Gala zum Deutschen Fernsehpreis Tagesordnung wie beim Gesangverein

Mal wieder nix in der Glotze: Unter konsequenter Vermeidung von Esprit, Witz, Herzlichkeit, Charme und Überraschungen wurde in Köln der Deutsche Fernsehpreis 2013 verliehen. Die Ehrung der umstrittenen Doku-Reihe "Auf der Flucht" war sogar ZDF-Mitarbeitern peinlich.

DPA

Wir wollen nicht schlecht von Oliver Pocher reden. Mit etwas Mühe könnte aus ihm noch ein ganz passabler Moderator werden, durchaus verwendbar für die Verleihung des Deutschen Fernsehpreises. Gut, er müsste seine Pointen anders als am Mittwochabend in Köln ohne Verhaspler vom Teleprompter ablesen. Dienlich wäre es auch, wenn er sich die Namen der prämierten Sendungen merken könnte. Den ZDF-Dreiteiler "Unsere Mütter, unsere Väter" also nicht "Unsere Väter, unsere Mütter" nennen würde. Oder die investigative WDR-Dokureihe "Sport inside" nicht "Inside Sport".

Wenn er dann noch seine Ich-weiß-selber-nicht-was-ich-hier-soll-Mimik ausknipsen könnte, hätte der Zuschauer sogar das Gefühl, Pocher würde sich für das Geschehen auf der Bühne zumindest im Ansatz interessieren. Aber das kann ja alles werden bis in vier Jahren, wenn Sat.1 wieder dran ist mit der Ausrichtung des Deutschen Fernsehpreises, für die der Sender abwechselnd mit ARD, ZDF und RTL verantwortlich zeichnet.

Fotostrecke

15  Bilder
Deutscher Fernsehpreis: Das sind die Gewinner
Wie die Jahreshauptversammlung eines Gesangvereins

Andererseits: Pocher und seine Co-Moderatorin Cindy aus Marzahn passten schon ziemlich gut zu der Art, wie Sat.1 in diesem Jahr das Branchenereignis inszenierte. Unter konsequenter Vermeidung von Esprit, Witz, Herzlichkeit, Charme, Überraschungen und allem, was sich sonst bei Preisverleihungen bewährt hat, wurde die Tagesordnung abgearbeitet wie auf der Jahreshauptversammlung eines Gesangvereins. Entweder war im Vorfeld bei Sat.1 niemandem aufgefallen, dass die große Show komplett frei war von großen Show-Momenten. Oder dahinter steckte Vorsatz.

Wissen würde man schon gern, wer das alles ausgeheckt hat. Wer auf die Idee kam, die besten Nachrichtenmoderatoren Deutschlands von einer sinnfrei daherplappernden Handpuppe ansagen zu lassen. Wer der "aspekte"-Moderatorin den Reim in die Laudatio schrieb: "Lieber Richard David Precht, der Erfolg gibt Ihnen Recht." Wissen würde man auch gern, warum niemand den ProSieben-Kollegen von "Switch Reloaded" gesagt hat, dass ihre Parodie auf den "Tatort" aus Münster trotz prima Maske einfach nicht lustig war.

Von Beruf Frau von Sky du Mont

Wenn etwas im Gedächtnis bleiben wird von diesem Abend, dann die Auszeichnung der "Besten Unterhaltungssendung Doku/Dokutainment". Dass in dieser Kategorie die ZDFneo-Produktion "Auf der Flucht - Das Experiment" gewann, war selbst ZDF-Mitarbeitern im Saal peinlich, hatte diese doch bereits während der Ausstrahlung den Protest von Hilfsorganisationen hervorgerufen. Vorgebliches Ziel der Reihe war es gewesen, auf die Flüchtlingsproblematik aufmerksam zu machen. Weil die Macher aber offenbar zu viel RTL-Dschungelcamp geschaut hatten, ließen sie dazu zwei Teams die Route von Asylsuchenden bereisen. Dem "Team Irak" gehörte ein einstiges Mitglied der Rechts-Rock-Band Böhse Onkelz an, dem "Team Afrika" Mirja du Mont, von Beruf Frau des Schauspielers Sky du Mont.

Die dankte nun mit nicht ganz nachzuvollziehender Ergriffenheit ihrer Familie und dem ZDF. Den Preis widmete sie den "45 Millionen Menschen, die in diesem Moment auf der Flucht sind, ich werde euch nie vergessen". Noch verstörender als die Frage, ob Frau du Mont tatsächlich so vielen Flüchtlingen begegnet ist und ob diese das Aufeinandertreffen mit ihr ebenso wenig vergessen können, waren die Dankesworte eines weiteren Teilnehmers der Flüchtlingsdoku, des ehemals in Afghanistan stationierten Bundeswehrsoldaten Johannes Clair. Er erinnerte zunächst an "die Menschen, die heute nicht mehr hier sein können", namentlich an den jüngst verstorbenen Marcel Reich-Ranicki, wobei der sicherlich tausend Dinge lieber getan hätte als noch einmal einer Fernsehpreisverleihung beizuwohnen. Dann berichtete Clair von einem Freund, der vor drei Jahren ums Leben gekommen war, und bat alle Gäste, sich zu erheben, "für die in Afghanistan Gefallenen". So kam zusammen, was nicht zusammengehörte, und passte damit schon wieder ganz gut in eine von Pocher und Cindy moderierte Veranstaltung, die gutes Fernsehen prämiert.

Wahrhaftig waren nur Ottfried Fischer und Matthias Brandt

Vielleicht wäre es ein anderer Abend geworden, hätten die Verantwortlichen sich nur halb so viel Mühe abverlangt wie Ottfried Fischer, der für sein Lebenswerk geehrt wurde. Fischer, seit Jahren an Parkinson erkrankt, rang sich auf der Bühne schwer atmend einige Pointen ab. Als wollte er beweisen, dass man mit ihm als Kabarettist noch zu rechnen habe.

Ähnlich wahrhaftig geriet nur der Auftritt von Matthias Brandt, der zum besten Schauspieler gekürt wurde und gleich mal klarstellte, dass es so etwas nicht geben könne: einen besten Schauspieler. Schon gar nicht, wenn man gemeinsam mit Größen wie Robert Atzorn oder Lars Eidinger nominiert sei.

Die Gäste der After-Show-Party waren gespalten. Die einen vertraten die Meinung, gerade der lieblosesten Verleihung des Deutschen Fernsehpreises seit der Moderation von Marco Schreyl und Nazan Eckes beigewohnt zu haben. Die anderen waren sicher, die unwürdigste Darbietung seit der ersten Gala 1998 gesehen zu haben.

Einen guten Rat konnte man sich bei Regisseur Dieter Wedel abholen, der es sich bei der Party an einem Altherrentisch neben Peter Weck und Robert Atzorn gemütlich gemacht hatte: Er wähle bei solchen Verleihungen immer einen Platz am Rand, um schnell fliehen zu können.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 94 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
blackpride 03.10.2013
1. Herr Ranicki hat es auf den Punkt gebracht
"Sie denken Sie sind in Hollywood und sind doch nur in Köln Ossendorf"
jayram 03.10.2013
2. Dumpfbacken Theater
Wenn er noch leben würde, wäre er garantiert nicht noch mal gekommen - M.R.-R. Die deutsche "Fernsehkultur" ist auf einem schlimmen Niveau angekommen. Es passt zum Bild unseres Landes nach der Wahl. Man möchte mit Dummheit und Geschmacklosigkeit vollgedröhnt werden. Egal ob von Politikern oder Fernsehanstalten. Was ein Glück das es noch Arte und 3sat gibt. Lieber mal wieder ein gutes Buch lesen, damit wir nicht zum Land der Analphabeten verkommen.
GMNW 03.10.2013
3. Trash: neudeutsch für Müll
Spätestens nach Marcel Reich-Ranitzki wäre es hohe Zeit gewesen, diesen "Fernsehpreis" kritisch zu hinterfragen. Es passt jedoch gut zum Fernsehpreis und zum Wert des -auch öffentlich-rechtlichen!! - Fernsehens, dass die beiden übelsten Trash-"Komödianten" die Preisverleihung präsentieren durften.
Hirnretter2.0 03.10.2013
4. Kein Wunder, ...
... dass immer mehr Menschen lieber vor dem PC als vor der Glotze sitzen. Im TV fehlt das "x" oben rechts. Die (Weg-)klickzahlen hätte ich gerne gesehen.
awes 03.10.2013
5. Unglaublich
... auch wenn´s SAT1 ist, warum immer diese Vertreterin der Vulgarität und dann auch noch zusammen mit dem talentarmen Pocher? Verzweiflung - kein Wunder das wir von Merkel nicht wegkommen, wenn solch ein Gespann signifikante Einschaltquoten erzielt.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.