"Philosophisches Quartett": Bürger, zum Klassenkampf!

Von Matthias Matussek

Ist das Bürgertum tot oder lebt es auch zerstückelt weiter wie ein Regenwurm, der zweigeteilt wird? Das "Philosophische Quartett" machte sich in politisch wie wirtschaftlich wackliger Zeit auf die Suche nach der Mitte - ein umständlicher, aber sehr aufregender Fernsehmoment um Mitternacht.

Quartett: Bernd Kauffmann, Peter Sloterdijk, Moritz Rinke und Rüdiger Safranski Zur Großansicht
ZDF

Quartett: Bernd Kauffmann, Peter Sloterdijk, Moritz Rinke und Rüdiger Safranski

Wie schön, dass es noch Sendungen gibt, in der die Gesprächspartner sich nicht von vornherein sicher sind, wie sie reden sollen über das, worüber sie reden wollen. Nicht, dass es keine starke Zielvorgabe gegeben hätte in dieser Runde des "Philosophischen Quartetts". Eine heftige sogar, eine unmittelbar einleuchtende Behauptung, nämlich "Verlust der Mitte - In den Ruinen der Bürgerlichkeit".

Wer sich so umschaut in der politischen Landschaft, könnte meinen, dass sich alle in der Mitte drängeln, weil am Rand das Wasser über die Reling schwappt. Alle wollen ruhigen Kurs halten, keiner will Experimente, allerdings ist es eine furchtsame Mitte.

Die bürgerlichen Werte sind längst auf den Hund gekommen und zählen nichts mehr: Die oben sind Gauner und halten nichts mehr von ehrlicher Buchführung und solidem Geschäftsgebaren; die unten lassen sich hängen, verwahrlosen, lesen kaum noch. Die Parteien sind in einer Legitimationskrise, die Kirchen ebenfalls. Werte beschwört allenfalls noch der gute Onkel, den wir Bundespräsident nennen, in seinen Weihnachtsansprachen. Wir brauchen das Bürgertum zurück!

Tatsächlich: Wenn es eine Feuilleton-Schimäre der vergangenen Jahre gab, dann war es diese, die Suche nach einer neuen, alten, fehlenden Bürgerlichkeit. Nach Gemeinsinn, Pflichtgefühl, Bildung, nach all dem, was immer wieder beschworen und vermisst wird.

Das Lebensgefühl ist prekär, die Horizonte sind verstellt; Peter Sloterdijk diagnostizierte in gewohnt brillanter assoziativer Atemlosigkeit ein "Taumeln von einer Improvisation in die nächste". Wir leben auf schwankendem Boden, in Katastrophenerwartungen: Klima, Banken, Griechenland, und die WM-Aufstellung ist immer noch eine Baustelle. Früher hätte man bei den Kirchen nach Halt und Orientierung gesucht, später bei den Parteien, doch wo findet sich die lädierte Mitte jetzt, seit das Bürgertum mitsamt seinen Tugenden als gesellschaftliches Korsettgestänge abgedankt hat?

Erfolgsmodell im Zweireiher

Eine spannende Frage, doch das philosophische Quartett wäre nicht, was es ist - ein nächtlicher Orientierungsmarsch unter generösem Verzicht auf Kompass und Karte -, wenn es das Thema nicht zunächst einmal in unterhaltsamster Umständlichkeit mit spitzen Fingern zerzupfte.

Rüdiger Safranski fragte den eingeladenen Kulturmanager Bernd Kauffmann, wer für ihn den perfekten Bürger verkörpere. Kauffmann, der den merkwürdigen Trödelschal aus Klaus Kinskis "Django"-Filmen trug, bot drei zur Auswahl an: Joachim Fest, Helmut Kohl, Joschka Fischer. Drei Schüsse, die das Thema sozusagen an den äußersten Ecken festnagelten.

Eine Dreifaltigkeit, die Sloterdijk mit Recht für "theologisch nicht ganz korrekt" hielt. Er seinerseit zog es nun vor, den Dramatiker Moritz Rinke (Kaschmirpullover, weiter poetischer Hemdkragen) nicht zu befragen, sondern dessen Debüt-Roman "Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel" vorzustellen, der in der antibürgerlichen Kunst-Boheme Worpswedes angesiedelt ist.

Vier Generationen Künstler, der Gegenentwurf zu Thomas Manns vier Generationen Kaufleuten in den "Buddenbrooks", analysierte Sloterdijk. Stimmt, rief Rinke freudig überrascht, und dann erzählte er anschaulich darüber, wie das Bürgerliche in einer chaotischen Künstlerkindheit durchaus als Sehnsuchtsort aufschimmern konnte. Noch heute suche er absichtlich den morgendlichen Autostau auf, nur aus dem Wunsch heraus, dazuzugehören. Allerdings wolle er es nicht zu weit treiben - der Bürger in seiner neoliberalen Ausprägung, also das Erfolgsmodell im Zweireiher, der sei ihm dann doch eher unsympathisch.

Rüdiger Safranski, der in diesen Runden stets der unverzichtbare Didaktiker und Systematiker ist, unternahm nun eine lässige geistesgeschichtliche tour d'horizon. Er stellte den Bürger über seine Antagonisten vor: über die Romantiker, für die er der Philister war; über das Proletariat, für das er Besitzbürger war. Da ist der protestantische Bürger neben dem katholischen Religionsvirtuosen. Schließlich die antibürgerlichen Exzesse der Nazis und der Stalinisten.

Der letzte Bürger

Der deutsche Bürger sei deshalb so leicht aus dem Weg geräumt worden, weil er keine verankerte Tradition als Kollektiv wacher Citoyens vorzuweisen hatte, wirft nun Sloterdijk ein, was womöglich stimmt - der deutsche Bürger war Bildungsbürger, eher Träumer als Offizier, die kamen alle aus dem Adel.

Allerdings war es der Bildungsbürger, der mit seinen geistigen Gaben den Mangel an Stand wettmachen konnte, wirft da der Zuschauer vor dem Fernseher schwärmerisch ein, das war eine poetische Überstreckung für die deutsche Bildungsnation, die Bildung stand bei den Deutschen höher im Kurs als bei den europäischen Nachbarn - allerdings wird er nicht gehört.

Jetzt möchte Kauffmann sofort den politisch bewussten Citoyen vom behäbigen Bourgeois geschieden wissen - selige Franzosen, die gleich zwei Begriffe für den Bürger haben -, und Rinke fällt dazu ein: Citoyen jawohl, jederzeit, aber nicht der Bourgeois. Diese Art von Bürgerlichkeit sei, besonders für die jüngere Generation, für die er jetzt mal dasitze, "eher uncool konnotiert".

Er, Rinke, sei sofort bereit, Bürger zu sein, wenn es da positive Identifikationsmerkmale gäbe, statt nur diese neoliberale Erfolgs... worauf ihm Kauffmann ins Wort fällt: Dieses Schlagwort von den "Neoliberalen" sei ja nun wohl abgegriffen, er sei jederzeit für größere Selbständigkeit, er finde den allseits gängelnden, alles verschlingen Staat einfach zum... Hat er "Kotzen" gesagt? Auf jeden Fall gibt es Szenenapplaus, den ersten an diesem Abend.

Fest steht für alle, dass mit Thomas Mann der letzte Bürger abgetreten ist. Fest steht weiter, dass es das Bürgerliche, das an diesem Abend alle außer Moritz Rinke, der es dann doch für uncool hält, herbeibeten möchten, nur noch in Versatzstücken gibt. Diese wären, Safranski zählt sie auf: Solidität, Normalität, Pflichterfüllung, ja, auch gegenseitige Hilfe, nicht Mutter Theresa, aber doch viel Ehrenamtliches. Und all diese Versatzstücke, findet Sloterdijk, sind so stark, dass sie trotz aller Verstümmelungen weiterleben und das Gemeinwesen zusammenhalten - wie Regenwürmer im Boden, die auch weiterleben, wenn man sie zerteilt, was ein wunderschönes, weil subversives Bild ist.

Bürgerlichkeit, eine Frage der Begabung

Der Bürger als geistige Katakomben-Existenz? Womöglich muss der Bürger tatsächlich mit einer subversiven Zukunft rechnen, denn er gerät in einen Zweifrontenkrieg: von unten und von oben. Hier ist Sloterdijk in seinem Element: Der Bürger ist der Leistungskern der Gesellschaft. Rund 25 Millionen Steuerbürger bilden das Kraftwerk, die übrigen sind Transferempfänger. Doch nun gibt es eine weitere Klasse: die Kapitalbesitzer, die sich nicht erinnern können, wie sie reich geworden sind, die Erben. Aber auch diejenigen, die das Anlagekapital der Bürger abgeschöpft haben.

Es wäre an der Zeit, meint Sloterdijk, und nun sieht man seinem Gesicht die diabolische Freude an der historischen Pointe an, die er nun formulieren darf, "dass das Bürgertum vom Proletariat jene Kategorie übernimmt, die man 'Klassenbewusstsein' nennt".

Am Schluss stellen die beiden Philosophen wie gewohnt ihre Lektüretipps vor. Safranski empfiehlt (ausgerechnet!) einen Griechen, nämlich Panajotis Kondylis' "Niedergang der bürgerlichen Denk- und Lebensform", das einen Prozess beschreibt: wie das Bürgerliche von der Selbstdisziplin in die Selbstverwirklichung überging, also von der Pflicht in die hedonistische Selbstentfaltung.

Peter Sloterdijk bleibt klassisch - er empfiehlt Joachim Fests "Bürgerlichkeit als Lebensform" und schließt mit einer Beobachtung von Georg Lukacs, der das Bürgerliche als Herrschaft der Ordnung über die Genialität und der Pflicht über die Neigung definiert. Das ist nicht für jeden gleich leicht - das Bürgerliche, so sieht es aus, ist wohl auch Begabungssache.

Doch wie auch immer: An diesem Abend hat man nach der bürgerlichen Mitte gesucht und ohne jede Quotenhurerei bewiesen, dass man die auch ruhig mal vernachlässigen kann um Mitternacht. Wieder einmal hat diese Runde, die so unordentlich daherplaudert und so genial zwischendurch aufblitzt, bewiesen, wie anregend und toll Fernsehen sein kann, wenn es seine Zuschauer auf spielerische Weise ernst nimmt.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 48 Beiträge
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1. !
mikelmik 03.05.2010
An den vielen Beiträgen zu diesem Thema merkt man, dass das Bürgertum lieber DSDS und Germanys next Topmoppel schaut.....:)
2. Deutschland ist tot...
ingo werner 03.05.2010
Zitat von sysopIst das Bürgertum tot oder lebt es auch zerstückelt weiter wie ein Regenwurm, der zweigeteilt wird? Das "Philosophische Quartett" machte sich in politisch wie wirtschaftlich wackliger Zeit auf die Suche nach der Mitte - ein umständlicher, aber sehr aufregender Fernsehmoment um Mitternacht. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,692594,00.html
...mit dem ganzen Müll, der seit Jahren das Land kaputt macht. Was interessieren mich dann Philosphen und das Bürgertum.
3. Erras
gsm900, 03.05.2010
Zitat von mikelmikAn den vielen Beiträgen zu diesem Thema merkt man, dass das Bürgertum lieber DSDS und Germanys next Topmoppel schaut.....:)
Das Bürgertum muß morgens zur Arbeit und hat für Logorhoebeoachtung keine Zeit
4. Genau
ferion, 03.05.2010
Zitat von mikelmikAn den vielen Beiträgen zu diesem Thema merkt man, dass das Bürgertum lieber DSDS und Germanys next Topmoppel schaut.....:)
Genau das bringt der Artikel ja auf den Punkt. Es gibt nur noch Bankvorstand oder Harz, Sekt oder Selters und eben artE oder DSDS. Und jeder wirft dem anderen vor in das jeweils zu verabscheuende Lager gehöhrt, während er selbst selbstverständlich zu keinem gehört. Bürgertum ist wie Biedermeier bereits ein Schimpfwort. Wobei mich ein wenig beruhigt, dass sie Worte wenigstens noch im Sprachgebrauch sind :)
5. nix wissen ...
rosiweissnix, 03.05.2010
Zitat von mikelmikAn den vielen Beiträgen zu diesem Thema merkt man, dass das Bürgertum lieber DSDS und Germanys next Topmoppel schaut.....:)
Nee, nee, ich habs schlichtweg verpasst ... aber zumindest den Artikel gelesen und mir vorgehalten, in der Hoffnung, irgendwann taucht der Link auf das Filmchen schon auf, Sie verstehen? Was soll ich denn dazu schreiben, wenn ich noch nichts weiß? Weiß also mal wieder nix, so ist das halt ;-)
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