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Pete Dexters "Paperboy": Der Tod steht ihr verdammt gut

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Todesengel mit aufgeknöpfter Bluse, Lustphantasien zwischen Schlangen: Mit der Florida-Elegie "Paperboy" hat der legendäre "Deadwood"-Autor Pete Dexter einen Reporter-Krimi aus Sicht eines Halbwüchsigen geschrieben. Zur Verfilmung mit Nicole Kidman wurde das Meisterwerk nun neu aufgelegt.

Jeder hat so seinen Fetisch. Bei Charlotte Bless, einer White-Trash-Schönheit Anfang 50 aus dem Süden der USA, die als zehn Jahre jünger durchgeht, wenn sie die Schminke richtig aufgespachtelt hat, ist das der elektrische Stuhl. Die Blondine unterhält Brieffreundschaften zu Verurteilten in allen Südstaaten-Gefängnissen; auf dem Papier geht es meist sehr unanständig zu, die armen todgeweihten Teufel sollen noch ein bisschen erotisches Kopfkino genießen dürfen.

Dabei kommt Charlottes Anteilnahme wirklich von Herzen; auch von Liebe ist bei ihr oft die Rede. Zum Todeskandidaten Hillary Van Wetter baut sie gar eine feste Beziehung auf. Hillary ist ein ungewaschener Klotz aus den Sümpfen Floridas, der auch im Gefängnis den Morastgeruch der Everglades ausdünstet. Er hat, so sagen es die Polizei-Akten, einen rassistischen Sheriff umgebracht. Doch Charlotte will mithilfe zweier Reporter die Unschuld ihres Bräutigams beweisen. Bei einem ersten Treffen im Gefängnis zeigt der sich wenig auskunftsfreudig: Er starrt die aufgebrezelte Samariterin nur an und ejakuliert dann in die Hose. Charlotte nimmt's als Kompliment.

Ein Todesengel mit Triebabfuhrfunktion: Pete Dexters Florida-Elegie "Paperboy" hält einige von solchen bizarren verdichteten Momenten parat. Unlängst wurde der Roman vom afroamerikanischen Regie-Wunderkind Lee Daniels ("Precious") stark verändert verfilmt, einen Deutschlandstart gibt es noch nicht. In der Rolle der Todeskandidatentrösterin ist Nicole Kidman zu sehen, die sichtlich Spaß am verwitterten Sex ihr Figur beweisen soll. In Cannes zeigten sich jedoch viele Kritiker empört, ihnen war die Adaption zu sehr auf Oberfläche und Effekt gebürstet.

Es tropft von Wänden und aus Körperöffnungen

Nun ist Dexters Roman - erstmals 1996 veröffentlicht und für den nahenden Filmstart von dem auf Noir-Literatur spezialisierten Liebeskind-Verlag in schöner schwarzer Aufmachung neu herausgegeben - sehr filmisch erzählt. Von der Totalen aus Floridas subtropischer Kulisse aufs Close-up auf einen schweißbetropften Nacken oder eine verheißungsvoll aufgeknöpfte Bluse ist es auch bei ihm nur ein Schnitt. Der Stil ist kurz und trocken, aber im so beschriebenen Szenario tropft es förmlich von allen Wänden und aus allen Körperöffnungen.

Trotzdem ist "Paperboy", angesiedelt im Jahr 1965, mehr als ein verschwitzt-verschwiemelter Südstaaten-Krimi über das Zusammenspiel von Sex and Crime. Das psychologische Gespür ist enorm, die Figuren sind extrem stimmig, die Zielsetzung geht weit über den billigen Thrill hinaus - auch wenn der, natürlich, von Dexter gerne in Kauf genommen wird.

Erzählt wird die Geschichte von Charlotte Bless und dem Polizistenmord aus Sicht des 18-jährigen Jack, Bruder von einem der beiden Reporterhelden, die den Fall um den Sumpfgrobian Hillary Van Wetter wieder aufrollen. Für ihre Recherche müssen die Männer Hütten von primitiven Everglades-Clans aufsuchen, die auf von Alligatoren und Schlangen umlagerten Inseln liegen. In einer Bar wird der Bruder von Matrosen krankenhausreif geschlagen, offensichtlich wollte er zuvor mit ihnen intim werden. Als der halbwüchsige Ich-Erzähler ins Meer hinaus schwimmt, gerät er in einen Schwarm giftiger Quallen, deren Angriff er nur deshalb halbwegs unbeschadet übersteht, weil eine junge Krankenschwester am Strand auf seinen Körper uriniert.

Und ewig verfolgt den jungen Jack die Frage: Was treibt Charlotte Bless, die er vergöttert wie die Ausgeburt alles Weiblichen, in die Arme eines kriminellen Hinterwäldlers?

Die Mischung von Entwicklungsroman und Reporter-Krimi macht den besonderen Reiz von "Paperboy" aus. Todesahnung und sexuelles Erwachen liegen hier dicht beieinander. Pete Dexter, der in Deutschland vor allem durch seinen Western-Roman "Deadwood" zu Ruhm gekommen ist, schildert Pubertät eindringlich als Aneinanderreihung von Grenzerfahrungen. Zwischenzeitlich hat man das Gefühl, als hätten sich hier der legendäre Reporter-Literat Ben Hecht, der Pubertätsausdeuter J. D. Salinger und Jean Genet, der Romancier des Obszönen, für ein Buch zusammengetan.

Eine faszinierender Roman, der mit präziser und entschlackter Sprache einem Ende entgegentreibt, in dem sich alle Todesgelüste des pubertären Helden zu erfüllen scheinen. Und die anderen Figuren? Verstümmelt, weggespült, auf ewig in den Sümpfen Floridas versenkt.

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insgesamt 3 Beiträge
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1.
zephyros 21.01.2013
.."Close-Up auf einen scheißbetropften Nacken"... äähm...sind hier mit dem Autor im Eifer des Gefechts ein bißchen die Pferde durchgegangen?
2. Ja WANN denn nun!?
hausmaus85 21.01.2013
Wann ist denn nun Filmstart? Das muss doch mal rauszukriegen sein!!
3. optional
badevil 21.01.2013
Also, erstens ist es Nicole Kidmans Figur, die auf Zac Efrons Figur uriniert (diese Szene hat übrigens in Amerika wieder zu soviel Hysterie geführt, dass der eigentliche Film gar nicht richtig besprochen wurde) und zweitens, der Bruder, gespielt von Matthew McConaughey, wurde nicht einfach so vermöbelt, das war seine sexuelle Phantasie (daher die Narben im Gesicht, auf die auch mal an anderer Stelle in dem Film eingegangen wurde). Und wieso wird überhaupt nur NIcole Kidman erwähnt und nicht die anderen Darsteller? Vor allem John Cusack als Hillary Van Wetter spielt eine Rolle, die er vorher noch nie hatte. Das könnte man doch mal erwähnen.
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