Politikserie "Gefährliche Seilschaften" Eine Frau macht Staat

Mutter, Regierungschefin, Machtkämpferin: Die dänische TV-Serie "Gefährliche Seilschaften" zeigt, wie eine Frau zur Premierministerin aufsteigt und sich zwischen Männern bewähren muss. Das funktioniert großartig - auch weil Politik hier sexy ist. Jetzt läuft die Reihe auf Arte.

ARTE

Die Frau des Regierungschefs kauft sich in einem Rausch durch eine Boutique der Designerlabels Mulberry. Fast 10.000 Euro kommen zusammen, ihr Mann zahlt - mit der goldenen Bankkarte der Staatskanzlei. Drei Tage vor der Parlamentswahl landet die Einkaufsquittung bei den politischen Gegnern. Aber die Parteichefin der oppositionellen Moderaten, die um jede Stimme kämpft, macht davon keinen Gebrauch. Erpressung? Für solche Spielchen muss sich ihr Spin Doctor einen anderen suchen.

Damit ist die Grundfrage der umwerfenden dänischen Polit-Serie "Gefährliche Seilschaften" klar: Wie viel Integrität, wie viele ihrer moralischen Prinzipien kann sich die Moderatenchefin Birgitte Nyborg Christensen (Sidse Babett Knudsen) erhalten - zuerst in ihrem Kampf um die Macht, dann als erste Premierministerin? Im Wahlkampf setzt sie sich für die Arbeitserlaubnis von Flüchtlingen und gegen CO2-Schleudern im Straßenverkehr ein, sie sagt Sätze wie "Wir leben schon in einer multiethnischen Gesellschaft" und "Die moderne Welt ist vielfältig, und das muss die Demokratie auch ausdrücken". Sie ist eine Idealistin, wie man sie sich wohl heute nur noch in Drehbüchern ausdenkt - um die Kluft zur Realität noch größer erscheinen zu lassen.

Im Original heißt die Serie "Borgen", eine Abkürzung für Schloss Christiansborg, das nicht nur Regierungssitz ist: Hier arbeiten auch Parlament und Oberster Gerichtshof. Die Handlung setzt drei Tage vor der dänischen Parlamentswahl ein, die letzte der zehn Folgen spielt nach den berühmten ersten 100 Tagen.

Sexy, dieser Polit-Betrieb

In Dänemark schlug die Serie ein wie eine Bombe, fast ein Viertel der 5,5 Millionen Dänen schauten sich an, wie sich Premierministerin Birgitte Nyborg an der Realpolitik die Zähne ausbeißt, wie sie den Staatsbesuch von investitionsfreudigen Unrechtsherrschern absolviert, ohne deren Untaten zu ignorieren, wie sie versucht, eine Frauenquote gesetzlich zu verankern oder wie sie mit dem Vorwurf umgeht, die Regierung höre eine der Parlamentsfraktionen ab. Die zweite Staffel lief in Dänemark bereits im vergangenen Herbst - übrigens just zu der Zeit, als auch in der Realität mit Helle Thorning-Schmidt die erste Frau an die Spitze der dänischen Regierung rückte. Eine weitere Staffel ist für 2013 geplant, das US-Fernsehen hat sich bereits die Rechte für ein Remake gesichert.

Dass die Fernsehserie so gut ankommt, wundert nicht: Sie beweist, dass Politik sexy sein kann. Und zwar mit einer derartigen Sogwirkung, dass es nur konsequent ist, wenn Arte bei der Ausstrahlung ab Donnerstag immer gleich zwei der knapp einstündigen Folgen hintereinander zeigt. Es ist eine helle Freude, dem strategischen Ränkespiel beizuwohnen, hier wird über Bande gespielt, um neue Allianzen zu finden und dabei Politik zu machen, ohne seine Überzeugungen komplett zu verraten.

Wer die ewigen Kungeleien und bösen Dialoge des US-Seriendauerbrenners "The West Wing" liebte, wer jüngst nach dem kondensierten amerikanischen Vorwahldrama "The Ides of March" das Gefühl hatte, der Film könne ruhig noch länger sein, der wird bei dieser Serie auf seine Kosten kommen. Überhaupt haben diesen Winter Politikfilme Hochsaison: Das Biopic "Iron Lady" über den Aufstieg von Margaret Thatcher passt als Politikerinnengeschichte hervorragend für Vergleiche - nur dass die dänische Politik dank omnipräsenter skandinavischer Designklassiker um Welten moderner wirkt als die angelsächsischen Versionen.

Macho-Posen funktionieren nicht mehr

Und so sitzt die Premierministerin in "Gefährliche Seilschaften" als Mutter zweier Kinder auch mal am Frühstückstisch und spricht mit dem Mund voll Müslimampf, sie hängt mit schlabbrigen Jogginghosen auf dem Sofa herum und knutscht wild mit ihrem Ehemann, sie fährt mit dem Rad zur Arbeit, und der einzige Begleitschutz, den sie hat, ist ihr Fahrradhelm. In Dänemark, wo jeder jeden duzt, ist selbst in den höchsten politischen Ebenen nichts überkandidelt.

Und natürlich kann man mit einer Protagonistin wie Birgitte auch elegant demonstrieren, wie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Spitzenkräfte aussehen könnte: Fünf Jahre macht ihr Mann Karriere, fünf Jahre sie, so war es ausgemacht. Und dann kam die Wahl. Ihr Mann Phillip (Mikael Birkkjær) verzichtet also auf den großen beruflichen Erfolg und ist neben dem Uni-Job für die Kinder da. Und natürlich beginnt dieses Gefüge bald zu knirschen - irgendwann sehen Mann und Kinder Birgitte nur noch im Fernsehen.

Dass sich das Öffentlich-Rechtliche Dänemarks DR1 nun auf die Machtspielchen der Politik konzentriert, zeichnete sich beim letzten großen Wurf schon ab: In der zu Recht mit Preisen überhäuften Serie um "Kommissarin Lund" entblößten die Macher zwei Staffeln lang neben der eigentlichen Fallgeschichte genüsslich die kompromisslose Machtgeilheit der politischen Klasse. Statt Polizei und Politik stehen sich in "Gefährliche Seilschaften" nun Politik und Medien gegenüber, journalistisches Taktieren und Einblick in den Redaktionsalltag inklusive.

Und noch etwas zieht DR1 nun auch in der neuen Serie durch: Die Regisseure Søren Kragh-Jacobsen und Annette K. Olesen und die Autoren Adam Price und Tobias Lindholm schieben starke weibliche Figuren nach vorne. So lässig unbeirrbar wie etwa Kommissarin Lund ist zwar keine, aber die junge Fernsehjournalistin Katrine Fønsmark (Birgitte Hjort Sørensen) kommt ihr wohl am nächsten. Sie hat neben Birgittes Spin Doctor Kasper Juul (Pilou Asbæk) eine der dominanten Rollen der Serie. Sie ist eine investigative Spürnase, und natürlich hängen ihre Vorbilder, die Watergate-Aufdecker Bob Woodward und Carl Bernstein, als Kinoposter in der Küche.

Nun ja, die Jungs versuchen aber eben auch, Politik zu machen - und denken noch, sie haben gewonnen, als sie längst gegen die Frau verloren haben. Klingt auch irgendwie bekannt.


"Gefährliche Seilschaften": ab Donnerstag, 20.15 Uhr, Arte

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insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
vincenoir 09.02.2012
1. Was Frauen machen, ist per se super
Diese Verachtung für alles Männliche, dass sich selbst in einer öden Fernsehkritik ganz beiläufig äußert, macht mir Angst für meinen Sohn. "...wie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Spitzenkräfte aussehen könnte: Fünf Jahre macht ihr Mann Karriere, fünf Jahre sie, so war es ausgemacht. Und dann kam die Wahl. Ihr Mann Phillip (Mikael Birkkjær) verzichtet also auf den großen beruflichen Erfolg und ist neben dem Uni-Job für die Kinder da. Und natürlich beginnt dieses Gefüge bald zu knirschen" Ok, sie hat sich also einfach nicht an die Vereinbarung gehalten. Ist aber nicht so schlimm, denn es muss ja nur der Mann zuhause bleiben. Nicht auszudenken, wie das bei umgekehrten Vorzeichen aussehen würde: Der Typ (abonniert auf Schwein) lockt seine überlegene Frau mit Versprechen in die Mutterschaft und hält dann den Deal nicht ein, um sich schnöde selbst zu verwirklichen. Fällt das eigentlich niemandem auf, dass das so nicht funktioniert? Soll ich meinem Sohn jetzt wirklich beibringen "Rette sich, wer kann" und "Trau niemandem, außer Dir selbst"? Aber offensichtlich scheint die Mehrzahl der jungen Frauen in Partnerschaften wirklich in Kategorien wie "Gewinnen", "verlieren" und "austricksen" zu denken. Auch der Autorin fällt in ihrem Schlusssatz nichts anderes ein als Häme. Wie ist es eigentlich so weit gekommen?
kingston007 09.02.2012
2. Gut!
Warum sollte das nicht Funktionieren?! Wer im jetzigen Politischen "Elite System" mitmischen möchte braucht nur eins, " Gut aussehen" vielleicht etwas "Charm" und die Probleme warum man in andere Länder Einmarschiert und sich selber Bereichern kann oder möchte kommen so fast von selber.:) Aber hier geht es ja "NUR" darum warum eigentlich eine Frau so "Neu" ins Amt kommt, im übrigen gibt es auch hier Politiker die Fahrrad fahren und sogar Joggen ohoo. Unsere Ministerin hat sogar 5 Kinder und kann da voll auf den Staat zählen das auch aus ihnen etwas wird.:)
billger 09.02.2012
3. gähn
Zitat von sysopARTEMutter, Regierungschefin, Machtkämpferin: Die dänische TV-Serie "Gefährliche Seilschaften" zeigt, wie eine Frau zur Premierministerin aufsteigt und sich zwischen Männern bewähren muss. Das funktioniert großartig - auch weil Politik hier sexy ist. Jetzt läuft die Reihe auf Arte. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,814001,00.html
Na eben das Übliche: Die Frauen sind die Heldinnen, die Männer die Trottel. Feministische Propaganda in jeder Form. Wen juckt der Mist? Noch ein Grund mehr, die Kiste aus zu lassen. Und dass das auf Arte kommt, war auch klar.
strangequark 09.02.2012
4. Man kann alles nachlesen.
Zitat von sysopARTEMutter, Regierungschefin, Machtkämpferin: Die dänische TV-Serie "Gefährliche Seilschaften" zeigt, wie eine Frau zur Premierministerin aufsteigt und sich zwischen Männern bewähren muss. Das funktioniert großartig - auch weil Politik hier sexy ist. Jetzt läuft die Reihe auf Arte. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,814001,00.html
Wollen wir mal hoffen, dass die neuen "multiethnischen" Machthaber auch der Meinung sind, dass Frauen in Führungspositionen gehören. Hoffen wir das einfach mal.
nordschaf 09.02.2012
5. das übliche Männer-sind-eh-benachteiligt-Geheul
Zitat von billgerNa eben das Übliche: Die Frauen sind die Heldinnen, die Männer die Trottel. Feministische Propaganda in jeder Form. Wen juckt der Mist? Noch ein Grund mehr, die Kiste aus zu lassen. Und dass das auf Arte kommt, war auch klar.
Tja, offenbar handelt es sich um eine fiktive Realität, denn im realen Leben verzichten die wenigsten Männer auf Karriere, um sich um die Familie zu kümmern oder ihrer Frau den Vortritt zu lassen. Ich gebe allerdings zu, dass die Quote der Männer in meinem Freundes- und Bekanntenkreis, die Karriereeinbussen zugunsten Familie oder Frauen akzeptieren, immerhin umundbei 20% beträgt. Aber bei Techies tickten die Uhren ja schon immer anders. Auf den Juristen oder Arzt, der seiner Bankfrau den Vortritt bei der Karriere lässt, darf man vermutlich noch 30-50 Jahre warten. Was machts? Sie gehören doch vermutlich eh nicht zum Stammpublikum von arte. :-D
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