Von Arno Frank
Wer eine Sendung über Schulden macht, muss Peter Zwegat einladen. Für die fiese Sendung "Raus aus den Schulden" (RTL) steigt der Schuldnerberater "aus Berlin" regelmäßig in die Vorhölle der finanziellen Aussichtslosigkeit hinab. So einer muss natürlich dabei sein, wenn sich Maybrit Illner unter freundlicher Anspielung auf einen Albumtitel der Gruppe Fehlfarben den Titel "Knietief im Dispo" gibt. Zwegat kann, wie sich weisen wird, Sendungen retten, erst recht Sendungen über Schulden. Und zwar in letzter Sekunde.
Dröges Thema. Redet keiner gerne drüber. Schon gar nicht vor einem Hintergrundbild, auf dem tatsächlich eine Schere abgebildet ist, auf deren Schneiden "reich" und "arm" stehen. Es geht um Zahlen, Prozente, Raten, Kredite, Steuern. Es geht darum, wie in unserem Land das Geld und damit die Macht verteilt ist. Und es geht um eine Mittelschicht, die sich ihrer Mittelschichtigkeit nicht mehr sicher sein kann.
Die Gründe für private Überschuldung sind schnell aufgezählt. Es sind, in dieser Reihenfolge, Arbeitslosigkeit, Scheidung, Kaufsucht, Krankheit und gescheiterte Selbständigkeit. Kaufsucht sagt natürlich keiner, das heißt heute elegant "Konsumverhalten". Zwegat kann angesichts solcher Zahlen nur wieder seinen liebevoll tadelnden Sorgeblick aufsetzen und den schönsten Satz zum Thema aufsagen: "Tja, die Leute kaufen mit Geld, das sie nicht haben, Dinge, die sie nicht brauchen, um damit Leute zu beeindrucken, die sie nicht mögen."
Mit Anne Koark und Kai Boedinnghaus sind zwei gebeutelte Unternehmer geladen, als Vertreter der beschworenen Mittelschicht. Koark arbeitet nach ihrer Insolvenz als Insolvenzberaterin und hat auch ein Buch darüber geschrieben, "für das ich noch einen Verleger suche". Boeddinghaus wird von Illner gefragt, ob er sich "von CDU und FDP" ausreichend "unterstützt und gehalten fühlt". Fühlt er nicht. Auch nicht von "der rot-grünen Regierung" damals. Überhaupt empfindet er den Talk gleich mehrfach als "Warme-Worte-Weltmeisterschaft". Dass Boeddinghaus für die Linke im Stadtparlament von Kassel sitzt, erfährt man aber erst später, nebenbei per Bauchbinde.
Was kostet uns der soziale Sektor?
Ganz offen für CDU und SPD sind Michael Fuchs und Manuela Schwesig in den Ring gestiegen. Fuchs ist einer der zehn stellvertretenden Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Schwesig immerhin stellvertretende SPD-Vorsitzende. Beide beginnen stehenden Fußes das alte parteipolitische Pingpong-Spiel darum, wer die Schuld an der Misere trägt oder die besseren Ideen zu deren Beseitigung hat. Vor allem Schwesig redet gerne in Sätzen, die anfangen mit "Es muss klar sein, dass", "Es ist ungerecht, dass" oder "Und ich sage ganz deutlich, dass". Die einschüchternde Floskel "Fakt ist, dass" verwendet sie so inflationär, dass man ihr bald nicht mehr glauben mag, dass da alles wirklich den Fakten entspricht. Schon gar nicht die Zahlen.
Und so fliegen die auswendig gelernten Zahlen hin und her, bis einem als Zuschauer der Kopf schwirrt wie dem Schuldner angesichts ungeöffneter Rechnungen. Was kostet uns der soziale Sektor? Welche Tilgungszinsen waren nochmal kriminell? Wieviel Prozent der Deutschen gehören doch gleich wieviel Prozent des Gesamtvermögens? Ganz genau weiß das wieder nur Wolfgang Wüllenweber. Der "Stern"-Journalist empfiehlt sich mit seinem Buch "Die Asozialen" derzeit für geschätzt jede zweite Talkshow, hat aber auch eine gute Geschichte zu erzählen. Außerdem kennt er die Zahlen vor dem Komma.
Seine These: Asozial sind die ganz oben und die ganz unten. Also alle diejenigen, die nicht von leistungsabhängigen Einkommen leben. Sondern von Hartz IV in der Unterschicht und von Vermögen in der Oberschicht. Der "soziale Aufzug" führe in Deutschland "nicht bis ins Penthouse". Wer wirklich reich werden will, müsse erben. Wüllenwebers Lieblingsrechnung ist die, bei der unter dem Strich die obszöne Summe steht, die eine Familie Quandt als Eigner am Erfolg von BMW verdient. Das stünde der Familie Quandt als Eignerin doch auch zu, empört sich Fuchs, "wo kämen wir denn da hin?"
Zersplitternde Diskussion
Tja, wo kämen wir hin, würden die Reichsten ähnlich besteuert wie die "arbeitende Mittelschicht"? Vermutlich geradewegs in den Sozialismus. Verschuldet ist der Bund, sind die Länder, die Kommunen sind es und immer mehr Privathaushalte - also praktisch jeder. Worauf früher gespart wurde, das wird heute nachträglich abbezahlt. So soll es sein. Dass die Verschuldung ein systemisches Problem sein könnte, scheint an diesem Abend niemandem in den Sinn zu kommen. Stattdessen erleidet die Diskussion ein Schicksal, das ihrem allzu vielschichtigen Thema angemessen ist, sie zersplittert in zahllose Teile und Zahlen hinter dem Komma.
Am Ende will Schwesig offenbar aufs Betreuungsgeld hinaus und erzählt, sie sei die Patin des behinderten Sohnes einer alleinerziehenden Mutter, als sie von Illner dankenswerterweise abgewürgt wird. Keine Zeit mehr. Schnell die letzten Fragen, damit alle Beteiligten noch einmal ihre Empörungen, Anregungen, Beschwichtigungen und Lösungen auf den Punkt bringen und noch ein paar interessante Zahlen unterbringen können.
Am Ende, es muss schnell gehen, fragt Illner Herrn Zwegat: "Können wir nur noch Beamten raten, sich zu verschulden?" Zwegat bläst verdrossen die Backen auf, wackelt ratlos mit dem Kopf, ringt sichtlich damit, nicht mit den Schultern zu zucken, schnauft, setzt zu einer Antwort an, kommt aber über eine Silbe nicht hinaus, schweigt. Illner will zur Hilfe eilen, will eine Antwort, vielleicht auf eine andere Frage, fix jetzt: "Wer hat heute noch Sicherheit über zehn Jahre?" In Zwegat arbeitet es erneut an einer Antwort, seine verrutschende Miene verrät es, unbehaglich windet er auf dem Sessel, es entweicht ihm ein gequälter Seufzer, bevor ihn der Gong über die Zeit rettet. Ein denkwürdiger moment of zen, der in wenigen Sekunden pantomimisch die ganze Sendung zusammenfasste. Großes Fernsehen.
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