Israel-Debatte bei Jauch: Endlich Grass drüber

Von Christoph Twickel

Es ist an der Zeit, die Debatte um Grass' Israel-Gedicht ad acta zu legen: Der Eklat gibt nur noch so wenig Zündstoff her, dass sich die Talkrunde bei Günther Jauch schwer tat, Empörung zu generieren. Hierzulande ist man mit dem Blechtrommler schon wieder versöhnt.

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Talk-Gastgeber Jauch: Günter war Thema bei Günther

Alle Wetter - dieses Schreiben in Versen hat schon was! Noch der banalste Aussagesatz steht plötzlich ganz anders da. Lesen Sie mal:

Dass Israel Atomwaffen besitzt

Ohne darüber zu sprechen und sich kontrollieren zu lassen

Dass die USA und die europäischen Mächte dieses akzeptieren

Während sie Iran wegen seiner atomaren Ambitionen ächten

und mit einem Embargo belegen

All das ist - ich versage mir keineswegs, es auszusprechen

Nur all zu bekannt

Auch dass der Welt drittgrößter Waffenlieferant

Jenem anderen Land, um dessen Namensnennung

Der Großdichter so ein wortreiches Gewese macht

Dass also Israel aus deutschen Schmieden U-Boote, Panzer

Und sonstiges Tötungsmittel erstanden hat

All dieses ist ebenfalls leidlich überliefert und Gegenstand der Berichterstattung.

Toll, oder? Diese Verse sind mir vor der sonntäglichen Günther-Jauch-Talkshow mit dem Thema "Der Blechtrommler - was ist dran an Grass' Israel-Kritik?" zugeflogen. Leider habe ich das Poem nicht rechtzeitig vollenden können und muss nun in läppischer TV-Rezensions-Prosa weiterschreiben. Na gut, ein paar Zeilen darf ich noch:

Nicht die Israel-Kritik

sondern die eitle Pose des Tabubrechers,

des Unverstandenen und

des "Überlebenden" eines kommenden Atomkrieges

macht das Gedicht so ungenießbar.

Aber natürlich kann man, zumal die mediale Aufregung ja schon mehrere Runden gedreht hat, mal zur Abwechslung Israel, Iran und den Nahost-Konflikt zum Thema einer Grass-Talkshow machen. Das klappte anfangs nur semigut.

In der ersten halben Stunde durften zunächst alle berichten - als wär's der 11. September 2001 gewesen - wie es ihnen ergangen ist, als sie das Gedicht zum ersten Mal gelesen haben.

Heide Simonis - dank Lübecker SPD-Connection eng verbunden mit Grass - verriet, dass sie "einen Moment lang die Luft angehalten" hatte. Michael Degen, Schauspieler und Holocaust-Überlebender, war "nicht überrascht", hält Grass aber nicht für einen Antisemiten. Auch der Historiker Michael Wolffsohn, der im Interview mit SPIEGEL ONLINE noch erklärt hatte, das Gedicht sei ein "in Scheinlyrik gepresstes, antisemitisches Pamphlet", mochte Grass bei Jauch nicht als Antisemiten bezeichnen - wenn auch mit der Veröffentlichung "Dämme gebrochen" seien.

Jauch spielte ein Interview mit Marcel Reich-Ranicki ein, das er vor der Sendung geführt hatte. Darin erklärte der greise Literaturpapst, dass im Werk des Dichters "keine Spur" von Antisemitismus zu finden sei und stellte sich vor, wie es hätte sein können, wenn er und der Literaturnobelpreisträger sich nach Veröffentlichung von "Was gesagt werden muss" begegnet wären:

"Herr Grass, musste das denn sein?"

"Ja, ich brauchte das!"

Gedichteschreiben als Triebabfuhr. Die Zuschauer - jedenfalls die, die an der Online-Abstimmung der ARD teilnahmen - mochten das mehrheitlich goutieren: Über 49 Prozent waren nach Ablauf der Sendung der Meinung "Ich stimme Grass vollkommen zu", nur knapp 15 Prozent fanden "Grass ist zu weit gegangen". In der Talkrunde war das Verhältnis umgekehrt: Degen, Wolffsohn und Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) bildeten die Anti-Grass-Front, einzig SPIEGEL ONLINE-Kolumnist und "Freitag"-Verleger Jakob Augstein mochte Grass' Position verteidigen.

"Ich hab nichts erfahren, was ich nicht schon vorher gewusst habe"

Heide Simonis fand das Gedicht zu "leicht und luftig" formuliert, argumentierte dann aber an der Seite von Augstein gegen Waffenlieferungen an Israel. Die vielbeschworene deutsch-israelische Freundschaft sei schon immer ein "Eliteprojekt" der politischen Klasse gewesen, analysierte Michael Wolffsohn - Israel gehöre in Deutschland seit jeher zu den unbeliebtesten Staaten.

Trotzdem hielten sich alle in der zweiten Hälfte der Sendung brav daran, nicht die Befindlichkeiten der Deutschen, sondern den Israel-Iran-Konflikt zu debattieren. Das Enfant terrible durfte der im Publikum befragte Nahost-Experte Michael Lüders geben, der Grass' "Grundaussage, dass Israel den Weltfrieden gefährdet" als "absolut richtig" bestätigte. Schließlich hätte Israel im Unterschied zu Iran zwei- bis dreihundert atomare Sprengköpfe. Außerdem würden die Mullahs nie und nimmer Jerusalem bombardieren lassen, eine Stadt, die auch für die Muslime ein Heiligtum sei. Wolffsohn hielt dagegen, dass Israel die Nuklearisierung Irans unbedingt verhindern müsse, weil ein atomares Patt ein konventionelles Wettrüsten anheizen würde, das Israel nicht bestehen könne.

So kam dem greisen Literaturnobelpreisträger die Ehre zu, Anlass für militärstrategische Mutmaßungen zu sein. Ist das nun die "wichtige Debatte", für deren Anstoßung laut Online-Abstimmung immerhin 34 Prozent der Zuschauer dem Dichter danken? Bereits zu Anfang der Sendung stellte Heide Simonis treffend fest, dass Grass die große Diskussion "gründlich misslungen" sei: "Ich hab nichts erfahren, was ich nicht schon vorher gewusst habe."

Immerhin durfte Günther Jauch stolz vermelden, dass im Zuschauer-E-Mailverkehr keineswegs der Pöbel mit Antisemitismuskeulen oder Holocaustrelativierungen aufeinander eindrosch. Vielmehr habe es in den Zuschriften "keinen Antisemitismus" gegeben und die Diskussion sei "sehr sachlich" verlaufen. Na, wer sagt's denn? Auch beim Thema Israel - die Deutschen bleiben locker und zivilisiert. Ganz zum Schluss gab's dann noch ein paar versöhnliche Archivbilder, wie Herr Grass Frau Simonis beim Disco-Fox herumschwenkt - er hatte gerade vom Nobelpreis erfahren. Letzte Tinte hin, Atomkrieg her: Der alte Schnauzbart bleibt doch des Landes liebstes Dichtermaskottchen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, Jakob Augstein sei Chefredakteur des "Freitag". Tatsächlich ist er jedoch Verleger der Wochenzeitung, Chefredakteur ist Philip Grassmann. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 81 Beiträge
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1. Der Beitrag macht Hoffnung!!!
grana 16.04.2012
Zitat von sysopEs ist an der Zeit, die Debatte um Grass' Israel-Gedicht ad acta zu legen: Der Eklat gibt nur noch so wenig Zündstoff her, dass sich die Talkrunde bei Günther Jauch schwer tat, Empörung zu generieren. Hierzulande ist man mit dem Blechtrommler schon wieder versöhnt. Israel-Debatte bei Jauch: Endlich Grass drüber - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,827697,00.html)
Das der Spiegel sich wieder mehr Berichterstattung anstatt Meinungsmache auf die Fahnen schreibt. Wer Antisemitismus sucht, wird sie kaum in Grass seinem Gedicht finden.
2. Grass !
althus 16.04.2012
Zitat von sysopEs ist an der Zeit, die Debatte um Grass' Israel-Gedicht ad acta zu legen: Der Eklat gibt nur noch so wenig Zündstoff her, dass sich die Talkrunde bei Günther Jauch schwer tat, Empörung zu generieren. Hierzulande ist man mit dem Blechtrommler schon wieder versöhnt. Israel-Debatte bei Jauch: Endlich Grass drüber - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,827697,00.html)
Grass ist nun einer der drei deutschen Nobelpreisträger für Literatur der deutschen Nachkriegszeit und findet allein dadurch Aufmerksamkeit.aber wird er auch gelesen ? ich glaube kaum, denn sonst hätte man nicht erst Reich -Ranicki befragen müssen : Es gibt in Grass Werk keine Spur von Antisemitismus ! Aber der aufgeregte Medienzirkus dürfte mehr zum Antisemitismus beigetragen haben, als den Journalisten lieb sein kann, da brauchen Sie nur die SPON- Foren zu diesem Thema verfolgen. Leider !
3. Dichter-Maskottchen ?
leerzeichen 16.04.2012
Zitat von sysopHierzulande ist man mit dem Blechtrommler schon wieder versöhnt.
Das hätten einige Leute vielleicht gerne. Tatsächlich gehört der Mann aus der SPD geschmissen. Jauchs Weichspül-Talk war dem eigentlichen Problem unangemessen (da war Illner schon besser).
4. Was sucht dieser Quiz-Onkel in der ARD?
Stuhlbeinsäger 16.04.2012
Wenn man Kapitän Blaubär die Sendung moderieren lassen würde, wäre was gewonnen. Unerträglich, diese Rätselnase zur besten Sendezeit die Sinne der Zuschauer nerven zu lassen.
5. Verteidigen
Foul Breitner 16.04.2012
Naja, 5 : 1 bei Jauch. Wieviele Talkgäste eine Position verteidigen hängt davon ab, wer eingeladen ist. Minister Niebel, das muß man wohl korrekterweise auch sagen, vertritt die "Meinung" der Bundesregierung, nicht seine eigene.
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