Gekürzter ARD-Thriller über Kinderhandel: Zu pessimistisch für die Primetime

Von Tim Slagman

Kinderprostitution zur besten Sendezeit? Die ARD geht das schwierige Thema mit dem Thriller "Operation Zucker" gekonnt an - und wird von der Freiwilligen Selbstkontrolle gebremst. Jetzt werden zwei Versionen gesendet: um 20.15 Uhr eine optimistischere, nach Mitternacht das düstere Original.

"Operation Zucker": Engel mit gebrochenen Flügeln Fotos
ARD/ BR

Berlin im Winter: Die Stadt erscheint in fahlem Grau, die Gesichter der Menschen sind bleich, die Stimmung gedämpft, hinter schmutzigen Fassaden werden Kindersklaven aus Osteuropa gehalten. Regisseur Rainer Kaufmann hat seinen Bildern nahezu alle Farbe entzogen und über seinen Film eine bleierne Atmosphäre gelegt. Denn der Kinderhandel-Thriller "Operation Zucker" will betrüben - betrüben und aufrütteln.

Für die beste Sendezeit jedoch ist diese Stimmung offensichtlich zu deprimierend, das Ende des Films zu hoffnungslos. Das letzte Bild zeigt eine der jungen Hauptfiguren, wie sie sich auf dem Straßenstrich verkaufen muss, um zu überleben. Die Freiwillige Selbstkontrolle Kino (FSK) hat den Film für eine geplante DVD-Auswertung geprüft und aufgrund seiner pessimistischen Aussage eine Freigabe ab 16 Jahren erteilt. Dieses Urteil hat nun auch der Appellationsausschuss bestätigt, so dass "Operation Zucker" in seiner ursprünglichen Version erst ab 22 Uhr im Fernsehen gezeigt werden darf.

Die ARD war gezwungen zu handeln: Zum geplanten Sendetermin am Mittwoch in der Primetime läuft nun eine gekürzte Fassung, die dem Schluss der Geschichte ein wenig von seiner unversöhnlichen Wucht nimmt. Die Originalversion ist am Mittwoch ab 22 Uhr in der Mediathek des Ersten abrufbar und wird Donnerstag früh um 0.20 Uhr in der ARD zu sehen sein.

Auch in der leicht gekürzten Fassung sei der Film "äußerst wirkungsvoll und ein wichtiger Appell", sagt ARD-Programmdirektor Volker Herres. Genau dieses bisweilen etwas penetrante Sendungsbewusstsein ist eine der wenigen Schwächen an einer eigentlich sehr präzise und ruhig, vielleicht unterkühlt inszenierten Geschichte um Menschenhandel und sexuellen Missbrauch von Kindern. Ein Thema, das zuvor auch schon im viel diskutierten "Tatort"-Zweiteiler aus Hannover abgehandelt wurde.

Hilfe von Ronnie, dem Schlepper

Am Spekulativen haben die Schöpfer von "Operation Zucker" gerade deshalb kein Interesse, weil sie die institutionalisierte Gewalt der Behörden und der Politik mindestens für so fatal halten wie die unmittelbare Gewalt des unfreiwilligen Aktes. So laufen die ermittelnden Polizisten Karin Wegemann (Nadja Uhl) und Uwe Hansen (Anatole Taubman) immer wieder gegen Wände, wenn es um Durchsuchungsbefehle geht und um die Unterstützung aus der Richtung, die man gerne mal nebulös als "oben" beschreibt. Oben, da sitzt etwa die Staatsanwältin Dorothee Lessing (Senta Berger), die Wegemann und Hansen schließlich doch mühevoll auf ihre Seite ziehen können.

Produzentin Gabriela Sperl und Rolf Basedow (der für Dominik Graf den Krimi-Mehrteiler "Im Angesicht des Verbrechens" geschrieben hat) recherchierten intensiv bei Streetworkern und sozialen Organisationen, auch Unterlagen aus dem Visa-Ausschuss des Deutschen Bundestags lieferten wertvolle Informationen. Und dann gab es da noch jemanden, der im Film nun Ronnie (Stefan Rudolf) heißt und als dramaturgisches Scharnier fungiert.

Der Schlepper Ronnie ist irgendwann der letzte Strohhalm, nach dem die Ermittler noch greifen können, als ihre Razzien fruchtlos geblieben sind, weil die Bordellbetreiber offensichtlich gewarnt wurden. Ronnie, der raus will aus dem Milieu und rein ins Zeugenschutzprogramm. Ronnie, dessen Antrag natürlich abgelehnt wird, von oben, und zu dessen Fall plötzlich alle Akten verschwinden. Geschah dies deshalb, weil ein hochrangiger Lokalpolitiker und ein Richter, ein Freund von Staatsanwältin Lessing, beim Betreten des Bordells fotografiert wurden? Einen Ronnie gibt es wohl tatsächlich, eine Journalistin stellte den Kontakt zwischen ihm und den Produzenten her. Die Empörung über dessen Fall und über die Mechanismen, die man dahinter vermuten muss, beseelt den ganzen Film, doch Kaufmann lässt es nicht zu, dass die Wut aller am Projekt Beteiligten eine fahrige, zornige Inszenierung zum Ergebnis hätte.

Papierkram machen, Auto fahren, Kinder verkaufen

Es gibt keine exzessive Gewalt in "Operation Zucker". Der Menschenhandel erscheint als geradezu nüchternes Gewerbe, das aus Papierkram, Auto fahren und viel Schweigen besteht. Das unterscheidet den Film von "Denn sie wissen nicht, was sie tun". Dieser Krimi aus der "Polizeiruf 110"-Reihe, den die ARD damals freiwillig aus Jugendschutzgründen in den späten Abend verschob, leitete eine am Ende fast kammerspielhafte Geschichte mit einem drastischen Bombenattentat ein. Hier brach für einen kurzen Moment die Gewalt mit schockierender Intensität in einen scheinbar heilen Alltag ein. In "Operation Zucker" hingegen ist schon dieser Alltag wesentlich auf Ausbeutungsverhältnisse gegründet.

So wird Fee (Paraschiva Dragus) aus ihrem verschneiten rumänischen Märchenland gerissen, wo sie gewaltige Bären mit Brötchenresten angelockt hat, und sie landet im Separee eines Berliner Pädophilenpuffs, wo ein Fettwanst sich auf dem Bett neben ihr niederlässt, der seinen teuren Anzug gegen ein Handtuch eingetauscht hat. Diesen Gegensatz zwischen einem angeblich authentischen Leben, arm, aber würdevoll und im Einklang mit der Natur einerseits und der verfetteten Dekadenz der schwerreichen Kunden andererseits betont Kaufmann bisweilen so energisch, dass sein Film dadurch ins Klischeehafte zu kippen droht.

Aber er macht auch klar: Hier gibt es für die Ermittler höchstens ab und an eine Schlacht zu gewinnen, während an anderer Front eine verloren wird und der Krieg sich womöglich endlos weiterzieht. In der ursprünglichen Fassung wird dies noch deutlicher: Dort müssen sich die Ermittler geschlagen geben, der Kinderhandel floriert weiter, am Straßenstrich nimmt das Elend seinen Lauf.

Doch auch ohne diese drastische Schlussszene ist "Operation Zucker" in seiner konsequenten Erzählhaltung eine seltsam deprimierende Wohltat.


"Operation Zucker": Mittwoch um 20.15 Uhr (gekürzte Version), 0.20 Uhr (ungeschnitten), ARD

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