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Zum Tod von Peter Lustig: Die Latzhose, die wir liebten

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DPA

Als das ZDF noch aufregend war: In "Löwenzahn" erklärte Peter Lustig uns Kindern der frühen Achtziger nicht nur die Welt, sondern versprach auch, dass wir sie verändern können.

Es gab eine Zeit, da war öffentlich-rechtliches Fernsehen aufregend. Zumindest erscheint uns das rückblickend so.

Wir saßen als Kinder in diesen viel zu tiefen, viel zu weichen Sofaecken, schaufelten Schnecken aus Lakritz und Colafläschchen aus Weingummi in uns hinein, und wenn unsere Eltern ein kleines bisschen Geld verdienten, und das taten damals ja fast alle, dann hatten wir schon Fernsehen in Farbe.

Und da lächelte uns dann in den schönsten Gelb-, Grün- und Blautönen ein Mann an, der uns einen ganz anderen Lebensentwurf nahebrachte. Der Mann trug den klingenden Namen Peter Lustig, außerdem Nickelbrille und Latzhose, und er lebte in einem Bauwagen. Später wurde der Bauwagen ja weitverbreiteter Wohnersatz für Punks, der uns dann nicht mehr ganz so erstrebenswert erschien. Aber Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger musste einem das Leben in so einem Gefährt als wunderbares Abenteuer vorkommen, zumal Peter Lustig auf seinem Bauwagen eine Aussichtsplattform appliziert hatte.

Überhaupt hatte er eine Menge an seiner eigenwilligen Behausung appliziert, weil er die ganze Zeit Dinge einsammelte, die andere für Müll hielten, und diese auseinandersägte und in neuer Form wieder zusammenklebte. Konnte diese Latzhose lügen? Natürlich nicht. Peter Lustig machte uns in unserer Sofa-Ecke klar, dass da draußen ein aufregendes anderes Leben wartete, das wir uns ohne viel Aufwand ganz nach unserer Fasson zusammenleimen konnten. Erst viel später lernten wir dann das Wort für dieses Glücksversprechen: alternative Lebensform.

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Glücksversprechen ohne Zwang

Von 1979 bis 1980 moderierte Peter Lustig das Kindermagazin "Pusteblume" und nach Streitigkeiten zwischen der Produktionsfirma und dem ZDF dann fast 25 Jahre lang die in "Löwenzahn" umbenannte Nachfolgesendung. Der Begriff "alternative Lebensform", so wie ihn Peter Lustig verkörperte, erschien uns auch deshalb als Glücksversprechen, weil sie ohne jeden Zwang daherkam - also anders als bei den Lehrern, die ein paar Jahre später oft ebenso aussahen wie Peter Lustig und die uns auf der weiterführenden Schule eintrichtern wollten, dass das Leben eben nur in Latzhose und mit Regenwassertonne lebenswert sei.

Peter Lustig hatte stets einleuchtende Argumente parat, sich um die Umwelt zu kümmern. Der erhobene Zeigefinger war ihm fremd, am Anfang einer Sendung summte und zwitscherte er manchmal vor sich hin, während er sich lustvoll ein besonders dickes Brot mit Marmelade bestrich, und diesen sonoren Singsang legte er auch nicht ab, wenn er uns relativ komplizierte Technik- und Naturvorgänge erklärte.

Peter Lustig war das, was heute als 68er-Fernsehen eher geschmäht als gefeiert wird. So, wie er dieses 68er-Fernsehen darstellte, war es auf jeden Fall schwer in Ordnung. Weil es für Durchlässigkeit, Durcheinander und, auch nicht zu unterschätzen, nachhaltige gute Laune stand. Lustigs Ansatz war eher dialektisch als didaktisch.

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Peter Lustig gestorben: Welterklärer aus dem Bauwagen

Eigentlich war er als gelernter Rundfunktechniker in den Sechziger- und Siebzigerjahren auf der anderen Seite der Kamera tätig. Dann wurde Lustig, so erinnert es der Moderator jedenfalls selbst, bei einem Dreh mit der Hausbesetzer-Combo Ton, Steine, Scherben vor die Kamera geholt. Ton, Steine, Scherben, das war die Band, deren Mitglied Nikkel Pallat 1972 bei einem Auftritt in einer WDR-Talkshow den Tisch mit einer Axt zerlegte.

Auch deshalb war das öffentlich-rechtliche Fernsehen früher ja so aufregend: Weil es unvorhersehbar war. Weil es nicht so verschult und durchvermarktet war. Weil es, zumindest an seinen Rändern, offen war.

Eine Moderatorenkarriere wie die von Lustig ist heute bei der ARD und dem ZDF schlichtweg unvorstellbar. Quereinstieg wird verschmäht. Wer heute nicht mit Anfang 20 das richtige Gleis bei seiner Medienausbildung genommen hat, wird es später nicht mehr finden. Und die erwachsenen Moderatoren von Kindersendungen sehen ja heute oft so jämmerlich ranschmeißerisch und entstellt infantil aus, als seien sie von ihren eigenen Eltern beim Shoppen auf "cool" gestylt worden.

Dann doch lieber die Latzhose von Lustig. Ranschmeiße war seine Sache nicht. Angeblich soll er sich beim Ton-Steine-Scherben-Dreh ein Ei auf dem Kopf aufgeschlagen und "Fernsehen ist scheiße" gesagt haben. So etwas wurde dann natürlich nicht mal im progressiven öffentlich-rechtlichen Rundfunk gesendet. Vielleicht entwickelte Peter Lustig deshalb diese dialektische Haltung zu dem Medium, das ihn ernährte. Nach jeder "Löwenzahn"-Sendung blinzelte er in die Kamera und bat die Kinder freundlich darum, dass man jetzt doch ausschalten möge. Natürlich taten wir es dann doch nicht, sondern schaufelten weiter Lakritzschnecken und Weingummis in uns rein und schauten gleich im Anschluss "Biene Maja".

Jetzt ist Peter Lustig, der Held unserer Kindheit, der uns das Glück und die Gefahr des Fernsehens nahebrachte und zugleich die Sucht danach befeuerte, im Alter von 78 Jahren in der Nähe von Husum gestorben.


Das ZDF würdigt Peter Lustig von Samstag auf Sonntag mit einer "Löwenzahn"-Nacht sowie in seiner Kinderprogrammstrecke am Sonntag.

Zum Autor
Christian Buß
Saima Altunkaya

Christian Buß ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE mit dem Schwerpunkt Medien.

  • E-Mail: Christian.Buss@spiegel.de

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insgesamt 115 Beiträge
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1. Zum Dauerzugriff in die Mediathek bitte, ZDF!
leser_gestuetzt 24.02.2016
Peter Lustig (Löwenzahn) war eine Institution beim Besuch der Großmutter in den Achtzigern, und das auch in Magdeburg. Ein Stück heile Welt. Liebevoll gemacht, immer lehrreich. Die gesamten Sendungen sollten zum Dauerzugriff in die Mediathek des ZDF eingestellt werden quasi als "nationales Kulturgut". Ruhe in Frieden, Peter, und VIELEN Dank!!!
2. Auf das es
lastdalek 24.02.2016
viele Pusteblumen im Himmel gibt! Es gab mal gutes TV und Herr Lustig war ein großer Teil davon. Danke für die vielen schönen und guten Stunden! :'-)
3. Danke Peter ...
caligus 24.02.2016
... ich werde Dich vermissen.
4. 2016,
ctwalt 24.02.2016
ein tragisches Jahr. Du warst großartig, Peter.
5. Die Helden der Kindheit...
pullimann 24.02.2016
...werden ab einem bestimmten Alter immer rarer. Ich kann mich noch gut an Löwenzahn erinnern. Meine Kinder lieben es heute noch. Aber das mit dem Abschalten fand ich als Kind gar nicht gut ;-). RIP
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