhagen schlechte Quoten. Und die ARD hatte damals ihr Gipfelprogramm gleich ganz im Digitalfernsehen versteckt.

Aber gerade im Hinblick auf die Uno-Klimakonferenz Ende des Jahres in Mexiko wäre eine seriöse Berichterstattung wichtig. Wo ließe sich besser das Bewusstsein schärfen und Druck auf die Politik ausüben als im Fernsehen?

ProSieben versteht Engagement weiterhin als Event-Maßnahme. Deshalb platziert der Sender Freitag und Samstag die sogenannten "Green Seven Grid"-Girls an deutschen Agip-Tankstellen. Die Ladys sollen Autofahrer aufklären: "Mit dem richtigen Reifendruck lassen sich rund 600.000 Tonnen CO2 jährlich einsparen", freut sich ein Pressesprecher von ProSieben. "Um die Aktion realisieren zu können, waren wir auf die Zusammenarbeit mit einem Tankstellen-Partner angewiesen. So können wir zur Reduktion von CO2 dort beitragen, wo es entsteht."

Und ein bisschen Marketing-Politur gibt es an der Tanke gleich mit: Der Mineralölkonzern kann nach dem Namenswechsel von Agip zu Eni sein neues Logo mit grünen Imagewerten aufladen.

Autofahren für den Klimaschutz - das erfreut die deutsche Seele mindestens so sehr wie Saufen für den Regenwald.

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insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
fgranna 26.03.2010
1. Wunderbar!
Schöner Artikel! Lange nicht mehr so gegrinst. Danke!
john mcclane, 26.03.2010
2.
He he, wenn schon irgendwo die Knallchargen von "Galileo" ihre Pfoten im Spiel haben, ist größte Vorsicht angesagt. Vielleicht hätte der Autor noch mal den SpOn-Verriß einer Galileo-Mystery-Ausgabe (muß so knappe drei Jahre alt sein) verlinken können. Ich werde jedenfalls meinen Beitrag zum Klimaschutz leisten und zwar nicht weniger Strom verbrauchen (Fernseher bleibt an), ihn aber sinnvoll einsetzen (ich guck nicht Pro7). Wobei man Achmed Ballaballa, oder wie dieses Moderatoren-Imitat auch immer heißen mag, durchaus in Sachen Energieverbrauch als großes Vorbild für die typische Pro7-Zielgruppe bezeichnen kann: Eine große Leuchte ist er nämlich definitiv nicht...
Gegengleich 26.03.2010
3. Schöpfung
---Zitat--- Autofahren für den Klimaschutz - das erfreut die deutsche Seele mindestens so sehr wie Saufen für den Regenwald ---Zitatende--- Sollte es da Fr.Käßmann mit dem "Schöpfung bewahren" übertrieben haben?
brot_ohne_spiele 26.03.2010
4. Jep....
Viel mehr gibt es dazu wohl auch nicht zu sagen. Event-TV für Krokodilstränen-Vergießer.Und Erinnerung nicht zu vergessen zu Weihnachten das Spendenscheckheft zu zücken ;) So isses...danke.
KleinRuh, 26.03.2010
5. Galileo Mystery-Verriß bei SPON
Zitat von john mcclaneHe he, wenn schon irgendwo die Knallchargen von "Galileo" ihre Pfoten im Spiel haben, ist größte Vorsicht angesagt. Vielleicht hätte der Autor noch mal den SpOn-Verriß einer Galileo-Mystery-Ausgabe (muß so knappe drei Jahre alt sein) verlinken können. Ich werde jedenfalls meinen Beitrag zum Klimaschutz leisten und zwar nicht weniger Strom verbrauchen (Fernseher bleibt an), ihn aber sinnvoll einsetzen (ich guck nicht Pro7). Wobei man Achmed Ballaballa, oder wie dieses Moderatoren-Imitat auch immer heißen mag, durchaus in Sachen Energieverbrauch als großes Vorbild für die typische Pro7-Zielgruppe bezeichnen kann: Eine große Leuchte ist er nämlich definitiv nicht...
Sie meinen wahrscheinlich diesen Artikel, oder? http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,416806,00.html
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