Prestigeprojekt "Parfum" Komplettkatastrophe vom Niederrhein

Das ZDF will auch mitmischen beim aktuellen Serienboom - und verfilmt den Weltbestseller "Das Parfum" mit modernem Twist. Hilft aber nix.

ZDF/ Jakub Bejnarowicz

Manchmal macht ein Artikel den feinen Unterschied. So wie bei der neuen Serie, wegen der das ZDF gerade ganz aus dem Häuschen ist. Die heißt nicht "Das Parfum" , sondern "Parfum". Soll vermutlich signalisieren: Das hier ist keine Verfilmung des berühmten Romans von Patrick Süskind (die gibt es ja auch schon). Nein, es ist viel frischer, griffiger, komplexer, krasser, cooler als die olle Buchstabenwüste. Stichwort: "Goldenes Zeitalter der Serie".

Deshalb ist "Parfum" auch nicht direkt beim ZDF angesiedelt, sondern bei ZDFneo, dem sich jung und wild gerierenden Halbbruder des Senders mit dem viel zitierten Kukident-Image, und eröffnet dort ein neues Label mit dem semikreativen Namen "NEOriginal".

"Parfum" will die jüngeren Zuschauer abholen, also die, die so verrücktes Zeug machen wie Serien-Binge-Watching, und die vermutlich auch hin und wieder mal bei Netflix reinschauen. "Parfum" also ist dazu da, all die jungen Leute zurückzuholen, die immer diese krassen Sachen bei der Streaming-Konkurrenz schauen, weil sie die beim ZDF bis auf das Serienmeisterwerk "Bad Banks" und vielleicht noch die beiden "Ku'damm"-Staffeln nicht finden. Die Serie läuft zuerst bei ZDFneo und ist zeitgleich in der Mediathek abrufbar, beim Hauptsender wird sie erst Anfang 2019 ausgestrahlt.

Auf der Suche nach dem fehlenden Artikel

Um das Jungsein auch wirklich krass hinzubekommen, brauchte das Projekt einen Twist, so glaubt man offensichtlich beim ZDF. Deshalb die Sache mit dem fehlenden Artikel. Und deshalb wurde der Roman "von den Machern in eine moderne, sechsteilige, in der Gegenwart spielende Serie kongenial übertragen". Das war jetzt ein Zitat aus dem Presseheft, in dem das eigene Produkt über die Maßen in den Himmel gehoben wird.

Fotostrecke

10  Bilder
"Parfum": Hauptsache abgründig

Ist Promotion, klar, aber es verrät auch einiges über die Haltung, mit der die ZDF-Hauptredaktion Fernsehfilm/Serie und die Produzenten Oliver Berben und Sarah Kirkegaard ihr "Parfum" betrachten. "Serielles Erzählen in drei Dimensionen", "radikal", "soghaft", "setzt Maßstäbe", "sui generis, ohne Vorbilder und Anlehnungen". Das verwundert dann doch nach Sichtung der drei von sechs Episoden, die das ZDF der Presse zur Verfügung stellte.

Denn "Parfum" (Regie: Philipp Kadelbach) sieht aus wie konventionelles Serienfernsehen, bei dem man die Farbe rausgedreht und viele Sequenzen aus Versehen in Zeitlupe gedreht hat. Nach der Hälfte der Laufzeit hat die Serie einen Sog entwickelt, vergleichbar mit einem herbstnebligen Sonntagnachmittag am Niederrhein, irgendwann zwischen Apfelkuchen und "Tagesschau".

Zwischen Goch und Kleve

Am Niederrhein spielt nämlich die Geschichte, noch so ein Unique Selling Point, das ZDF ist ganz stolz darauf, dass das mal jemand gewagt hat. Zwischen Goch und Kleve also ermittelt die Profilerin Nadja Simon (Friederike Becht) im Mord an einer rothaarigen Frau, der man die Haare abgeschnitten und tiefe Schnitte unter den Achseln und an der Scham zugefügt hat.

Die Frau war Sängerin und hat die Männer reihenweise um den Finger gewickelt, früher war sie mal auf einem Internat und dort Mitglied eines verschworenen Freundeskreises. In diese Vergangenheit führen Simon ihre Ermittlungen, und natürlich zählen die Freunde von damals zu den Hauptverdächtigen. Einer von ihnen prügelt seine Frau, ein anderer hatte noch nie Sex, der Dritte betreibt ein Bordell, und einer lebt in Paris und ist - Achtung! - Parfümeur.

Ansonsten wird sehr lange nicht klar, was das Ganze mit Süskinds Weltbestseller von 1985 zu tun haben soll, man glaubt schon an Etikettenschwindel, bis in Folge drei dann der Roman in der Spielhandlung auftaucht. Die Schüler haben ihn damals im Internat gelesen und sich ihren ganz eigenen Reim darauf gemacht, und in der Handlungsgegenwart setzen sie im Verhör zu einer Romanerörterung an. Es geht darin wohl um die Suche nach der Liebe, glauben alle.

Nur Düsternis

Wobei es die, das macht das Drehbuch von Eva Kranenburg überdeutlich, in der Welt der Serie nicht gibt. Nur Düsternis und Strommasten, die phallisch in die niederrheinische Ödnis ragen. Die Frau, die immer von ihrem Mann verprügelt wird, bringt es auf den Punkt: Ihr Blumenbeet produziere trotz aller Mühen nichts, "Blumen wachsen hier keine, immer nur Giersch", sagt sie.

Überhaupt scheint es an diesem Niederrhein nichts zu geben als endlose Felder und eine Autobahn, daneben liegen der Puff und auch gleich das Kommissariat, das aber aussieht wie eine alte Lagerhalle. Zu dumm, dass das Figurenpersonal kaum interessanter ist, keine kann man auch nur ansatzweise mögen.

Schlimmer noch: "Parfum" kultiviert eine geradezu atemberaubende Misogynie. Die Ermittlerin ist unglücklich in den verheirateten Staatsanwalt (Wotan Wilke Möhring) verliebt und wartet abends rehäugig auf eine SMS von ihm; die Frau mit dem Giersch wird nicht nur verprügelt, sondern auch regelmäßig vergewaltigt; der Chef im Puff zwingt eine seiner Angestellten zu einem Blowjob, nur um sie kurz darauf wegzustoßen mit den Worten: "Hör auf, verpiss dich"; ein Zeuge sagt über das Mordopfer: "Schöne Augen hat die jedem gemacht. Man hätte es aus ihr herausprügeln sollen."

Frauenhass werden die Macher wohl kaum gutheißen, aber das Beispiel zeigt, wie ungenau diese Erzählung ist, wie sehr alles hier nur einer unbestimmt düsteren Atmosphäre dienen soll. Hauptsache abgründig. Dabei verwechseln die Macher landschaftliche und seelische Tristesse mit erzählerischer Tiefe und stilistischer Stringenz. Dahin gelangt "Parfum" nie, "Goldenes Zeitalter der Serie" hin oder her.

Video: Im Bann der Düfte - Die Geschichte des Parfüms

"Parfum": Ab Mittwoch, 22 Uhr, bei ZDFneo und in der ZDF-Mediathek



insgesamt 48 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
D_v_T 13.11.2018
1. -
"Die Ermittlerin ist unglücklich in den verheirateten Staatsanwalt (Wotan Wilke Möhring) verliebt" Den auf Prollcharaktäre abonnierten Möhring (als Kommissar sehr gut) zum Staatsanwalt zu machen, sagt wohl auch einiges über die Qualität der Serie aus.
ayee 13.11.2018
2. Mal wieder Krimi
Wie einfallsreich. Andere Formate scheinen das Vorstellungsvermögen deutscher Serienmacher zu überschreiten.
hefe21 13.11.2018
3. Fehlpässe in die Tiefe des Raums
"Dabei verwechseln die Macher landschaftliche und seelische Tristesse mit erzählerischer Tiefe und stilistischer Stringenz." Nein, das glaube ich jetzt nicht. "Niederrhein", "Tiefe des Raums" da war doch was? Genau, und erst die stilistische Stringenz! Dass die Serie nicht einnetz(er)t, das ist natürlich schade, aber ich hab ja auch das "Meisterwerk Bad Banks" nach einer halben Stunde entsorgt. Speziell dort hätten mich polizeiliche Verhörprotokolle mit den "Originaldrehbruchschreibern" viel mehr interessiert, aber die gibts ja nicht. Dieses prätentiöse Serienunwesen erinnert ohnehin an den Bitcoin, wo mit Mordsgeschwalle ein "innerer Wert" vorgetäuscht werden soll. Was waren das für Zeiten, also wir für unsere Aufmerksamkeit mit Petrocelli und Kojak bezahlt wurden.
rainerwäscher 13.11.2018
4. Überflüssig
Es hätte diese Rezension nicht gebraucht, um einen weiten Bogen um diese Serie zu machen. Die Etiketten "ZDF" und "deutscher Film" hätten ausgereicht.
teichenstetter 13.11.2018
5. Da haben wir es wieder
Mal eben am Reissbrett was zusammen konstruieren und sich auf die eigene Schulter klopfen. Ich werde mit sicherheit meine Lebenszeit nicht mit sowas verschwenden. Da stöber ich lieber auf Netflix.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.