Reichen-Talk bei Plasberg: "Steuern sind keine Pickel am Hintern"

Von Torsten Landsberg

Umverteilung? Gerechtigkeit? Diese Themen versprechen, den Bundestagswahlkampf zu beherrschen. Der Talk bei Frank Plasberg gibt einen Vorgeschmack: Anprangern und Aufregen sind erlaubt, aber bitte nicht konkret werden.

Gäste Niebel, Rossmann, Fischer, Oppermann, Lafontaine: "X-mal besteuert" Zur Großansicht
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Gäste Niebel, Rossmann, Fischer, Oppermann, Lafontaine: "X-mal besteuert"

Wenn nichts mehr geht, muss eine Weisheit helfen. Bei Geld hört die Freundschaft auf, zum Beispiel. In Zypern zürnt man der deutschen Regierung, weil auch Sparer per Zwangsabgabe an der Staatsrettung beteiligt werden sollen. Manager ziehen den Argwohn der Normalverdiener auf sich, wenn sie Bleibe- oder Willkommensprämien einstreichen, so dass sogar Angela Merkel zuletzt deren Maßlosigkeit anprangerte.

Es geht um Arm und Reich und das Dazwischen: Welche Steuer ist vertretbar, was ist angemessen - und notwendig? Fragen, die sich um Gerechtigkeit und sozialen Frieden drehen und aller Voraussicht nach eine zentrale Rolle im Bundestagswahlkampf spielen werden. Frank Plasberg wählte am Montag für seine Sendung den Titel "Den Reichen an den Kragen - wie viel Umverteilung verträgt Deutschland?" - so als könne von den EU-Wirren isoliert betrachtet werden, was finanzpolitisch hierzulande geschieht.

Diskussionen über Geld neigen zur Emotionalität - was auch daran liegt, dass vieles, worüber geredet wird, subjektiv ist. Was ist schon gerecht, wo beginnt Neid? Konkrete Beispiele und Berechnungen können helfen, das Thema zu versachlichen und etwas Dampf vom Kessel zu nehmen. Allein, in den mit einer nur kurzen Halbwertzeit ausgestatteten Talkshows ist das ebenso wenig gefragt wie im langsam Fahrt aufnehmenden Wahlkampf.

Es will ja auch keine Partei so recht, dass zu genau gefragt wird, ob das, was sie in ihrem Wahlprogramm fordert, denn auch zu finanzieren ist. Das hatte SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück in der vergangenen Woche bei Anne Will verdeutlicht, als er in seiner ihm eigenen Pampigkeit auf eine Nachfrage zum Spitzensteuersatz entgegnete, dass er die Antwort erst "in Amt und Würden" geben werde, denn "von den anderen kriegen sie auch nichts Konkreteres".

Die Szene wird bei Plasberg eingespielt, denn von Steinbrücks Parteifreund Thomas Oppermann möchte der Moderator wissen, wie die SPD für mehr Gerechtigkeit sorgen will. Oppermann, dessen Partei mit Rot-Grün unter Gerhard Schröder den Spitzensteuersatz von 53 auf 42 Prozent gesenkt hatte, spricht über die im Wahlprogramm vorgesehene Anhebung der Spitzenbesteuerung auf 49 Prozent sowie eine höhere Erbschafts-, Abgeltungs- und Finanzstransaktionssteuer.

FDP-Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel dagegen wäre es am liebsten, die Erbschaftsteuer komplett abzuschaffen, weil "alles Angesammelte schon x-mal besteuert" worden sei. Oppermann kontert mit der erzieherischen Idee, "dass jede Generation einen Teil ihres Wohlstands selbst erarbeiten soll". Das sei als Ansporn "vernünftig". Auch eine Möglichkeit, eine Steuer zu begründen.

"Nicht völlig bekloppt im Kopf"

Die Journalistin und Buchautorin Kathrin Fischer spricht von einem "Gerechtigkeitsproblem, wenn Leute nicht mehr glauben, dass sie an der Gesellschaft teilhaben können". Sie befürwortet die Einführung der Vermögensteuer, denn "Steuern sind keine Pickel am Hintern". Fischer wird als alleinerziehende Mutter vorgestellt, was vermutlich nahelegen soll, dass sie vielleicht nicht unter prekären, aber immerhin schwierigen Umständen lebt. Als Plasberg eröffnet, dass in Deutschland zu den oberen zehn Prozent der Einkommen gehört, wer mindestens 64.000 Euro im Jahr verdient, sitzt die Autorin aber mit im Boot. Sofern sie als Vertreterin derjenigen vorgesehen war, die sich von ihrem Einkommen kaum etwas leisten können, ist sie fehlbesetzt.

Auch Dirk Roßmann, Gründer der Drogeriemarktkette Rossmann, passt nicht so recht ins Klischee dessen, was Plasberg als zweifachen Milliardär anmoderiert. Roßmann lacht: "Das wird ja immer mehr." Obgleich sich der Unternehmer in der Vergangenheit mehrfach für eine höhere Besteuerung von Wohlhabenden ausgesprochen hat, sind die Teilnehmer der Runde doch überrascht von dessen Ansichten. "Ich bin doch nicht völlig bekloppt im Kopf", sagt er forsch. Roßmann spricht sich dafür aus, dass auch Großverdiener in die gesetzliche Krankenkasse einzahlen, damit die Beitragssätze sinken.

Oskar Lafontaine will Roßmann aber nicht als sozialen Edelmann davonkommen lassen. Der habe sein Vermögen nicht durch Arbeit angehäuft, "sondern weil man viele andere dafür arbeiten lässt". Außerdem wirft der Linke-Politiker dem Unternehmer die Beschäftigung von Leiharbeitern vor, was der überzeugend kontert: In umsatzstarken Phasen wie Weihnachten und während einer Grippewelle sei seine Kette auf Leiharbeiter angewiesen. Genau dafür sei Leiharbeit gedacht, sagt SPD-Mann Oppermann.

Managergehälter bleiben aus der Diskussion zunächst raus, sie werden schließlich in die letzte Viertelstunde gepresst, am Beispiel VW - wie in der Vorwoche schon bei Günther Jauch. Die Halbwertzeit bleibt kurz.

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insgesamt 187 Beiträge
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1. Wen die SPD als reich definiert ...
mimigernaford 19.03.2013
... sehen wir gerade in NRW, wo SPD-Hoffnungsträgerin Hannelore Kraft mit dem Sparen beim Grundschullehrer/in anfängt. Begründet wird das alles mit der Haushaltslage dieses jahrzehntelang SPD-regierten Landes. Langjähriger Finanzminister und kurzzeitiger Ministerpräsident war übrigens Peer Steinbrück.
2. Spießer-Talk
prophet46 19.03.2013
Zitat von sysopUmverteilung? Gerechtigkeit? Diese Themen versprechen, den Bundestagswahlkampf zu beherrschen. Der Talk bei Frank Plasberg gibt einen Vorgeschmack: Anprangern und Aufregen sind erlaubt, aber bitte nicht konkret werden. Plasberg-Talk über Gerechtigkeit und Umverteilung - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/plasberg-talk-ueber-gerechtigkeit-und-umverteilung-a-889637.html)
Was für eine unsägliche Talk-Show. Die Rundfunkgeführen werden so langsam zum Pickel auf meinem Hintern. Die Orientierung von Managergehältern an denen von Putzfrauen, wie sie eine Altkommunistin mit 15 Td. Euro/Mo. Abgeordneten-Einkommen vorschläg, war geradezu abenteuerlich. Die Plebs bestimmen jetzt wohl die Gehaltshöhe? Wir rutschen immer mehr auf das Spießer-Niveau der einstigen DDR.
3.
skylarkin 19.03.2013
Zitat von sysopUmverteilung? Gerechtigkeit? Diese Themen versprechen, den Bundestagswahlkampf zu beherrschen. Der Talk bei Frank Plasberg gibt einen Vorgeschmack: Anprangern und Aufregen sind erlaubt, aber bitte nicht konkret werden. Plasberg-Talk über Gerechtigkeit und Umverteilung - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/plasberg-talk-ueber-gerechtigkeit-und-umverteilung-a-889637.html)
Schwacher Talk mit Punktsieg für diejenigen, die eine ungerechte Gesellschaft anprangern, aber ich sehe es kommen:Kritik an einer nachweislich ungerechter werdenden Gesellschaft ist nur auf Neid zurückzuführen. Es geht aber darum eine seit Jahren falsch laufende Entwicklung teilweise rückgängig zu machen, d.h.steuerlich (Spitzensteuersatz/ Vermögenssteuer etc.) in die Zeit der Kohlregierung zurückzugehen. Warum dieses als Teufelswerk angesehen wird, erschließt sich mir nicht. Vor allem der untere Rand der Mittelschicht erodiert zusehends. 15-20% der Bevölkerung sind schon abgehängt in Niedriglohnbeschäftigungen, unsicher beschäftigt oder unter Druck von Leiharbeit und Werkverträgen. Und zuletzt noch mal an alle Armutsrelativierer: Armut kann man nicht mit Verweis auf andere Zeiten und andere Länder kleinreden, denn dann hätte nie die Notwendigkeit zu Korrekturen bestanden, da es immer irgendwo noch schlechter aussieht. Es geht nicht um Gleichmacherei, sondern um Gerechtigkeit. Übrigens bin ich kein Anhänger der Linkspartei, aber wo sie recht hat, hat sie recht...
4. Erbschaftssteuer erhöhen
auweia 19.03.2013
Zitat von sysopUmverteilung? Gerechtigkeit? Diese Themen versprechen, den Bundestagswahlkampf zu beherrschen. Der Talk bei Frank Plasberg gibt einen Vorgeschmack: Anprangern und Aufregen sind erlaubt, aber bitte nicht konkret werden. Plasberg-Talk über Gerechtigkeit und Umverteilung - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/plasberg-talk-ueber-gerechtigkeit-und-umverteilung-a-889637.html)
In Punkto Steuern sagt die FDP viel Richtiges. Ich bin auch für Senkung der Lohnsteuer und Abschaffung des Soli. Im Fall der Errbschaftssteuer allerdings liegt sie (oder zumindest der hier zitierte FDP-Vertreter) völlig daneben. Besteuert wird nicht der, der vererbt. Besteuert wird der der die Erbschaft erhält. Der Erbe hat in der Regel nichts dafür getan, dass sich das Erbe gebildet hat, für ihn ist es ein leistungsloses Einkommen dass ihn nur besserstellen kann. Dieses Einkommen kann durchaus zur Hälfte mit der Gemeinschaft geteilt werden. Was das ewige Argument mit "Omas klein' Häuschen" betrifft - eine geerbte Immobilie muß nicht verkauft werden, es gäbe auch das Mittel einer Hypothek, um den Staat auskzuzahlen. Und auch bei vererbten Firmen kann ein gesetzlicher Weg gefunden werden, die Steuer über einen längeren Zeitraum zu strecken... Goethe hatte Recht: "Was Du ererbt von Deinen Vätern - ERWIRB es, um es zu besitzen."
5. Pseudo-Aufklärung
cato-der-ältere 19.03.2013
Niemand käme ja wohl noch ernsthaft auf die Idee Befürworter und Gegner der Emanzipation zu einem Talk einzuladen. Einfach weil von vornherein klar ist dass Emanzipation gerecht und angebracht ist. Aber bei sozialen Themen wie Altersarmut, der Tatsache dass Reiche seit Gründung der BRD immer weniger Steuern zahlen, usw. wir immer wieder so getan als ob das alles noch nicht so ganz klar sei und man wieder neu anfangen muss zu debattieren. Diese Debatten werden dann von gleich starken "Mannschaften" geführt (angeblich wg. "Ausgewogenheit"), wobei die Fürsprecher des Status Quo/ die Lobbyisten der Reichen, stets ausgebuffte Rhetoriker sind. Im Effekt sind diese Talks tatsächlich Instrumente dieser "Ober-Klasse" und ihrer Helfer, weil sie Gelegenheit bekommen stets die selben, tausendmal widerlegten Argumente vorzutragen. Was immer einige Leute beeindruckt, - und in einer Demokratie braucht es halt manchmal nur 2% mehr Stimmen um unser geschick zu lenken, siehe FDP. Es gibt da zb. den Mythos dass die reichsten 10% schon den gewaltigsten Steueranteil zahlen und somit uns doofen Rest, geschweige denn die Arbeitslosen, alimentieren, Schulen und Straßenbau finanzieren. Jeder der einen Funken Verstand hat müsste sehen dass es genau umgekehrt ist. Dass nämlich diese Leute erst mal exorbitant viel einsacken müssen bevor Steuern erhoben werden können. Nachdem die besten Steueranwälte tätig wurden und ein paar Milliarden in die Schweiz und Caymans geflossen sind. Arbeitslose wiederum sind diejenigen die tatsächlich für unsere Systemfehler zahlen, wozu IMMER Arbeitslosigkeit gehört, woran sie keineswegs selbst schuld sind. Der psychische und finannzielle Katastrophe müssen sie tragen. Aber um das zu verstehen muss man halt 1 Minute klar denken können und wollen. DIe Talks bringen nur weißes Rauschen. Eine zutiefst verlogene Veranstaltung.
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