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19. Februar 2013, 07:27 Uhr

Fleischskandal-Talk bei Plasberg

Wurst aus vergammelten Schweinsköpfen

Von Mathias Zschaler

Empören kann sich Ilse Aigner wie aus dem Effeff. Eine "Sauerei", dieser Pferdefleisch-Skandal, so die Ministerin im ARD-Talk Plasberg. Wie man der Fleisch-Mafia zu Leibe rückt, diese Frage überfordert jedoch die Politik seit Jahren. Dem Verbraucher bleiben nur immer neue Schilderungen des Ekels.

Jetzt schlägt, wie mittlerweile üblich bei Lebensmittelskandalen, die Stunde der Aktionisten und der Lobbyisten - und die des ratlosen Endverbrauchers, dem allmählich der Appetit zu vergehen droht.

Dass es aktuell um Pferdefleisch geht, das an sich ja gar nichts Schlimmes ist, macht die Sache nicht besser, gibt ihr aber noch einen leicht irrationalen Beigeschmack zum vorherrschenden Hautgout der Empörung. Und davon gab es reichlich bei Frank Plasbergs "Hart aber fair"-Sendung, der gefühlt mindestens 77. Folge der Story von der angeblich so segensreichen Nahrungsmittelindustrie, der nur leider hin und wieder ein paar Pannen unterlaufen, weil irgendwelche finsteren Mächte im Spiel sind.

Wie denen in diesem Fall das Handwerk zu legen sei, darüber waren sich bezeichnenderweise beide Seiten ziemlich rasch einig. Ja, es gab sogar einen regelrechten Wettbewerb um die vollmundigsten Bekundungen von Abscheu und Entrüstung über jene ruchlosen Betrüger, die an einem gewissen Punkt der europäischen Tierfleischverwertungskette rumänische Gäule zu Rindern haben mutieren lassen.

Da wurde unisono "die volle Härte des Gesetzes" beschworen, unnachsichtige Strafverfolgung verlangt, schärferes Kontrollieren sowieso und kriminelle Energie angeprangert. Und vorneweg die Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner von der CSU, die obendrein von einer "Sauerei" sprach und die ganze Zeit eine sehr indignierte Miene zur Schau trug.

Zum Teil mag das daran gelegen haben, dass auch die grüne Ex-Ministerin Bärbel Höhn zugegen war sowie die Verbraucherschützerin Silke Schwartau, die erwartungsgemäß beide eine Menge auszusetzen hatten an der bisherigen Haltung der Ministerin zur Frage der Etikettierungspflicht für unverarbeitete Nahrungsmittel. Aber für die wirklich harte Konfrontation mit der Historie der diesbezüglichen Verzögerungs- und Verhinderungstaktik sorgte Herr Plasberg persönlich per Einspieler, worauf von Frau Aigner zu hören war, das alles sei eben sehr komplex und werde bekanntlich auf EU-Ebene verhandelt und außerdem gehe es doch auch um die Praktikabilität.

"Interrail für tote Tiere"

Umso engagierter griff sie allerdings den Gedanken auf, das Bundeskriminalamt gegen die Fleischbetrüger einzusetzen, am besten gleich Europol. Das fanden, heftig zustimmend, auch die Herren von der Lobby-Fraktion, der Schinkenproduzent Jürgen Abraham und Stefan Genth vom Handelsverband Deutschland, beide versierte Gäste bei einschlägigen TV-Veranstaltungen. Man hätte sich kaum gewundert, wenn auch noch der Ruf nach einem Nato-Einsatz laut geworden wäre.

Es blieb allerdings auch so noch genug Anlass zum Staunen - nämlich über die Vehemenz, mit der das Duo bemüht war, sich selbst stellvertretend für Hersteller und Handel als Opfer zu deklarieren und zu behaupten, es säßen doch alle im selben Boot, die Branche wie die Konsumenten.

Die passendere Fortbewegungsmetapher angesichts der inzwischen oft gezeigten Grafik über die geradezu pervers anmutenden EU-weiten Transporte hat indes eine britische Zeitung mit der Formulierung "Interrail für tote Tiere" geliefert. Und was es mit denen letzten Endes auf sich hat, daran blieb wenig Zweifel, auch dank der offenbar ungewollt aufklärerischen Rhetorik des sonst so schönfärberisch klingenden Herrn Abraham, der solche Begriffe wie "Substanzen", "nicht erkennbares Material" und "Granulat" verwendete - alles natürlich garantiert niemals im Zusammenhang mit Schwarzwälder Schinken zu finden.

Als Plasberg sich etwas spöttisch über den Gesundheitszustand verarbeiteter rumänischer Pferde äußerte, wollte Abraham das aber dann auch nicht gelten lassen und hielt dem Moderator vor: "Sie sitzen auf einem hohen Ross." Das gab ein paar verhaltene Lacher. Es war der einzige wirklich komische Moment des Abends.

Die Second-Hand-Fleisch-Mafia

Denn wem das bis dahin Gehörte und Gesehene noch nicht genug auf den Magen geschlagen war, dem wurde noch eine Extra-Portion Verbraucherverdruss durch den Auftritt des ARD-Journalisten Adrian Peter zuteil, der für "Report Mainz" arbeitet und sich seit Jahren mit jenen Strukturen und Praktiken beschäftigt, für die er aufgrund seiner Recherchen das Wort von der "Fleisch-Mafia" benutzt.

Peter sprach von "Schrotthandel", von "Second-Hand-Fleisch" und vergammelten Schweinsköpfen, aus denen Wurst gemacht werde. Ihm zufolge handelt es sich um organisierte Kriminalität im großen Stil, deren Akteure, wenn sie denn mal auffällig werden oder kurze Strafen abbüßen, sogleich ins gesetzwidrige Geschäft zurückkehren - ein Milieu, das seinen Worten nach bedenklich eng mit der normalen Lebensmittelindustrie verknüpft ist.

Man hätte sich als Zuschauer gewünscht, dass nicht nur dieser Aspekt eingehender thematisiert, sondern überhaupt etwas grundsätzlicher die Frage nach dem System gestellt worden wäre, um das es hier geht: jenes unheilvolle Wechselspiel zwischen menschlicher Gier nach möglichst billigem Fleisch und dubiosen Produktionsmethoden unter den Bedingungen des globalisierten Kapitalismus, der auch hier, ähnlich wie in der Finanzwirtschaft, seine dunkle Kehrseite zeigt und dessen Fehlentwicklungen immanent und nicht bloße Betriebsunfälle sind.

So blieb es denn bei abermaliger Empörung - diesmal seitens der Lobbyisten über den bösen Journalisten, der die ganze Branche in Verruf bringe. Und vorm Bildschirm blieb der preisbewusste Endverbraucher zurück mit lauter dröhnenden Beteuerungen im Ohr, dass ganz gewiss niemand die Absicht habe, sich der Verantwortung nicht zu stellen oder diese an andere weiterzuschieben.

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