Von Mathias Zschaler
Jahrelang haben Politiker den Bürgern eingehämmert, doch bitte selbst etwas für ihre Altersvorsorge zu tun. Schließlich reiche die gesetzliche Rente auf Dauer nicht mehr. Doch im Zeichen der Finanzkrise zeigt sich, dass das nicht unbedingt eine gute Idee war. Erhoffte Renditen bleiben aus, die Erträge leiden vielmehr an "galoppierender Schwindsucht", wie Moderator Frank Plasberg es am Montagabend ausdrückte. "Angespart, angelegt, angeschmiert - Armutsfalle private Vorsorge?" lautete der Titel seiner Talkrunde, in der die Entwicklung mit gebührendem Alarmismus als weiterer Risikofaktor für drohende Altersarmut präsentiert wurde.
Möglicherweise gibt es Zuschauer, die solch eine Sendung tatsächlich in der Erwartung verfolgen, dass die Akteure jene Beratungsdefizite ausgleichen, die Teil des Problems sind. Sonderlich gut beraten waren sie da mit dieser "Hart aber fair"-Ausgabe allerdings nicht. Der Erkenntnisgewinn hielt sich in Grenzen - die einzige wirklich verwertbare Empfehlung gab es erst zum Schluss. Sie kam weder von Ursula von der Leyen noch von Oskar Lafontaine und war auch nicht gerade sensationell.
Zunächst jedoch galt es eine größtenteils ziemlich unergiebige Mischung aus bekannter parteipolitischer Rhetorik, versicherungstechnischer Zahlenhuberei, Schönfärberei und manchem schlichtweg schwer Nachvollziehbarem durchzustehen. All das trug eher zur Verunsicherung des Publikums bei. Bezeichnend war die Frage, wie es sein kann, dass jemand binnen drei Jahren 3660 Euro für eine Lebensversicherung einzahlt, um dann mitgeteilt zu bekommen, dass er noch keinen Cent angespart hat, weil das alles erst mal die Kosten für den Abschluss waren.
Frau Warnke im Dauereinsatz
Und dann war da vor allem Frau Warnke. Die sparte 23 Jahre lang brav jeden Monat 80 Euro für ihre Lebensversicherung an, bekam am Ende aber statt der prognostizierten 46.000 nur 34.000 Euro. Frau Warnke war zwar nicht persönlich anwesend, wurde aber dennoch per Einspieler zur "stillen Heldin des Abends", wie Plasberg resümierte, zu einer Art Referenzgröße. Was jetzt wohl Frau Warnke sagen würde, hieß es immer mal wieder. Aber richtig lustig war das nicht.
Als sie schon beinahe in Vergessenheit zu geraten drohte, kam sogar Peter Schwark vom Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft noch einmal auf die Frau zurück. Er rechnete vor, dass Frau Warnke heute noch schlechter dastünde, wenn sie Aktien gekauft hätte, nämlich mit nur 28.000 Euro. Schwark hatte als Verteidiger der versicherungswirtschaftlichen Ehre naturgemäß keinen leichten Stand und deshalb eine Art Freibrief für Werbebotschaften. Grundsätzlich sei es ja nun so, dass es gute und schlechte Zeiten gebe und Kosten eben auch.
Die Sache mit den Aktien musste er unbedingt loswerden als kleinen Seitenhieb auf den Wirtschaftsprofessor Max Otte, der seinerseits für Aktienanlagen anstatt Lebensversicherungen plädierte, sonst aber eher unauffällig blieb. Das ließ sich von der Arbeits- und Sozialministerin nicht sagen, die die Gelegenheit routiniert nutzte, ihr Mantra von der Wichtigkeit der "zweiten Säule" unters Volk zu bringen, mehr Transparenz zu versprechen und davor zu warnen, die Riester-Rente und ähnliche Varianten der privaten Vorsorge in Bausch und Bogen abzutun. Der Linke Oskar Lafontaine tat das aber dennoch und sprach im Hinblick auf die Teilprivatisierung der Rente von nicht weniger als einem "Kapitalverbrechen" - um dann im Wege der Mehrfachwiederholung die Stabilisierung des bewährten gesetzlichen Systems zu fordern.
Moderator Plasberg seinerseits versuchte mehrfach, die Debatte mittels Zitat aus einem Papier des Finanzministeriums zu befeuern. Darin warnten Experten davor, auch Versicherer könnten im Zuge der Euro-Krise in ernste Zahlungsschwierigkeiten geraten. Aber so richtig verfing das nicht. Von der Leyen wollte auch partout nicht antworten, als sie darauf angesprochen wurde, dass es doch wohl nicht gut für den Ruf der Riester- und Rürup-Renten sei, wenn ihre Namensgeber heute selbst in der Versicherungswirtschaft tätig seien.
Letzte Ausfahrt Swinger-Club
Fast unvermeidlich landete die Runde schließlich auch noch bei jenen Branchen-Spezifika, die im weitesten Sinne unter die Rubrik "Belohnung für verdiente Mitarbeiter" fallen, also römischen Orgien in Budapest und Urlaub in Rio oder im Swinger-Club auf Jamaika. Schwark wusste hierzu Beruhigendes zu berichten: Inzwischen gebe es einen "Compliance-Beauftragten" und Belohnungsreisen erfolgten nur noch mit Ehefrau und innerhalb Deutschlands.
Edda Castelló von der Verbraucherzentrale Hamburg hielt dieses ganze Kapitel allerdings für gar nicht komisch und erinnerte daran, dass auch derlei Kosten zu Lasten der Versicherten gingen. Überhaupt hatte sie für alles, was einem normalen, durchaus vorsorgewilligen Menschen schwer verständlich erscheinen musste, die passenden, klärenden Worte parat. Castelló wirkte mithin wie ein ruhender Pol echter Beratungskompetenz.
Von der Leyens Jubel über ein in Arbeit befindliches Gesetz für mehr Transparenz bei den Angeboten zur Altersvorsorge begegnete die Verbraucherschützerin mit einem recht kühlen Konter: Auch der mündige Konsument sei überfordert, wenn er sich selbst ein Bild von den Offerten machen müsse. Es sei nun mal Sache der Anbieter, klare durchschaubare Produkte zu präsentieren. Und wenn es denn schon unbedingt ein Riester-Modell sein müsse, dann rate sie zum simplen Sparen bei der Sparkasse.
Die Schlussfrage lautete diesmal, wer wem die Haustür für ein Beratungsgespräch öffnen würde. Dass dabei alle bis auf Aktien-Freund Otte die Verbraucherschützerin nannten, war bezeichnend.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik TV | RSS |
| alles zum Thema Televisionen | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH