"Hart aber fair": Costa, erklär uns Griechenland!

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Gefühlt war es die 117. Griechenland-Runde - und Frank Plasberg gab sich wenig Mühe, es anders zu machen. Aller Kritik am Talkshow-Überangebot der ARD zum Trotz lieferte er das übliche Einerlei. Ein Gewinn war nur die Exil-Deutsche, die schonungslos aus ihrem griechischen Alltag plauderte.

Plasberg-Runde: Alles über die schlechten Griechen Fotos
WDR

Es war nicht schmeichelhaft, was in jüngster Zeit aus den ARD-Gremien an Befunden über die Qualität des hauseigenen Talkshow-Sortiments verlautete. Themen- und Gästeauswahl vor allem wurden bemängelt, beides infolge von Doppelungen stark verschleißgefährdet, aber auch oftmals fehlende Schärfe im Umgang mit harten politischen Fragen und mithin geringer Erkenntnisgewinn für den Zuschauer.

Zur Entschuldigung für Frank Plasbergs gestrige Sendung muss man fairerweise feststellen, dass er am Tag nach der Griechenland-Wahl praktisch kaum daran vorbeikam, die gefühlt 117. öffentlich-rechtliche Eurologensitzung abzuhalten. Und was die Besetzungsliste anbelangt, so ist es womöglich in diesen von König Fußball beherrschten Tagen tatsächlich ein wenig schwer, auf die Schnelle nennenswerte personelle Alternativen zu entwickeln. Das steigerte den thematischen Déjà-vu-Effekt um das Wiedersehen mit etlichen alten Bekannten.

Hermann Gröhe war da, der Generalsekretär der Kanzlerinnen-Partei, der den Griechen selbstverständlich noch einmal unmissverständlich klarmachen musste, dass sie sich bloß nicht einbilden sollen, es gebe nun irgendeinen Rabatt oder ein Entgegenkommen, bloß weil sie nicht die bösen Linksradikalen gewählt haben, sondern eine große Koalition. Dass die von genau jenen Parteien gebildet wird, die über die Jahre die ganze Misere angerichtet haben, vorneweg die konservative Schwesterpartei der deutschen Christenunion, fand Herr Gröhe interessanterweise kein bisschen problematisch.

Dann saß da wieder einmal Nikolaus Blome, der Mann für alle Fälle von der "Bild"-Zeitung, die im Zuge der Euro-Krise bekanntlich eine sehr eigene Rolle bezüglich der deutsch-griechischen Völkerverständigung eingenommen hat. Blome hat, wie zu erfahren war, seine eigene Position inzwischen dahingehend getoppt, dass er Griechenland jetzt auf den Status eines Entwicklungslandes herabgestuft hat.

Ohne Costa Cordalis ist die Runde nicht komplett

Auf gar keinen Fall durfte der Finanzexperte Dirk Müller fehlen, den sie "Mister Dax" nennen und der auf so nette Weise kompetent wirkt, dass selbst sein gnadenloses prophetisches Verdikt, alle Rettungsversuche würden letzten Endes vergeblich bleiben und Griechenland müsse raus aus dem Euro, noch irgendwie menschenfreundlich und sympathisch anmutet. Und sozusagen zur Absicherung der linken Flanke hatte man auf den gleichfalls schon häufiger gesichteten Globalisierungskritiker und Attac-Aktivisten Alexis Passadakis zurückgegriffen, der erwartungsgemäß die Systemfrage stellte und einen griechischen Großvater hat.

Ein solcher ist mittlerweile auch Costa Cordalis, der einstige Schlager- und Dschungelkönig, der vorzugsweise auf Mallorca lebt und von dem nicht ganz klar wurde, weshalb er eigentlich eingeladen war, außer, um ein paar der gängigen Bemerkungen über den Stolz der Griechen und die Wiege der Demokratie zu machen und etwas überraschend zu Protokoll zu geben, dass er beim EM-Viertelfinale den Deutschen die Daumen drücken will. Ohne so jemanden gilt eine Plasberg-Runde offenbar nicht als komplett.

Es war im Wesentlichen eine der üblichen "Hart aber fair"-Veranstaltungen, mit den üblichen Einspielfilmchen, den wie immer aufrüttelnden Zahlen und schrecklichen Fakten und den besorgten Zuschauerstimmen, mit dem üblichen, mäandernden, vorhersehbaren Diskussionsverlauf, der nur gelegentlich etwas erhellenden Tiefgang erreichte. Etwa, als man zu der grundsätzlichen Frage vordrang, ob es Griechenland nicht weit mehr an Rechts- und Institutionensicherheit mangele als an Geld. Oder als sich der Attac-Mann und der Börsenguru bemerkenswert einig darüber waren, dass es in Wahrheit weniger um die Hilfe für die Menschen, sondern vielmehr um die Befriedigung der Gläubiger, also das Wohl der Banken gehe.

Und es gab sogar Momente, die diese Sendung ein Stückchen heraushoben aus dem gewohnten Einerlei von eurokratischem Alarmismus und beschwörender Beschwichtigungsroutine. Das waren jene, in denen der einzige bis dato unbekannte Gast aus seinem Leben berichtete: Tanja Nettersheim, eine Deutsche, die einen griechischen Mann hat und zwei kleine Kinder und seit zwölf Jahren in Athen wohnt. Schnörkellos, ohne Beschönigung, zugleich ziemlich emotional und dabei eindrucksvoll differenzierungsfähig erzählte sie von ihrem ganz normalen griechischen Alltag. Sie sparte keineswegs mit Kritik an den Missständen in ihrer neuen Heimat, an der mangelnden Bereitschaft ihrer neuen Landsleute zur Selbstkritik, dem Fehlen von Rechtssicherheit, den Auswüchsen des Klientelismus und jenen schwer erträglichen Ungerechtigkeiten, die aus dem Verzicht des Staats auf geregelte, gerechte Steuereinnahmen resultieren.

Aber das taugte alles nicht als Munition für diejenigen, die ohnehin alles besser zu wissen meinen über die schlechten Griechen. Denn da klang doch stets auch ein trauriger Unterton von Kränkung und Enttäuschung an - adressiert nicht an "die Deutschen", sondern an die Berliner Bundesregierung der allmächtigen Kanzlerin Merkel sowie, und das nicht nur nebenbei, an Blomes "Bild"-Zeitung und ihre Schlagzeilen über die "Pleitegriechen", mit denen sich das Blatt zum "Brandstifter" gemacht habe.

Laut Umfragen sind heute 76 Prozent der Griechen der Ansicht, die Deutschen seien ihnen feindlich gesonnen, und 77 Prozent argwöhnen gar, sie planten ein "Viertes Reich". Neben den horrenden Jugendarbeitlosendaten aus den südeuropäischen Staaten waren dies womöglich die bedrückendsten Zahlen des Abends, die unterm Strich mehr zu denken geben sollten als sämtliche Rettungsschirmmilliarden.

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insgesamt 104 Beiträge
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1.
catman40@web.de 19.06.2012
Zitat von sysopGefühlt war es die 117. Griechenland-Runde - und Frank Plasberg gab sich wenig Mühe, es anders zu machen. Aller Kritik am Talkshow-Überangebot der ARD zum Trotz lieferte er das übliche Einerlei. Ein Gewinn war nur die Exil-Deutsche, die schonungslos aus ihrem griechischen Alltag plauderte. Plasberg-Talkshow "Hart aber Fair" zum Thema Griechenland - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,839628,00.html)
abgesehen vom Thema sehe ich die Sendung sehr gern! F. Plasberg ist genial - in allem was er macht! lg Harry
2. Absetzen!
adam68161 19.06.2012
Schafft doch endlich diese Vera***ungs-Sendung ab!
3. Zugetalkt
ton.reg 19.06.2012
Dass im ÖRR in den bestandschutzgesicherten Progammen (ARD, ZDF, Dritte) systematisch unatraktive "Demokratieförderungsbeiträge" gesendet werden hat schon einen Sinn. Dadurch kann dann via. Quote für die zusätzlichen Digitalprogramme der "Grundversorgungsbedarf" von nun um die zwanzig deutschlandweit empfangbaren Kanäle bewiesen werden. Das sichert Gebührensteigerungen, hochdotierte Verwaltungsposten usw...
4. Eigentlich war nur das zu hoeren,...
Jay's 19.06.2012
Zitat von catman40@web.deabgesehen vom Thema sehe ich die Sendung sehr gern! F. Plasberg ist genial - in allem was er macht! lg Harry
...was man auch jeden Tag im SPON, inklusive Foren, liest. Das einzig Erfrischende war, dass Frau Nettersheim klar gemacht hat, dass das die Griechen nicht die Deutschen nicht moegen, sondern die Bildzeitung und die Jetzige Regierung. Ich glaube, da sind sich die Griechen doch mit vielen Deutschen einig :) PS: Ich bin schon sooo gespannt auf das Spiel und das TRA-RA danach.
5. Was soll uns das sagen?
Landleben 19.06.2012
"...waren dies womöglich die bedrückendsten Zahlen des Abends, die unterm Strich mehr zu denken geben sollten als sämtliche Rettungschirmmilliarden." Sollen wir denn lieber für die "Liebe" unserer Eu-Partner zahlen...Die Bundesrepublik als Freier.
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