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31. Mai 2012, 09:57 Uhr

Wallraff bei RTL

Einer trage des anderen Päckchen

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In seiner neuesten Undercover-Recherche prangert Günter Wallraff die Missstände beim Paketzusteller GLS an. Der Enthüllungsjournalist solidarisiert sich mit den Ausgebeuteten der Branche - und organisiert dabei einen sonderbaren Zusammenschluss großer Medienmarken. Gewinner dabei ist vor allem er selbst.

Na, wollen wir uns anlegen? Im Vorspann zu seiner neuen Fernsehreportage am Mittwochabend bei RTL schaut Günter Wallraff zugleich einladend und kämpferisch in die Kamera - so ähnlich wie es Birgit Schrowange immer für ihr Boulevard-Magazin "Extra" tut. Zumindest inszenatorisch scheint Wallraff voll angekommen bei RTL. Stellt sich die Frage: Wer profitiert da eigentlich von wem?

Deutschlands größter Enthüllungsjournalist bei Deutschlands größtem Privatsender, das ist ein echter Marken-Coup. Zumal neben Wallraff und RTL noch zwei weitere Medienmarken in das groß beworbene Undercover-Spektakel einbezogen sind, das "Zeit-Magazin" und "stern TV". Seit Wochen bewarb man ein gemeinsames Rechercheprojekt - über dessen Inhalt man gleichzeitig absolutes Schweigen vereinbart hatte. Bekanntgegeben wurde nur, dass Wallraff ein weiteres Mal ausbeuterische Arbeitsverhältnisse anprangern werde.

Fragte man bei RTL nach, um was es sich denn ungefähr handele, wurde man offiziell auf die Ausstrahlung der Sendung mit dem Titel "Günter Wallraff deckt auf!" verwiesen. Unter vorgehaltener Hand freuten sich die Sendermitarbeiter aber über die, so der RTL-Hausjargon, "Kooperation von Prekariatssender und Bildungsbürgerpostille". Wallraff selbst, der die letzten Jahre eng mit dem "Zeit-Magazin" verbunden war, drückte es in der einzigen Vorabverlautbarung zum Geheimprojekt so aus: "Ich will jüngere Zuschauer erreichen und vor allem auch Menschen wie die, deren Arbeitsbedingungen ich geteilt habe. Die gehören eher zum Publikum von RTL."

Kaputte Körper, kaputte Lieben, kaputte Familien

Eine riskante Zielgruppen-Optimierung wird da also vom Undercover-Veteran betrieben - die aber im gewissen Sinne aufgeht. Tatsächlich gelingt es dem Verkleidungskünstler in "Günter Wallraff deckt auf!" mit den Inszenierungstechniken des deutschen Schmuddel-Senders einen Missstand in der deutschen Schmuddel-Wirtschaft offenzulegen: Wallraff schmuggelt sich als Bote bei dem Paketdienst GLS ein - um so exemplarisch die sittenwidrigen Arbeitsbedingungen in der Zustellerbranche aufzuzeigen.

In der RTL-Undercover-Reportage sieht man Wallraff 14-Stunden-Schichten mit unterschiedlichen Paketboten runterreißen. An einem Tag muss er mit dem Kollegen 130 Stopps absolvieren und dabei 230 Pakete abliefern, einige wiegen angeblich weit mehr als das zulässige Gewicht von 40 Kilo. Man sieht den alten Herrn, der sich hier mit Hornbrille und vollem Haupthaar nur bescheiden verkleidet hat, klapprig Treppen rauf- und runterlaufen, um das hohe vorgegebene Tempo einzuhalten. Der Stundenlohn für eine solche Plackerei beläuft sich auf nicht einmal vier Euro. Die Paketboten, die Wallraff auf ihren Touren begleitet, erzählen von kaputten Körpern, kaputten Lieben, kaputten Familien.

Dem Reporter selbst reicht ein einziger Tag, um an seine Grenzen zu kommen: In einer Szene sieht man, wie er erschöpft auf er Ladefläche des Sprinters zusammensackt.

Ein eindringlich in Szene gesetzter Selbstversuch - der dann aber im Laufe des RTL-Films mit wichtigen Fakten zum System GLS unterfüttert wird. Es wird nachgezeichnet, wie der Paketdienst seine Boten dazu zwingt, Arbeitszeitgesetze zu brechen, dafür aber sämtliche Verantwortung an Subunternehmer auslagert. So sieht sie aus, die Ausbeutung in Zeiten des boomenenden Internethandels. Wer sich schon mal gefragt hat, weshalb man die schnell herbei geklickte Ware so kostengünstig nach Hause geliefert bekommt - der RTL-Film gibt die traurige Antwort.

RTL, der optimale Arbeitsplatz für Wallraff

So gesehen ist Wallraffs RTL-Reportage ein gelungener Coup: Extrem plakativ erzählt, aber faktisch fundiert aufbereitet wendet sie sich an die Masse der Zuschauer, die mit ihren Bestellungen die beschriebenen Arbeitsverhältnisse mitbedingen. Sieht so aus, als ob Wallraff mit dieser Arbeitsweltbesichtigung seinen optimalen Arbeitsplatz gefunden: RTL.

Die aus der gleichen Recherche generierte Story für das am Donnerstag erschienene "Zeit-Magazin" wirkt dagegen plump - weil sie viel zu sehr die Befindlichkeit des Autors in den Mittelpunkt stellt. Wo der 69-Jährige im RTL-Film beängstigend mitgenommen aussieht, da füttert er in seiner in Ich-Form geschriebenen "Zeit"-Geschichte immer wieder sein Ego. Kostprobe: "Ich mache Marathon-Training, hebe Gewichte. Aber mit den Paketen im Arm ist alles ganz anders (...) Und das bei weit über 100 Stopps am Tag. Die Arbeit als Paketauslieferer im Dauerlauf und Dauerstress hat mich an meine Grenzen gebracht. Obwohl ich durchtrainiert bin und harte Arbeit kenne." Da hätte man sich statt des starken Kerls doch lieber eine starke redigierende Hand gewünscht.

Und wo im RTL-Film die Maskerade eher nebenbei thematisiert wird, da rückt sie im "Zeit-Magazin" eitel ins Zentrum. Wallraff beschreibt darin ausführlich, wie er von Alpträumen geplagt wird, dass ihn jemand seiner Kollegen oder Kunden erkennen könnte. Ihn, die Reporter-Ikone. Je weiter man allerdings den Ich-Ich-Ich-Bericht liest, hat man das Gefühl, Wallraff plagten Alpträume, dass ihn eben keiner erkenne. Doch der Mann fliegt eben nicht auf.

Und woran liegt's? Die Analyse im "Zeit-Magazin" ist einfach: "Die GLS-Uniform verschluckt jedes Individuum." Die Uniform als Strategie der Entmenschlichung? Ja, so einfach ist das nach Sicht von Wallraff: "Dienstboten schaut man nicht ins Gesicht. Sie fallen erst auf, wenn sie in großer Zahl ihre Rechte einfordern."

Während dieser revolutionäre Impetus im edlen "Zeit"-Supplement ein wenig deplaziert wirkt, gelingt es Wallraff bei RTL tatsächlich, seinem Anliegen nachzukommen: Im Anschluss an die Reportage sitzt er dann bei "stern TV", um dort noch mal effizient gegen die Versandindustrie zu wettern. Das aktuelle "Zeit-Magazin", das er wohl in die Kamera halten wollte, liegt da nur vor gerechter Wut und mit schwitzigen Händen zerknittert auf seinem Schoß.

Wer bei der großen volksaufklärerischen Markenkooperation eigentlich von wem profitiert? Die Bildungsbürgerpostille vom Boulevard bestimmt nicht. Aber Günter Wallraff von allen anderen Beteiligten.

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