Von Hasnain Kazim, Islamabad
Man könnte meinen, die Frauen regten sich auf über junge Leute, die Sex auf der Parkbank haben, mitten in der Öffentlichkeit, am helllichten Tag. Dabei sitzen sie nur da, küssen sich nicht einmal, unterhalten sich, halten vielleicht ganz verschämt ihre Hände. Verliebte Jugendliche eben, aber von der harmlosen Sorte.
"Da sind welche", sagt Maya Khan, Moderatorin der pakistanischen Morgenshow "Früh am Morgen mit Maya". Sie ist mit ein paar Frauen in einem Park in der Hafenmetropole Karatschi unterwegs, es sind vor allem Mütter von Töchtern. "Halloooooo!", ruft sie einem Paar zu. Der junge Mann und die verhüllte Frau sehen Khan auf sich zurennen, hinter ihr ein Kameramann und eine Horde Muttis. Das Paar steht auf und geht weg. "Da laufen sie, da laufen sie!", schreit Maya Khan. Sie versucht, die beiden einzuholen, schafft es aber nicht. "Sie haben etwas zu verbergen, sie haben Angst!", sagt sie in die Kamera. Die Frauen lachen, finden das alles sehr witzig.
Maya Khan kümmert sich in ihrer täglichen Show neuerdings um die Probleme ihrer Zuschauer. Sie können bei ihr anrufen und mitteilen, was ihnen auf dem Herzen liegt. Maya geht der Sache dann nach. Schon in der zweiten Folge ging es um die Liebespaare, die sich zum Rendezvous in öffentlichen Parks treffen. Ein paar Mütter haben sich darüber beklagt, dass ihre Töchter sich dort ständig mit Jungs verabreden. Offensichtlich ist das ein Problem in einer Gesellschaft, die ihre Frauen in weiten Teilen abschirmt und in der Liebesbeziehungen zwischen Männern und Frauen nur in einer Ehe toleriert werden.
"Eine moderne Erscheinungsform der Taliban"
Maya Khan spürt ein weiteres Paar auf, diesmal hält der Kameramann Abstand, damit die Turtelnden nicht sofort weglaufen. "Wie heißt du?", fragt sie den Jungen. "Ich bitte Sie, machen Sie die Kamera aus", antwortet der, er hat den Kameramann entdeckt. "Sie ist aus", lügt Khan. "Warum seid ihr hier im Park? Wissen eure Eltern, dass ihr euch hier trefft?" Das Mädchen sagt, sie seien verlobt. Dann steht das Paar auf und verschwindet.
Eine Mutter kommentiert, eine Verlobung sei kein Grund, sich im Park zu verabreden. "Eine Verlobung ist kein legaler Vertrag, und wenn die Familien dagegen sind, dass die Verlobten sich treffen, dann sollen sie das unterlassen", schimpft sie. Eine andere Frau sagt, jetzt würde sich herumsprechen, dass Maya Khan Paare in einem Park gejagt habe, eine Zeitlang würden dann alle Parks in Karatschi frei von Liebespaaren bleiben. Maya Khan und ihre Begleiterinnen kichern.
Nach Ende der Sendung dürfte Khan aber das Lachen im Halse stecken geblieben sein: Zuschauer überschütten die glamouröse Moderatorin und ihren Sender Samaa TV seither mit Kritik. Im Internet wird Khan als "moderne Erscheinungsform der Taliban" gegeißelt, ihre Hetzjagd auf Liebespaare verglichen mit der Schreckensherrschaft von islamischen Extremisten. Petitionen, die Sendung abzusetzen, finden online tausende Unterzeichner, offene Briefe an Khan und den Sender wurden veröffentlicht. "Ich liebe Parks", schreibt zum Beispiel die pakistanisch-amerikanische Bloggerin Mehreen Kasana. "Ich liebe Bänke." Und: Sie sei verliebt. "Die meisten jungen Leute sind es. Mach dir keine Sorgen, es ist nichts Außergewöhnliches, Absurdes oder Bösartiges", klärt sie Khan auf. Und ja, sie würde sich mit ihrem Angebeteten in einem Park treffen.
Hinter der Aufregung um Khans Show steckt letztlich die Frage, wie viel Freiheit eine islamisch geprägte Gesellschaft eigentlich erträgt - eine Gesellschaft, die sich aus Angst vor den Religiösen nicht traut, ein rückständiges Blasphemiegesetz abzuschaffen. Eine Gesellschaft, in der arrangierte Ehen noch immer üblich sind, sich Paare vor der Hochzeit nicht ohne Aufsicht treffen dürfen und außerehelicher Sex tabu ist. In der es jährlich Tausende von Säureattacken auf Frauen und sogenannte Ehrenmorde gibt.
Aber das ist nur die eine Seite. In den Städten gibt es schillernde Partys, Alkohol und Drogen. Schauspielerinnen verdienen ihr Geld per "Escort-Service", Prostituierte bieten Gruppentarife an. Und natürlich gehen die Menschen ihren Neigungen nach, ob hetero, bi oder homo. Letztere nennen es nur nicht so.
Sie habe niemanden verletzen wollen, sagt Khan
Die Kritiker der Sendung sind sich einig: Die persönliche Freiheit muss verteidigt werden, Maya Khan hat eine Grenze überschritten. Man fühle sich an die "Islamisierung Pakistans in den achtziger Jahren durch den Militärdiktator Zia ul-Haq erinnert", schreibt einer auf Facebook. Man dürfe nicht zulassen, dass die Liberalisierung der Gesellschaft durch "Krawallanten wie Maya Khan" rückgängig gemacht werde, notiert ein anderer. Der Sender habe es nur auf die Quote abgesehen, aber "diese selbsternannte Sittenpolizistin Maya Khan mit ihren mittelalterlichen Moralvorstellungen" sei eine Gefahr für die Freiheit der Menschen in Pakistan. Auf Khans Facebook-Seite finden sich wüste Beschimpfungen.
Khan gibt sich derweil tapfer. Sie sei lediglich einem "Problem" nachgegangen, auf das sie ihre Zuschauer hingewiesen hätten, rechtfertigt sie sich jetzt lachend zu Beginn ihrer Sendung. Sie habe niemanden verletzen wollen und werde sich entschuldigen, wenn man sie "im Dialog" überzeuge, aber nicht durch Schimpfwörter. Dass die sie treffen, macht sie im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE deutlich. "Was habe ich denn Falsches getan?" Es sei nicht das erste Mal, dass sie Themen nachspüre, auf die sie von ihren Zuschauern hingewiesen wurde. "Ich habe in meiner Sendung schon vielen Menschen geholfen."
Nur was das mit der Jagd auf Liebespaare zu tun hat, kann sie nicht erklären. Die besagte Sendung ist von der Internetseite von Samaa TV verschwunden. Warum eigentlich? "Ich weiß es auch nicht", sagt Khan. "Wahrscheinlich, weil es sehr viel Kritik an ihr gibt und meine Chefs nicht wollen, dass das Video weiterverbreitet wird." Doch das lässt sich kaum mehr einfangen, Ausschnitte kursieren längst im Internet.
Der Chef von Samaa TV hat sich deshalb zu einer Entschuldigung entschlossen. "Ich kann versichern, dass so etwas nie wieder passieren wird", schreibt Zafar Siddiqui an die Kritiker. Er habe entsprechende Anweisungen gegeben - und betont: "Samaa TV ist ein fortschrittlicher Sender."
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