Olympia live im Fernsehen Zeitreisen auf dem Sofa

Der Boxer geht zu Boden, duscht aber schon längst? Das Pferd springt, steht aber bereits wieder im Stall? Im Olympia-Blog "Helden des Tages" werden Leistungen geehrt, die es nie in die Rekordbücher schaffen. Diesmal: ARD und ZDF für ihre fürsorglich manipulierten Live-Bilder.

DPA

Fernsehzuschauer sind manchmal wie kleine Kinder im Spielwarenladen: Sie wollen alles, und sie wollen es jetzt. ARD und ZDF aber verzichten bei den Olympischen Spielen stillschweigend auf das alte TV-Gütesiegel "Live". Keiner weiß mehr, wie echt und vor allem wie "jetzt" das ist, was wir sehen.

Aber ist es eigentlich wichtig, ob der Anschlag bei der 4x100-Meter-Lagenstaffel im Olympia-Schwimmstadion tatsächlich in dem Augenblick stattfindet, in dem ich ihn zu Hause auf dem Sofa sehe? Habe ich darauf überhaupt einen Anspruch? Schließlich kommt das Bild ja ohnehin ein paar Nanosekunden verspätet auf meiner Netzhaut an. Welche Rolle spielt es dann, wenn mir ARD und ZDF irgendein Gehüpfe hier oder ein Gepaddel dort ein paar Minuten zeitversetzt präsentieren?

Die öffentlich-rechtlichen Sender liefern aus London das Ergebnis einer fürsorglichen Manipulation. Wir sollen alles mitbekommen, und daher bekommen wir manche Sachen eben nicht "in Echtzeit" mit, nur echtzeitnah sozusagen. Verraten wird uns das von ARD und ZDF nicht so gern, eine Einblendung wie "Achtung! Dieses Pferd stürzt NICHT live!" sucht man vergeblich, nur ab und an murmelt ein Moderator was davon, bevor vom Reitunfall zum Ruderunfall geschaltet wird.

15 Sekunden in epischer Breite

In den USA läuft Olympia bei NBC und Zeitzonen- und Primetime-bedingt am Abend, wenn drüben in England bereits alle Bahnen geschwommen und alle Punkte gemacht sind. Den Amerikanern macht das vergleichsweise wenig aus. Als sich aber ein Journalist des britischen "Independent" via Twitter darüber beschwerte, wurde ihm prompt der Account gesperrt - weil NBC und Twitter kooperieren. Logisch eigentlich, dass der klassische Fernsehsender seine Saumseligkeit durch den Einsatz eines digitalen Kurznachrichtendienstes abfedern will. Was nichts am zurückgelehnten "Wochenschau"-Charakter der Spiele im US-Fernsehen ändert.

Erinnert sich noch jemand an die Fußball-EM? Bei der Europameisterschaft vor wenigen Wochen hatte sich die "Weltregie" erlaubt, ein wenig mit der Zeit zu spielen. Da wurde etwa eine passend zum Rückstand ihrer Mannschaft weinende Zuschauerin gezeigt - die Tränen flossen allerdings schon vor dem Spiel, aus Rührung über die Nationalhymne. Und wie lässig sah das aus, als Joachim Löw während der Partie gegen die Niederlande den Balljungen foppte - doch auch das reinmontiert in die Live-Übertragung. Nicht zu sehen waren dagegen bengalische Feuer, Flitzer oder Protestplakate. ARD und ZDF hatten bei der Uefa protestiert, und die Uefa hatte halbherzig Besserung gelobt. Mit dem Fußball kann man's ja machen.

Anders bei Olympia, wo viele Wettbewerbe parallel laufen. Da kann man ja als Sender gar nicht alles parallel zeigen, das weiß der Zuschauer ja auch. Das war schon immer so, und früher war's viel schlimmer, da bekam man von Randsportarten so gut wie gar nichts mit. Bis die öffentlich-rechtlichen Spartenkanäle aufkamen und man zu 3sat oder EinsPlus schalten konnte, um die eigene Bogenschießtechnik mit der der Olympioniken abzugleichen, wenn einem danach war. Aber mit der Spartenkanal-Randsport-Übertragung ist es vorbei, heute müssen sich ARD und ZDF rechtfertigen, weil es da dieses Internet gibt, wohin sie die Live-Übertragung der ehemaligen Spartenkanal-Randsportarten verbannt haben. Das ärgert viele Menschen, die kein Internet haben, so wie früher, als sich viele Menschen ärgerten, die kein 3sat oder EinsPlus hatten.

Ins Netz jedenfalls kann ausweichen, wer Poschmann und Delling entrinnen sowie Sport genau dann haben will, wenn Sport stattfindet. Wobei es bei zu geringer Übertragungsrate sogar möglich ist, einem Tischtennisspiel zu folgen, ohne jemals den kleinen weißen Ball zu sehen. Ruckelruckel. Immerhin besteht nicht - wie noch bei der EM - die Gefahr, dass beim öffentlichen TV-Gucken in der benachbarten Kneipe schon vor 15 Minuten orkanartig über eine Silbermedaille im Judo gejubelt wurde, nur weil die dort einen Kabelanschluss haben.

Und manche Sachen kann man sich ja auch abends als Zusammenfassung in den Nachrichten anschauen, das ist genau in den strengen IOC-Regeln für Ausstrahlungsrechte festgelegt. Will etwa Sat.1 olympisches Gold für Deutschland nachrichtlich aufbereiten, dann gilt: Von jedem Sportereignis darf ein Drittel der Zeit gezeigt werden, die es in Anspruch genommen hat. Es sei denn, "die Dauer eines speziellen olympischen Ereignisses beträgt weniger als 15 Sekunden". So ein Ereignis dann in seiner ganzen epischen Pracht ausgestrahlt werden.



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Seite 1
Luna-lucia 04.08.2012
1. wenn LIFE
Zitat von sysopDPADer Boxer geht zu Boden, duscht aber schon längst? Das Pferd springt, steht aber bereits wieder im Stall? Im Olympia-Blog "Helden des Tages" werden Leistungen geehrt, die es nie in die Rekordbücher schaffen. Diesmal: ARD und ZDF für ihre fürsorglich manipulierten Live-Bilder. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,848138,00.html
angesagt wird, muss auch life gesendet werden. Life heißt für uns, das direkte Geschehen verfolgen zu können. Wenn nun life angekündigt wird, und das Gesendete hat eine zeitliche, warum auch immer Verspätung, so ist das, vorausgesetzt, es ist dem Sender vorher bekannt, und von diesem auch noch gewollt, so sehen wir das Betrug an. Betrug am Zuschauer, der ja nicht das Geschehen, wie angekündigt, nun doch nicht life sehen kann. Vielleicht sollte man hier eine zeitnahe Übertragung ankündigen. Life ist im vorgezeichneten Fall ein Betrug, aus unserer Sichtweise
odins_krautsalat 04.08.2012
2. Gerne auch mit
"Live". Wobei Leben ja auch eine schöne Sache ist. ;)
Luna-lucia 04.08.2012
3. ohhh
Zitat von Luna-luciaangesagt wird, muss auch life gesendet werden. Life heißt für uns, das direkte Geschehen verfolgen zu können. Wenn nun life angekündigt wird, und das Gesendete hat eine zeitliche, warum auch immer Verspätung, so ist das, vorausgesetzt, es ist dem Sender vorher bekannt, und von diesem auch noch gewollt, so sehen wir das Betrug an. Betrug am Zuschauer, der ja nicht das Geschehen, wie angekündigt, nun doch nicht life sehen kann. Vielleicht sollte man hier eine zeitnahe Übertragung ankündigen. Life ist im vorgezeichneten Fall ein Betrug, aus unserer Sichtweise
Auszug aus: Warum live- statt life- Übertragung | Fremdsprachen | wer-weiss-was (http://www.wer-weiss-was.de/theme46/article6552856.html) ... man liest oft, dass etwas live übertragen wird. So wie man es aussprciht, müsste man aber life-Übertragung schreiben. nun ja, wenn sich die Schreibweise nach der Aussprache orientieren würde, müsste man *Leif schreiben... Wie kommt s zu der Schreibweise? Es kommt daher, dass man im Englischen, aus dem der Begriff entlehnt ist, live schreibt (und [laɪv] spricht). Dass wir im Deutschen ein f am Ende sprechen, hängt mit der Auslautverhärtung zusammen, die wir im Deutschen automatisch (und meist unbewusst) auch auf Fremd- und Lehnwörter (unabhängig von deren ursprünglicher Aussprache) anwenden.
Verpeilt 04.08.2012
4.
Live ist in dem Fall kein Verb und wird deshalb auch nicht wie ein solchen ausgesprochen sondern ein Adjektiv. Die nativspeaker sprechen es genauso aus wie die deutschen. Das hat nichts mit Auslautverhärtung zu tun.
Luna-lucia 05.08.2012
5. ohhh, danke
Zitat von VerpeiltLive ist in dem Fall kein Verb und wird deshalb auch nicht wie ein solchen ausgesprochen sondern ein Adjektiv. Die nativspeaker sprechen es genauso aus wie die deutschen. Das hat nichts mit Auslautverhärtung zu tun.
wir sind leider keine Germanistik Studentinnen. Aber wir finden Sprachwissenschaften trotzdem hochinteressant. Man bekommt dadurch ein anderes, größeres Wortverständnis. Sie können uns jederzeit gerne korrigieren. Sinnvolles wir lernen immer gerne dazu.
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