Abseitiger Humor aus Österreich "Dallas" für Geistesgestörte

Hoanzl/ ORF/ Superfilm

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Abseitigen Humor aus Österreich liefern nicht nur die Brenner-Krimis mit Josef Hader - in seiner neuen Mini-Serie "Altes Geld" um eine kaputte Milliardärsfamilie weidet sich der Regisseur David Schalko lustvoll an den Abgründen hinter der Dekadenz.

Manche Regisseure besitzen eine Wucht, dass man Angst bekommt, ihren Reiz kaputtzuschreiben. David Schalko, in Deutschland zu Unrecht weitgehend unbeachtet, ist so einer: 2011 sezierte er mit seiner Serie "Braunschlag" die moralischen Abgründe einer Dorfgemeinschaft dermaßen erbarmungslos, Kellerpersiflage in der Zeit nach Josef Fritzl inklusive, dass man sich als Zuschauer kaum zwischen Spaß und Horror entscheiden konnte.

Auch in der neuen Reihe "Altes Geld" umarmt Schalko wieder ungeniert das Verkommene, setzt diesmal jedoch nicht auf den Bruch mit der ländlichen Idylle, sondern ganz oben an der Nahrungskette an: Als "'Dallas' für Geistesgestörte" bezeichnete der Regisseur selbst seine Serie. Passt ziemlich gut, denn der Milliardärsfamilie Rauchensteiner schmeichelt auch die Bezeichnung dysfunktional noch. Vater erpresst Sohn, Bruder schläft mit Schwester, Mutter mit fast allen und schmiedet Mordpläne.

Als der hepatitisgeplagte Patriarch (Udo Kier) erfährt, dass er dringend eine neue Leber braucht, erklimmt die Amoral in der Familie eine neue Stufe. Weil Bestechungsversuche im Krankenhaus scheitern, soll der, der ihm ein neues Organ besorgt, das Familienerbe kriegen - die Jagd um die Leber geht los: Ein beunruhigend loyaler Personenschützer (Robert Palfrader) hat Kontakte nach Afghanistan, der Sohn Zeno (Nicholas Ofczarek), dem die Maßlosigkeit ins aufgedunsene Gesicht geschrieben steht, schachert beim Glücksspiel um Organe. Seine Freundin (Edita Malovči) klopft derweil mit ihrem Hundesitter bei einer ominösen Tierklinik an, die vielleicht auch für noch mehr zuständig ist.

Lederhandschuhe aus Menschenhaut

Das ist schon alles ziemlich drüber, und wird im Laufe der acht Folgen noch kontinuierlich abseitiger: Da taucht ein rätselhaftes Paar Lederhandschuhe aus Menschenhaut auf oder ein alkoholkranker Bürgermeister, für den sich die bestellten Huren als seine verstorbene Frau verkleiden müssen.

Und dann wuchern zwischen diesen Merkwürdigkeiten auch noch die vergifteten Beziehungen zwischen den Rauchensteinern, denen der gegenseitige Ekel in die blassen Gesichter gemeißelt ist und die Biestigkeiten um sich werfen. Sohn zu Vater: "Ich wünsche mir nicht deinen Tod; ich wünsche mir nur, es hätte dich nie gegeben."

Intimität wird bei den Rauchensteinern nur dann möglich, wenn sie morbide ist: "Was ist das für ein Leben, wenn nie ein Löwe wartet? Wir müssten mehr um unser Leben laufen", sagt Patriarch Rauchensteiner, als er irgendwann die Lebenslust des Todgeweihten entdeckt. Am Abend thront Rauchensteiners Frau Liane (Sunnyi Melles) im Schlosspark zwischen einem Rudel Löwinnen und blickt zu ihrem Mann - näher lagen Liebeserklärung und Morddrohung selten beieinander.

Anfällig für die Gewissenlosigkeit ist jeder

Natürlich hebelt sich die Serie durch dieses ganze süffige Tamtam, das durch die durchkomponierten Filmbilder und dem geradezu provozierend geschmackvollen Klavier-Soundtrack unterfüttert wird, als kritische Fabel über die Verkommenheit der Mächtigen selbst aus. Vor der Veröffentlichung von "Altes Geld" wurde in Österreich zwar Skandalöses gewittert, weil Schalkos Serie Parallelen zur realen Politik- und Medienszene Österreichs aufweist; der alkoholkranke SPÖ-Bürgermeister etwa ist in seiner Serie in einen Korruptionsskandal rund um ein Gesetz zum Glücksspiel verwickelt.

Das mag hervorragende PR sein, aber mit solcher schlichten Moral kann man Schalko nun wirklich nicht beikommen. Tatsächlich versackt bei ihm alles Skandalöse angesichts des unterhaltsamen Gesamtskandals, der seine Serie ist. Und: Geld und Macht ziehen bei ihm auch nur die Linie zwischen denen, die korrumpieren und denen, die korrumpierbar sind - anfällig für die Gewissenlosigkeit ist jeder.

So kommt auch der persönliche Sekretär Rauchensteiners, eigentlich Familienvater inmitten einer Normalo-Idylle mit Couch, Bücherwand und Garten, langsam auf den Geschmack der Dekadenz. Seine Ehe zerbricht fast - auch weil er vor seiner Frau den Job beim Milliardär mit dem zweifelhaften Ruf verheimlicht.

Die Reichen und Mächtigen leisten es sich, die Werte-Verlotterung wie eine Trophäe vor sich herzutragen, weiter unten wird der Anstand gewahrt. Zumindest solange, bis sich die Möglichkeit für den eigenen Aufstieg bietet.


"Altes Geld": Als DVD-Box, die komplette Staffel ist bei der ORF-Plattform "Flimmit" abrufbar.



insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
taglöhner 31.03.2015
1.
Klasse Text, Eva Thöne! Macht Lust zum Gucken!
ruzoe 31.03.2015
2.
Bin jetzt aber g'spannt ', denn den hinterfotzigsten Schmäh haben eben nur die Älpler 'drauf. Und die von Waldstätten sieht immer so aus, als dürfe sie ohne Begleitperson nicht auf dem Set erscheinen und mit Kier kann's nur schrundiger werden als die Gendarmerie für zulässig ansieht...
mostschädel 31.03.2015
3.
DVD via hoanzl.at (für Deutschland, Schweiz & Österreich) oder via Amazon erhältlich. Absolut sehenswert!
christian simons 31.03.2015
4.
Das scheint endlich einmal ein deutschsprachiges Serienprodukt zu sein, dass sich den menschlichen Abgründen nicht mit erhobenem Zeigefinger und einer volkspädagogischen Agenda nähert. Hört sich gut an....
twistie-at 31.03.2015
5.
Na, nach den Vorstadtweibern bin ich gespannt. Da habe ich Tränen gelacht, insbesondere als die immer adrette Maria dann die Vorkommnisse rund um ihre Familie beichtete. "Ah, Ihr Mann hat Sie also gedeckt?" "Nein, eben nicht." Einfach schön.
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