Paranoia-"Tatort" aus Bremen: Liebe im Herzen, Messer im Rücken

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Bremen-"Tatort": Liebe, Verzweiflung, Mord Fotos
Radio Bremen

Kaum zieht die Liebe im "Tatort" ein, wird ihr sogleich der Garaus gemacht. Erst wird der Lover von Kommissarin Lürsen erstochen, dann zieht sie mit dem kriegstraumatisierten Kollegen Stedefreund rum. Ein extrem schwarzer Paranoia-Krimi aus Bremen.

Das war ein kurzer zweiter Frühling. Im letzten Bremer "Tatort" hatte Kommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel) auf einmal den 20 Jahre jüngeren Galan Leo Uljanoff (Antoine Monot Jr.) an ihrer Seite, der der Kaffeekonsumentin gegen ihr anfängliches Sträuben grünen Tee servierte und Zärtlichkeiten zuflüsterte. Am Anfang der aktuellen Episode will Lürsen ihm nun den Schlüssel zu ihrer Wohnung zustecken. Kurz darauf bekommt Uljanoff auf der Toilette des Polizeipräsidiums ein Messer in den Rücken gerammt und verendet am Urinal.

Mit der Liebe im "Tatort" ist es wie mit dem Sex im US-Teenhorror: Taucht sie als Möglichkeit in der Handlung auf, greifen die Drehbuchautoren sofort zu drastischen Abwehrmaßnahmen. Brutal werden potentielle romantische Partner aus der Story getilgt. Die zweite Liebe, für die meist etwas älteren deutschen TV-Ermittler ist sie so gefährlich wie der erste Geschlechtsverkehr für Teens im amerikanischen Slasher-Milieu.

Wie viele Liebhaber (und Liebhaberinnen) alleine schon die dienstälteste "Tatort"-Ermittlerin Ulrike Folkerts als Lena Odenthal kommen und sterben sehen hat; als Konsequenz lebt sie seit geraumer Zeit ein ziemlich liebesfreies Leben, kuschelt mit der Katze und pflegt eine platonische Freundschaft zum Mitbewohner. Auch Postels Kommissarin Lürsen wurde in Liebesdingen schon häufig übel mitgespielt, einem Treffer im Herzen folgte oft eine Kugel im Kopf des Objekts der Zuneigung. Dass die Macher nun Lürsens frische Liebe wie in einem US-Schlachthorror entsorgen, macht die Ausweglosigkeit von Amore im "Tatort" besonders deutlich.

Furien im Abrechnungsmodus

Und was kriegt Lürsen für den Verlust der Liebe als Ausgleich? Den ollen platonischen Gefährten Stedefreund (Oliver Mommsen). Der hatte sich in der letzten Folge nach Afghanistan verabschiedet, um dort Polizisten auszubilden. Jetzt taucht er - just in dem Moment, in dem Uljanoff auf der Toilette abgestochen wird - wieder im Revier auf. Ausgemergelt, mit leicht wahnsinnigem Blick, extrem nervös. Stedefreund und Lürsen - zwei Wracks tun sich noch einmal in Ermanglung von Alternativen zusammen.

Geht in Ordnung. Aber die Szenen, die sich um Stedefreunds posttraumatische Belastungsstörungen drehen, sind leider die schlechtesten, die man bislang im deutschen Fernsehen zum Thema gesehen hat. Explodierende Gewalt zu molllastiger Musik, das ist Kriegsversehrten-Klischee pur. Da war der deutsche Fernsehfilm schon weiter, zum Beispiel der Kölner "Tatort" unter der Regie von Andreas Kleinert im letzten Jahr.

Zur Verdichtung des Paranoia-Szenarios in diesem "Tatort" aber trägt das Trauma-Motiv trotzdem bei. Wo man hinschaut, sieht man beziehungsunfähige Menschen. Und das auf engstem Raum. Fast der gesamte Film spielt auf dem Polizeirevier. Eine verstörte Ärztin taucht hier auf, die behauptet, ihr Mann wolle sie töten, so wie er einst schon das gemeinsame Kind getötet habe. War er es auch, der Uljanoff erstochen hat? Und treibt er sich noch im Präsidium rum?

Später wird der Flüchtige gefasst - und erzählt eine ganz andere Geschichte als seine Frau. Die habe ihn mit bösen Tricks ins Gefängnis gebracht. Ein dichtes, nervenaufbreibendes Szenario: In dem einen Verhörzimmer sitzt schwitzend, zitternd, schreiend Dr. Marie Schema (Annika Kuhl), eine Chirurgin, die ihre 30-Stunden-Schichten nur noch auf Speed bewältigt, in dem anderen ihr Ex-Mann Joseph Wegener (Peter Schneider, sensationeller Auftritt in "Die Summe meiner einzelnen Teile"), der in seinem Fatalismus und in seinem Hass auf die Welt zu allem bereit scheint. Zwei Furien im Abrechnungsmodus - wer hat hier wen in den Abgrund gezogen? Die beiden begegnen sich nur einmal auf dem Flur, zusammen aber bilden sie ein monströses negatives Kraftzentrum, in das alle Menschen um sie hineingezogen werden.

Regisseur Florian Baxmeyer und Autor Christian Jeltsch, die gemeinsam schon einige exzeptionelle "Tatorte" geliefert haben, inszenieren den Film als formvollendeten Paranoia-Thriller. Neben klaustrophobischen Szenen in den Verhörzellen gibt es erratische Kameraflüge in den schwarzen Nachthimmel.

Sehnsucht wird in der düsteren "Tatort"-Welt von Lürsen und Stedefreund, diesen Wracks im Dreivierteltakt, bestraft. Wie bei allen Fernsehkommissaren bleibt am Ende nur die Freundschaft, die traurige Schwester der Liebe.


"Tatort: Er wird töten", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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insgesamt 18 Beiträge
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1. Die Allerwertesten
carolian 07.06.2013
Da wird wieder mal jedes Klischee der Bessermenschen zu Volkserziehungszwecken gequält. Dies Volkserziehungskrimis gehen mir aber sowas an den Backen vorbei. Ein Kriegstraumatisierter und eine alleinerziehende Loverin, die mit einem Gauner rumbumst hatten wir schon gefühlte 9 mal. Je. Also zwei Beknackte bemühen sich darum, ihren Lebenstil als den Allerwertesten zu erklären.
2. Stimmt nicht so ganz, Herr Buß
Gitta100 07.06.2013
Sie schreiben in ihrem Artikel, dass Drehbuchschreiber jeder Art von Liebe oder Anwandlungen dazu bei den Tatortfolgen in ihren Drehbüchern töten. Ich fürchte da tun sie Drehbuchschreibern Unrecht, da diese den Anweisungen der Sendeanstalten Folge leisten müssen. Da sind neue Idee, viel Liebe, Licht und Sonne leider Fremdwörter.
3.
boeseHelene 07.06.2013
Zitat von sysopRadio BremenKaum zieht die Liebe im "Tatort" ein, wird ihr sogleich der Garaus gemacht. Erst wird der Lover von Kommissarin Lürsen erstochen, dann zieht sie mit dem kriegstraumatisierten Kollegen Stedefreund rum. Ein extrem schwarzer Paranoia-Krimi aus Bremen. http://www.spiegel.de/kultur/tv/paranoia-tatort-aus-bremen-mit-sabine-postel-a-903458.html
mal wieder ein typischer Erziehungskrimi aus Bremen, die Bremer Tatorte sind generell einfach nur abgedreht und langweilig mit grauen erinnere mich noch an den Tatort zu den Handystrahlen. Dann doch lieber Navy CIS oder eine meiner Aufnahmen vom Festplatten Receiver, ein gutes Buch käme auch noch Frage.
4. Die Täterin
RuedigerGrothues 07.06.2013
„Erst wird der Lover von Kommissarin Lürsen erstochen, dann…“ Da ist der Teaser gewiss absichtlich in diese Richtung formuliert worden, oder?
5.
magellan1960 07.06.2013
diese abgehalfterten tatort kommissare, die noch teilweise selbst das drehbuch schreiben, sind mir ein graus. schauspielerisch absolut unbrauchbar gehen sie mit ihren gez gut finanzierten rollen ins rentenalter. das betrifft vor allem die münchner zombie kommissare und diese frau postel.
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Zum Autor
Christian Buß, Jahrgang 1968, ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden noch so schlechten "Tatort". Doch der TV-Krimi ist für ihn nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit. Wer wissen will, wie das Land tickt, der kommt um den "Tatort" nicht herum.