Reporterlegende Sigmar Seelenbrecht Mit VHS-Kassette gegen Fake News

Seine Abgasenthüllungen führten zum autofreien Sonntag, Mick Jagger klaute einen Song bei ihm: Die ARD bringt eine Huldigung auf den Starreporter Sigmar Seelenbrecht - alias Olli Dittrich.

WDR/ Beba Lindhorst

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Bei einem Mann wie Sigmar Seelenbrecht haben Fake News keine Chance, in seinem Büroschrank lagern Dutzende von hochbrisanten VHS-Kassetten, mit denen er die fiesesten digitalen Tricksereien der Gegenwart offenlegt. Analog ist besser. Seelenbrecht, 81, ist das, was man eine Reporterlegende nennt: Ende der Sechzigerjahre aus einer Kommunenküche in Berlin-Kreuzberg eher zufällig ins öffentlich-rechtliche Fernsehsystem gestolpert, entwickelte er ganz eigene Techniken und Präsentationsformen der investigativen Recherche.

Krawatten wie aus Zirkuszeltplane, Publikumsansprache ohne Ranschmeiße: Der eher meditativ schnorchelnde als massentauglich sprechende Seelenbrecht wurde schnell zum Markenzeichen eines erstaunlich experimentellen, erstaunlich selbstbewussten neuen Fernsehjournalismus.

Seine aberwitzig anmutenden Versuchsanordnungen mit Personenkraftwagen führten in den Siebzigern zum ersten autofreien Sonntag, in den Achtzigern deckte er gleich zwei Skandale mit ein und derselben Recherche auf: Glykolwein und Blutdoping und wie beides zusammenhängt. Michael Groß, Klaus-Peter Thaler, Boris Becker, sie alle waren nach der Erkenntnis von Seelenbrecht auf Glykol unterwegs gewesen.

Diese Bilder lügen nicht

Der Reporter ging auf Tuchfühlung mit den Schönen und den Mächtigen. In dem ARD-Film "Der Meisterreporter - Sigmar Seelenbrecht wird 81" an diesem Donnerstag, der wie fast alle wichtigen Info-Formate im Ersten erst kurz vor Mitternacht läuft, belegen dies etliche Filmausschnitte, die Seelenbrecht an der Seite von Persönlichkeiten wie Willy Brandt, Joseph Ratzinger und Wladimir Putin zeigen. Kein Kamerabild, in das er nicht hineinzuschlüpfen verstand.

Und im Zusammenhang mit Putin demonstriert der Veteran noch einmal, was er mit seinem VHS-Archiv draufhat. So konfrontieren die Macher des ARD-Porträts Seelenbrecht mit einem Fake-News-Film auf YouTube, in dem zu manipulativ montierten Sequenzen die Behauptung aufgestellt wird, der scheinbar nicht alternde Kreml-Macho sei ein Klon seiner selbst. Seelenbrecht kann diese Lüge mit einem Griff in den Kassettenschrank entlarven: Ein Ausschnitt in dem Putin-Film stammt aus einem eigenen Interview, in dem Putin mit Seelenbrecht über seinen Labrador spricht.

Sigmar Seelenbrecht ist in Wirklichkeit Olli Dittrich,der hier nach dem Beckenbauer-Double Schorsch Aigner, dem Bildungs-Talker Konstantin Pfau und etlichen anderen öffentlich-rechtlichen Prototypen eine Reporter-Ikone erschafft. Albernheit auf hohem Niveau - das gestaltet sich schwierig in Zeiten, da die irrste Mockumentary längst nicht so irre ist wie die tägliche Alternative News. Es ist zwar nervig, dass in der neuen Dittrich-Show alte und aktuelle ARD-Größen wie Günther Jauch und Anne Will ihren Humor zu beweisen versuchen, indem sie penetrant augenzwinkernd das, hihi, große Vorbild loben. In der plausiblen Montage der Szenen, mit der die Biografie des Wahrheitsapostels Seelenbrecht zusammengelogen wird, liegt trotzdem großer Witz.

Und noch größere Trauer. Denn einen genialen, authentischen, selbstgewissen Zausel wie ihn sucht man heute natürlich vergeblich im deutschen TV.

Wäre es nicht wunderbar, wenn da ein Vertreter des alten öffentlich-rechtlichen Fernsehens das von Fake News und Zuschauerskepsis gebeutelte neue öffentlich-rechtliche Fernsehen mit einer alten VHS-Kassette retten könnte? Analoge Klarheit statt digitaler Kakophonie, Sendungsbewusstsein statt Verteidigungsmodus, Fabulierlust statt Fake-Frust. Ach, waren das Zeiten, in denen sich Typen wie Seelenbrecht frei von Selbstzweifeln zu Autoritäten hochnuscheln konnten. Da besaß der Journalismus allen Bart-, Gebiss- und Krawattenunfällen zum Trotz echten Glamour.

Mit Mick Jagger konnte Seelbenbrecht übrigens auch sehr gut. Als sie mal beisammensaßen, so erinnert es der Jubilar, spielte er dem Rolling-Stones-Sänger auf dem Klavier ein Stück vor, das er für seine Mutter komponiert hatte, "Engel" oder so ähnlich. Ein paar Jahre später brachten die Stones "Angie" heraus. Seelenbrecht stammt aus einer Zeit, da haftete dem Medium Fernsehen noch etwas Magisches an. Mögliche Lügen nannte man da noch dolle Geschichten. Lang ist es her.


"Der Meisterreporter - Sigmar Seelenbrecht wird 81", Donnerstag, 23.30 Uhr, ARD

insgesamt 5 Beiträge
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christian simons 15.06.2017
1. Horst Schlämmer für Fortgeschrittene
Das liebe ich so an Dittrich. Er wagt sich an die wirklich harten Brocken ran. Die sakrosankte Spezies der betagten, schollatourigen Welterklärer auf die Schippe zu nehmen, ist eine echte Herausforderung. Ich bin gespannt.
tim.krappmann 15.06.2017
2.
In der Mediathek von "Das Erste" ist die Satire-Reportage schon verfügbar, danach für genau ein Jahr. Ich habe sie mir gerade angesehen, war wirklich sehr sehenswert. Schauen sie sich die Sendung in der Mediathek an und nicht auf Youtube etc., eine solche Arbeit muss man unterstützen, besonders wegen des bescheuerten Sendeplatzes. Wer die Grandseigneure kennt, die Dittrich hier parodiert, der wird viel Spaß haben. Ich habe gerade am Anfang viel gelacht. Manchmal werden die Geschichten so grotesk, dass man glaubt, Dittsche hätte einen Auftritt neben Scholl-Latour und Kollegen. Neben der Beckenbauer-Reportage ist diese meine Lieblingsfolge in der Reihe, unbedingt ansehen!
marcus_tullius 16.06.2017
3. Versendet sich
War ja ganz nett, das halbe Rentner-Schläferstündchen. Aber so furchtbar harmlos hätte ich mir das nach dem ganzen Pre-Hype nicht vorgestellt. Schon vor Jahrzehnten war Loriot bissiger, schärfer und genauer. Unterhaltungsfernsehen wie aus dem Analog-Zeitalter, das tut niemandem weh. Ein hineinkopierter Reporter im Pseudodialog mit Willy Brandt, boah ey. Is' ja 'n dolles Ding!
fccopper 16.06.2017
4. Wer's
nicht mag, dem empfehle ich den Fernsehgarten ... Für mich war es unterhaltsam und ein albernes Vergnügen.
lalito 23.06.2017
5. mag es
Kann es sehr gut ab, wenn es offensichtlich ist, dass da jemand ganz bei seiner Sache ist. Auch wenn es hin und wieder doch ein wenig konstruiert wirkt, so findet man die markanten Kleinigkeiten wie dieses "nicht wahr" doch auch in selbst erlebten Begegnungen der Vergangenheit sofort wieder. Seine Fähigkeit, Personen bzw. Typen en Detail zu analysieren und diese dann nur ein ganz klein wenig überspitzt an den Start zu bringen, Hut ab. Mutige Zurückhaltung würde ich es nennen, und natürlich großzügig gegenüber den Originalen, aus denen er sich den jeweiligen Charakter zusammengestrickt hat. Bringt er auch rüber, als er den Stones den Erfolg mit "Engel oder so ähnlich" von ganzem Herzen gönnt und die Problematik mit einer Handbewegung beiseite wischt. Hat Klasse.
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