Pegida-Talk bei Günther Jauch Sarrazin lässt grüßen

Vorgestellt wurde sie als "ganz normale Frau": Mit Kathrin Oertel saß erstmals eine Vertreterin von Pegida in einer Talkshow - allerdings die meiste Zeit über reglos. Sie schaffte es trotzdem, ein Durcheinander anzurichten.

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Diesmal kam einiges zusammen: Terrordrohungen, Demonstrationsabsage und -verbot in Dresden und erstmals eine Pegida-Vertreterin in einer Talkshow - die Rahmenbedingungen für das mittlerweile leicht überstrapazierte Dauerthema waren bei Günther Jauch einigermaßen spektakulär. Ob die Gesamtbesetzung der Talkrunde in den Augen des Gastgebers perfekt war, blieb allerdings dahingestellt. Es sei schwierig, Leute von SPD und CDU für solch eine Runde zu finden, ließ Jauch gleich zu Beginn wissen. Immerhin seien Wolfgang Thierse und Jens Spahn aber gern gekommen.

Wirklich entscheidend war das indes nicht, denn in erster Linie war ja Kathrin Oertel da, die blonde, "ganz normale Frau" (O-Ton) aus dem ganz normalen Volk von Dresden, das zwar kaum Muslime kennt, aber dennoch genau weiß, dass in puncto Islamisierung und überhaupt in der Politik die Stunde geschlagen hat.

Frau Oertel, Mutter dreier Kinder, freiberuflich tätig und gern in Schwarz, fungiert als das neue, endlich vorzeigbare Gesicht des bisherigen "Phantoms" (Jauch). Dessen Vorsitzender Bachmann gilt bekanntlich als medial etwas schwer vermittelbar (Stichwort: Straffälligkeit und zweite Chance auch für Asylbewerber), nicht nur bei der "Lügenpresse", die an diesem Abend aber keine besondere Rolle spielte.

Ähnliches traf interessanterweise auch auf Alexander Gauland von der AfD zu, der nicht müde wird in seinem Werben um Pegida. Nachdem er die extrem steile These aufgestellt hatte, das aktuelle Demonstrationsverbot aus Sicherheitsgründen sei "der Beginn der Islamisierung", blieb er weitgehend unauffällig. Frau Oertel schien sich mit ihm jedenfalls nichts weiter zu sagen zu haben, auch wenn sie neuerdings seine Partei wählt und nicht mehr die FDP.

CDU-Mann Spahn versuchte, Ex-Parteifreund Gauland mit Hinweis auf dessen politisch-publizistisches Vorleben sozusagen bei der intellektuellen Ehre zu packen und riet ihm, doch bitte die Pegida-Leute aufzuklären, weil er doch schließlich wisse, wie Politik funktioniert. Und tatsächlich kam dann auch noch der sachdienliche Hinweis, man müsse bei Asyl und Zuwanderung differenzieren; da gehe ja alles durcheinander.

Da hatte Frau Oertel allerdings schon genug Durcheinander angerichtet, und der Zuschauer, soweit er nicht zu ihren Claqueuren im Studio zählte, war immer noch nicht viel klüger, wie es sich denn nun mit der Wahrheit über die Anliegen der Pegida verhält. Nein, nein, um eine ausländerfeindliche Organisation handele es sich nicht, versicherte die Frontfrau, mochten auch die Einspieler von Hass und Hetze auf den Demos eine ganze andere Sprache sprechen.

Überhaupt, diese Sache mit der Islamisierung. Inzwischen sei man längst weiter und es gehe um ganz anderes, nämlich um den Problemstau in der Politik. Um die Mitbeteiligung der Bürger, die leider nicht mitbestimmen dürften. Und um all die Themen, die tabuisiert würden. Welche? Na ja, eben die mit den Ausländern und der Integration und dem Asyl. Es gebe doch so viele Defizite. Sarrazin ließ grüßen.

Wenn hier Defizite erkennbar wurden, dann betrafen sie offenkundig die Kenntnisse der Menschen aus dem einstigen "Tal der Ahnungslosen" über ein paar grundlegende Tatsachen des politischen Systems. Spahn und Thierse probierten es sachlich, demonstrierten Dialogbereitschaft.

Frank Richter, Chef der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung, hat es sich regelrecht zur Aufgabe gemacht, im Dialog mit den Pegida-Leuten Aufklärungsarbeit zu leisten. Manches von dem, was er sagte, mutete geradezu idealistisch an, um nicht zu sagen, ein bisschen überambitioniert. Einen konkreten Vorschlag hatte er allerdings auch zu bieten: Da die Rettung des Abendlandes vor dem Islam für die meisten nur eine untergeordnete Bedeutung habe, solle sich die Pegida doch lieber einen anderen Namen geben.

Frau Oertel sagte dazu nichts, sondern saß die meiste Zeit fast reglos und ohne sichtbare Emotion da. Bisweilen, wenn Wolfgang Thierse, der eloquente frühere Bundestagspräsident, zu seinen pädagogisch zweifellos wertvollen Beiträgen aus der Abteilung politisch-demokratisches Basiswissen ausholte, konnte einem der Begriff "vergebliche Liebesmüh" in den Sinn kommen.

Und es standen ja auch noch dauernd die Aversionen der Dresdner Unzufriedenen gegen die Belehrungen der politischen Elite im Raum. Eines musste der ehemalige Bürgerrechtler Thierse dann aber doch mit einiger Schärfe loswerden: dass die Montagsdemos sich seinerzeit gegen eine Diktatur richteten und heute gegen eine Demokratie, und dass es eine Anmaßung der Pegida sei, sich selber als "das Volk" zu definieren.

Und ungeachtet der Frage, wie es denn demnächst weitergehen soll nach diesem demofreien Tag, wartete Christdemokrat Spahn noch mit einem speziellen Rat auf: Statt am Montagabend auf die Straße solle man lieber mal wieder am Sonntagmorgen in die Kirche gehen.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 299 Beiträge
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Seite 1
nataliamunich 19.01.2015
1. Bei Thierses Verhalten
wundert es keine nicht, wenn Politiker als abgehoben wahrgenommen werden. Die Demokratie geht nun einmal vom Volk aus, ist somit von einigen Leuten nicht erwünscht, sobald sie an der Macht sind.
L!nk 19.01.2015
2. sichtbare Emotion von Frau Oertel?
Sichtbare Emotion hatte doch eigentlich keiner - es war totlangweilig.
pirx64 19.01.2015
3. nicht gedacht
Hätte nicht gedacht Thierse mal recht zu geben, Stichwort Demo damals gegen Diktatur und heute gegen Demokratie. Heute hat Pegida die Chance, sich als Partei aufstellen und wählen zu lassen. Dann wird man sehen ob sie das Volk sind und die Mehrheit stellen.
frank57 19.01.2015
4. Der beste Teil
waren die Statements des Herrn Richter....seine Argumente waren am stichhaltigsten und trafen den Kern der Dinge.....was man von Thierse und dem CDU - Kirchengänger nicht behaupten kann....!!
HighFrequency 19.01.2015
5.
"Statt am Montagabend auf die Straße solle man lieber mal wieder am Sonntagmorgen in die Kirche gehen." Ach Gottchen...und da wird den Pegida-Leuten Dummheit vorgeworfen...
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