Schöner fernsehen

Mockumentary über das Ende der DDR Der Traum vom gut geölten Sozialismus

ARD/ Niki Stein

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Hätte die DDR ein "Kuwait des Ostens" werden können? Dies legt zumindest der ARD-Film "Öl - Die Wahrheit über den Untergang der DDR" nahe, ein kunstvoll komponierter Politkrimi aus belegter Geschichte und reiner Fiktion.

Man kann sich gut vorstellen, wie die Programmkoordinatoren der ARD bei ihrer Konferenz ratlos vor diesem widerspenstigen Film-Bastard gesessen haben und grübelten, wo sie ihn platzieren sollten: In die Mittwoch-Primetime, die für Spielfilme reserviert ist? Oder in die Montagspätschiene, wo man meist Dokumentationen zeigt? Oder lieber doch gleich in den Giftschrank?

Denn der Neunzigminüter von Niki Stein, der nach einigem internen Gerangel nun in der Mittwochspätschiene läuft, besteht zu gleichen Teilen aus Dokumentation und Fiktion und schraubt diese Elemente atemberaubend freihändig zu einem Spektakel über Spionage, Rohstoffkrieg und Weltpolitik zusammen.

Die - wenn man sie so nennen will - Kernaussage der Mockumentary lautet: Vor Rügen und Warnemünde schlummern unendliche Reserven von Öl, im Film wird einmal von 500 Millionen Tonnen gesprochen. Und bis jetzt ist das nur noch nicht bekannt geworden, weil kurz vor der Wende auch der Bundesnachrichtendienst davon Wind bekommen hat und deshalb den Zusammenbruch der DDR und die Wiedervereinigung vorangetrieben hat.

Tränen erwünscht, Lacher auch

Weitere Mitspieler im großen Poker um das Schwarze Gold und Schwarz-Rot-Gold sind unter anderen: ehemalige Fischer des Fischkombinats Rostocks, Veteranen erster, nur mäßig erfolgreicher Ölbohrungen in Vorpommern in den Sechzigerjahren, ehemalige Stewardessen der DDR-Luftfahrtgesellschaft Interflug sowie ein ehemaliger Forscher, der in den Achtzigerjahren sowohl für die Stasi als auch den BND gearbeitet hat.

Regisseur Stein, der zuletzt mit einem Stuttgarter "Tatort" über die Machenschaften hinter Stuttgart 21 für Furore gesorgt hat, montiert geschickt Interviews mit echten Zeitzeugen der DDR-Industriegeschichte mit reportageartigen Szenen um fiktive Personen; gleichzeitig dekliniert er alle möglichen dokumentarischen Stile durch. Er bedient sich aus dem opulenten Fundus der DEFA mit authentischen Arbeitsweltreportagen, er täuscht in echten und inszenierten Interviewpassagen die subtilen dokumentarischen Annäherungstechniken des großen NDR-Journalisten und -Regisseurs Eberhard Fechner ("Nachrede auf Klara Heydebreck") an, gelegentlich rückt er seinen Figuren sogar im Stil von Doku-Soaps wie "Bitte melde dich" auf die Pelle. Tränen erwünscht, Lacher auch.

So entsteht ganz nebenbei eine kleine, hintersinnige Kulturgeschichte des Dokumentarischen in Deutschland.

Inspiriert wurde die HR-Produktion von dem Was-wäre-wenn-Roman "Schwarzes Gold aus Warnemünde" von Harald Martenstein und Tom Peuckert, die darin einen stolzen Erdöl-Sozialismus der noch bestehenden DDR beschreiben: Der Arbeiter- und Bauernstaat hat im Jahr 2015 den verarmten Westen weit hinter sich gelassen. In Steins Film hingegen haben sich die DDR-Oberen von den kapitalistischen Gegenspielern linken lassen und mussten deshalb ihren Staat abwickeln. Schabowskis legendäres Zettel-Zitat bekommt hier eine ganz neue Lesart und öffnet Raum für wilde Verschwörungsfantasien.

"Öl" ist ein großer Spaß - den man allerdings in seinem Subtext durchaus ernst nehmen darf: Weil er zeigt, dass Bilder nichts ohne ihre Kontextualisierung sind. Mal sehen, was der unvorbereitete ARD-Zuschauer am Mittwoch bei einem letzten Bierchen vor dem Schlafengehen zu Niki Steins Bildersturm auf die jüngere deutsche Politikonografie sagt. Publikumsbeschwerden sind nicht ausgeschlossen.


"Öl - die wahre Geschichte über den Untergang der DDR", Mittwoch, 22.45 Uhr, ARD



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17 Leserkommentare
jallajalla 21.10.2015
Sanitaetsknaster 21.10.2015
ackermart 21.10.2015
schumbitrus 21.10.2015
Das Grauen 21.10.2015
redbayer 21.10.2015
jurbar 21.10.2015
analyse 21.10.2015
angst+money 21.10.2015
Ismir Uebel 21.10.2015
sdietze 21.10.2015
Saitenschneider 22.10.2015
Walhirt 22.10.2015
thomasschneider62 22.10.2015
BordReporter 22.10.2015
schumbitrus 22.10.2015
frank_westphal 22.10.2015
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