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Flüchtlings-Talk bei Plasberg: Flucht in die Sprachstanze

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"Hart aber fair" über Flüchtlinge: Früher hätte man "Ausländer" gesagt Fotos
ARD

"Deutschland, wir kommen! Aber welche Flüchtlinge sollen bleiben?" lautete das Talk-Thema bei Frank Plasberg. Eine Antwort lieferten die Diskutanten nicht. Stattdessen hagelte es Phrasen.

"Es gehört schon eine Menge Ausdauer und Einfallsreichtum dazu, um in Afrikas uraltem Südwesten zu überleben." Nein, das war nicht der Satz, mit dem Frank Plasberg seine Talkshow eröffnete. Das war der Satz am Schluss der Sendung davor. In der ging es nicht um Flüchtlinge. Vielmehr hieß sie "Unbekanntes Afrika" und handelte von Löwen, Elefanten und Giraffen. Deren Strapazen interessieren die deutschen Fernsehzuschauer nämlich wirklich.

"Deutschland, wir kommen! Aber welche Flüchtlinge sollen bleiben?", lautete dann das Thema, doch auch bei Plasberg ging es nicht wirklich um Flüchtlinge, jedenfalls nicht um die, die in Lampedusa anlanden, wenn sie nicht vorher im Mittelmeer ertrinken. Im Einspieler zu Beginn sammelt ein Fernsehteam Vox populi in der Fußgängerzone. Erst bekommen die Passanten ein Foto von afrikanischen Flüchtlingen in einem überfüllten Boot gezeigt. Die Reaktion, grob zusammengefasst: Arme Menschen, denen müssen wir beistehen. Dann folgt ein Foto von Männern, die am Straßenrand stehen: "Das sind Tagelöhner aus Osteuropa, müssen wir denen nicht auch helfen?" Der Tenor hier: Die sollen dahin zurück, wo sie herkommen.

Früher hätte man einfach "Ausländer" gesagt. Heute ist das nicht mehr so einfach, weshalb die Diskutanten etwas wirr zwischen Begriffen wie Flüchtling, Arbeitsmigrant oder Armutszuwanderer oszillierten. Andreas Stasiewicz, Koordinator der Anlaufstelle für osteuropäische Obdachlose in Hamburg und der deutlich angenehmste Teilnehmer der Runde, stellte immer mal klar, dass etwa polnische Bürger schwerlich als Flüchtlinge gelten können. Schließlich nutzen sie als Arbeitnehmer "einfach die Rechte, die ihnen die europäische Gemeinschaft gegeben hat".

Wenn das Bodenpersonal aufkreuzt

Ja, die EU, die macht das mit den Ausländern so kompliziert. Da dürfen nicht nur deutsche Unternehmen dahin einwandern, wo es schön billige Löhne gibt - jetzt kann auch das Bodenpersonal dieser Länder bei uns aufkreuzen und gar "in unser Sozialsystem einwandern", wie CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach nicht müde zu betonen wurde. Die am zweithäufigsten verwendete Sprachstanze - beliebt vor allem bei Polizeigewerkschaftschef Rainer Wendt - war die, dass man nicht die Augen vor der Realität verschließen dürfe.

Wobei "die Realität" in diesem Fall Polizeistatistiken sind, laut deren in Gemeinden wie Duisburg, in die überdurchschnittlich viele rumänische und bulgarische Menschen einwandern, die Einbruchs- und Diebstahldelikte ansteigen. Überall dort, wo es Armutszuwanderung gäbe, gäbe es auch Kriminalität, lautete der Konter des NRW-Integrationsministers Guntram Schneider (SPD). Ein etwas matter Einwand - jedenfalls gegen Wohlstandssicherungsexperten wie Bosbach, der unser schönes Land durch die (sic) "Einwanderung in die Sozialsysteme" auf kurz oder lang "überfordert" sieht. Was natürlich "absolut nichts mit Ausländerfeindlichkeit zu tun" hat.

Zur Illustration der Überforderung kam dann ein Einspieler aus Mannheim, dessen Bürgermeister schätzt, dass auf die Stadt zwischen acht und zwölf Millionen Euro mehr Ausgaben zukommen, wenn ab 2014 die Freizügigkeitsregel auch für Bulgaren und Rumänen gilt. Sicherlich imposantes Zahlenmaterial, doch zum Vergleich: Die Stadt Hamburg hat es soeben geschafft, mit einer Gartenschau, die bloß ein halbes Jahr dauerte, 37 Millionen Euro Verlust zu machen.

"Wenn ich watt sach, bin ich'n Rassist"

Im letzten Drittel der Sendung wollte Plasberg die Zumutungen, denen Deutschlands Gemeinden durch osteuropäische Zuwanderer angeblich ausgesetzt sind, noch etwas zuspitzen. "Schauen Sie mal hier" - auf den Playknopf gedrückt - und schon sehen wir Unterkünfte in Duisburg, in denen Roma-Familien untergebracht sind. Bilder von Möbeln auf der Straße, zugerümpelten Kellern und eingetretenen Türen. "Wenn ich watt sach, bin ich'n Rassist", erklärt ein deutscher Anwohner. Wer dort was aus welchen Gründen demoliert hat oder verwahrlosen hat lassen? Erfährt man nicht. Die Bilder sprechen für sich: Roma in Deutschland, Haus kaputt. Die Musikerin Dotschy Reinhardt, deutsche Sinteza, bleibt erstaunlich höflich: "Ich möchte nur nicht, das man glaubt, jeder Sinto und Rom wäre kriminell veranlagt."

Die Lösung liegt natürlich wie immer und überall darin, "die Fluchtursachen vor Ort zu bekämpfen", wie abermals Bosbach aus dem Arsenal der Einwanderungsdebatten-Phraseologie hervorzuholen wusste. Ach, man hätte doch gerne eine schlaue Migrationsforscherin wenigstens am Katzentisch gesehen, die zum Beispiel mal ein bisschen was über die globale Lastenverteilung von Armuts- und Kriegsflüchtlingen erzählt. Stattdessen saß da noch Lucy Diakovska, einst Mitglied der Castingband No Angels, die zu berichten wusste, dass der Winter in Osteuropa kalt ist. Und dass man sich im Leben bemühen muss.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1.
ekel-alfred 22.10.2013
Zitat von sysopWDR"Deutschland, wir kommen! Aber welche Flüchtlinge sollen bleiben?" lautete das Talk-Thema bei Frank Plasberg. Eine Antwort lieferten die Diskutanten nicht. Stattdessen hagelte es Phrasen. Plasberg: Talk über Flüchtlinge - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/plasberg-talk-ueber-fluechtlinge-a-929183.html)
Lieber Herr Twickel, was ist denn das für ein Argument? Verschwendung von Steuergeldern wird man (leider) nie abstellen können. Wenn wir dazu aber noch die Summen addieren müssen, die für Ausbildung und Integration von (EU-) Wirtschafts- und Armutsflüchtlingen aufgewendet werden müssen, dann wird dieses Land irgendwann überfordert sein. Ja, die Politik kennt die Probleme, aber sie macht die Augen zu. Die Angst, in die rechte Ecke gestellt zu werden, ist zu groß. Politiker denken leider nur von einer Amtsperiode zur nächsten.
2. Das
badduck 22.10.2013
"(...) Überall dort, wo es Armutszuwanderung gäbe, gäbe es auch Kriminalität, lautete der Konter des NRW-Integrationsministers Guntram Schneider (SPD). Ein etwas matter Einwand - jedenfalls gegen Wohlstandsicherungsexperten wie Bosbach, der unser schönes Land durch die (sic) "Einwanderung in die Sozialsysteme" auf kurz oder lang "überfordert" sieht. Was natürlich "absolut nichts mit Ausländerfeindlichkeit zu tun" hat.(...) " Das lässt tief blicken. Betroffenheit, Bedauern und Mitleid ja, aber nur solange diese Menschen nicht bei uns sind und an unserem ehrlich (lol) verdienten Wohlstand partizipieren wollen. Es sind Menschen, keine latent Kriminellen oder Sozialschmarotzer oder Vandalen. Als kriminell empfinde ich was mancher Politiker, wie z.B. Bosbach, hier abgelassen hat. Es sind die "Köpfe" des Landes, die "Vordenker", die Meinungen machen. Dazu gehört auch mit welchen Leuten man solch eine TV Schau besetzt und mit welchen nicht. Kriminalität liegt im Auge des Betrachters manchmal man einfach muss nur den Kopf bewegen.
3. Bla, bla, bla
huppsi52 22.10.2013
Stimmt, seit hart aber fair in die ARD gewandert ist hat die Sendung einen rasanten Niedergang in die Tiefen deutscher Talk-Bla-Bla-Sendungen erlebt.
4. die phraseologie
k1ck4ss 22.10.2013
des linken SPON beschränkt sich lediglich darauf, die angeblichen phrasen der andersdenkenden einfach in "gänsefüßchen" zu setzen. das sagt mehr über den SPON als über herrn bosbach aus.
5. Was für Selbstdarsteller...
mischamai 22.10.2013
Der Einzige mit Sachverstand und Überblick war Herr Bosbach.All die anderen Selbstdarsteller mit ihrer selbstherrlichen Sozialromantik haben einfach nicht verstanden wo das Problem liegt.Den Menschen muss in ihren Heimatländern geholfen werden und nicht den heimischen Städten und Gemeinden dazu verhelfen jegliche finanzielle Mittel auszubluten.Selten solche Heuchler gesehen die den Überblick für Menschlichkeit so falsch darstellen.
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