Zum Tode von Pierre Brice Indianer unser

Als "Winnetou" verkörperte er die Kindheitsträume von Millionen Menschen, für viele Deutsche war er der Inbegriff des Indianers. Jetzt ist er, der mit seiner Rolle so verwuchs, dass sie fast zur Last wurde, in die ewigen Jagdgründe eingegangen.


Pierre Brice als Winnetou im Jahr 1982: Von den Deutschen adoptiert
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Pierre Brice als Winnetou im Jahr 1982: Von den Deutschen adoptiert

Es gab Zeiten, da war fast jedes Kind einmal Winnetou, oder Old Shatterhand - dank Karl May. Und dann kam eine Zeit, da wurde aus der Fantasiegestalt ein Leinwandheld und noch viel mehr, sodass die Grenze zwischen Rolle und Akteur, Fiktion und Person, irgendwann zu verschwimmen schien wie der Horizont in den Weiten der Prärie. Pierre Brice spielte nicht nur, er war der Häuptling der Apachen und der Herzens-Indianer der Deutschen.

Dass es dahin kommen würde, war Pierre Louis Baron Le Bris, 1929 als Adelsspross in der Bretagne geboren, nicht in die Wiege gelegt. Nach Botenjungendiensten in der Résistance und Soldatenjahren im Indochina- und Algerienkrieg - seinen "schönsten", wie er in konservativem Nationalstolz einmal sagte - zog es ihn, den umschwärmten Beau, ins Rampenlicht, als Fotomodell und Tänzer zunächst.

Doch beim französischen Film Fuß zu fassen war schwer, die Konkurrenz unter den attraktiven männlichen Jungstars, darunter Alain Delon, hart.

Der französische Schauspieler Pierre Brice starb im Alter von 86 Jahren an einer Lungenentzündung.

Brice im achten Karl-May-Film als Winnetou neben Uschi Glas als Apanatschi - das Bild ist von 1966.

Brice zusammen mit Lex Barker, der den Old Shatterhand spielte, in einer Szene aus dem Karl-May-Film "Im Tal des Todes"

Insgesamt elf Spielfilme, hier "Winnetou I" von 1963, drehte Brice in der Rolle des Apachen-Häuptlings ab - und wurde damit zum Popidol der frühen Bundesrepublik.

Nach seinen Filmerfolgen in den Sechzigerjahren als Winnetou spielte Brice auch bei den Karl-May-Festspielen - hier ein Bild aus Elspe aus dem Jahr 1982.

1990 verabschiedete sich Brice im Alter von 62 Jahren von seiner Rolle als Winnetou - hier bei den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg.

...oder in "Die Bacchantinnen", einer italienisch-französischen Produktion von 1960,...

...oder 1960 in dem französisch-italienischen Film "Mühle der versteinerten Frauen". Berühmtheit erlangte Brice in Frankreich dennoch nicht.

Brice umringt von Kindern bei einem Besuch in Dresden im Jahr 1988.

"Winnetou und ich": Brice schrieb eine Autobiografie - hier stellt er sie im Jahr 2004 in Berlin vor.

Im Jahr 2007 wurde Brice, der in seinem Geburtsland kaum bekannt war, vom französischen Botschafter in Berlin mit dem Orden eines Ritters der Ehrenlegion geehrt.

Brice versuchte sich auch als Sänger - hier bei einem Frühlingsfest der Volksmusik.

Hier war er nur noch zu Besuch: Brice bei den Karl-May-Festtagen im sächsischen Radebeul im Juni 2011.

Pierre Brice und seine deutsche Ehefrau Hella im Jahr 2011

Brice ging nach Italien und Spanien, wirkte in etlichen der damals massenhaft heruntergekurbelten Genre-Streifen mit Mantel und Degen, Sandalen und fliegenden Fäusten mit, die bald vergessen waren.

Anfangs fremdelte Brice mit seiner Paraderolle

Alles wurde anders, als er 1962 auf der Berlinale in einer Nebenrolle in "Los Atracadores" dem deutschen Produzenten Horst Wendlandt auffiel. Der hatte sich vorgenommen, einige der unsterblichen Werke des sächsischen Vielschreibers Karl May zu verfilmen - ein Projekt, das sich als wahre Goldgrube erweisen sollte. Der schmucke, stattliche Bretone mit den eleganten Bewegungen und dem unergründlichen Blick aus blaugrünen Augen schien ihm die Idealbesetzung für die Rolle des legendären Ober-Indianers, wie er bei May im Buche stand, zu sein: "Sein Gesicht war edel geschnitten, fast römisch, die Farbe ein mattes Hellbraun mit einem Bronzehauch."

Der Stamm der Teutonen sah das offenbar ähnlich. Bereits das Debüt in "Der Schatz im Silbersee" lockte mehr als zehn Millionen Zuschauer in die Kinos. Brice wurde alsbald zum Star, was am meisten ihn selbst überraschte. Er hatte zunächst erheblich mit seiner Rolle gefremdelt, die er genauso wenig kannte wie ihren literarischen Schöpfer. Er fühlte sich schauspielerisch unterfordert. Und Schwierigkeiten mit dem Reiten hatte er auch.

Doch da war ja zum Glück der in Sachen Western versierte Lex Barker, der ihm aufs Pferd half. Mit ihm, der in den meisten der elf in jugoslawischen Karstgebirgen gedrehten sogenannten Sauerkraut-Western seinen weißen Bruder Old Shatterhand mimte, verband ihn später abseits des Sets auch reale Freundschaft; mit der Alternativbesetzung Stewart Granger hingegen kam er gar nicht klar.

Wiederauferstehung nach Publikumsprotesten

Brice wuchs nicht nur in seine Rolle hinein - er verwuchs mit ihr. Zugleich eroberte er junge wie alte Herzen des bundesdeutschen Publikums, das den edlen Wilden mit dem doppelten Migrationshintergrund als französischer Indianer nicht nur integrierte, sondern regelrecht adoptierte, zumal er dann eines Tages auch noch die Deutsche Hella Krekel zur Squaw nahm.

Was es letztlich war, das die Kinobesucher dermaßen fesselte an einer Figur, die im Jahrhundert zuvor erfunden wurden war, darüber ist viel gemutmaßt worden. Schon May, der zum spirituell beflügelten Idealismus neigte, hatte sie ja mit Friedens- und Völkerverständigungssymbolik aufgeladen. Und derlei lag durchaus im Zeitgeist der Sechziger- und frühen Siebzigerjahre, in denen nach Ende der Nachkriegszeit auch neuer Bedarf an einfachen Tugendmotiven wie Toleranz und Ehrlichkeit wuchs.

Die optische Attraktion des vornehmen Exoten mit wehender dunkler Mähne, Stirnband und weißem befransten Lederanzug tat das ihrige, um ihn auch zum Popstar mit Kultstatus und Idol einer ganzen Generation zu machen. "Bravo" verhalf ihm zu rekordträchtigen zwölf Ottos und drei Starschnitten. Sein Filmtod in "Winnetou III" löste eine derartige Protestwelle mit Drohungen wie heutzutage bei einem Shitstorm aus, dass Produzent Wendtland sich genötigt sah, der Deutschen Lieblingsindianer wieder auferstehen zu lassen.

Am Marterpfahl des Erfolges

Auch nachdem es endgültig vorbei war mit der Winnetou-Mania, blieb Brice dem Indianerleben lange treu. Der Stamm der Winnebagow in Nebraska ernannte ihn sogar zum Ehrenmitglied, während er weiterhin bei den Karl-May-Festspielen im sauerländischen Elspe und in Bad Segeberg seines Amtes waltete. Versöhnt mit seiner Rolle war er irgendwann, auch wenn er nie ganz aufhörte, damit zu hadern, dass sie ihm auch zu einer Art Marterpfahl geworden war, an den er zu fest gebunden zu sein schien, um noch zu anderen nennenswerten mimischen Taten fähig zu sein.

Abseits des Indianerfaches wollte Brice kein bedeutendes Projekt gelingen. In den Neunzigerjahren beschränkte er sich auf harmlose Spielfilme und TV-Serien. "Ein Schloss am Wörthersee" und "Klinik unter Palmen" fanden auch ihr Publikum. Nur: Bedeutend war das nicht.

Nun ging er endgültig in die ewigen Jagdgründe ein.



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insgesamt 75 Beiträge
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Seite 1
zbv10 06.06.2015
1. So toll ...
... die Filme auch waren, am tollsten war die Filmmusik von Martin Böttcher. Eine Mischung aus Saint-Saens' Orgelsymphonie, Klängen aus Puccini's Turandot und einem eigenem Sound, den man 200 Meter "gegen den Wind" erkennt.
Brandolino 06.06.2015
2. Sehr schöner Artikel!
In meiner Kindheit waren Pierre Brice und Lex Barker meine großen Helden und sind es irgendwie bis heute geblieben. Jedenfalls gab es mir gerade einen tiefen Stich als ich von "Winnetous" endgültigem Tod hörte. Deinen Filmwidersacher, Rik Battalia, hast du nur kurz überlebt. Repose en paix, Pierre! Der Artikel ist wie ich finde sehr gut recherchiert und geschrieben. Chapeau!
herbert_schwakowiak 06.06.2015
3.
Naja, für die einen war der Pierre der Indiander, für die anderen war's der Gojko. Und eigentlich habe ich den Hinweis vermisst, dass viele andere Schauspieler, wie Uschi Glas und Götz George ihre Karrieren mit den Winnetou-Filmen gestartet haben.
Archetim 06.06.2015
4. Ruhe in Frieden, Held meiner Kindheit
Schön das ich ihn als 5 oder 6 Jähriger noch in Bad Segeberg sehen durfte.
brooklyner 06.06.2015
5.
Schade, eine weitere Ikone der alten Bundesrepublik tritt ab, wirklich schade. RIP.
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