"Polizeiruf" über illegale Autorennen Magdeburg auf Speed

PS-Junkies bedrohen die Verkehrssicherheit: Der Magdeburger "Polizeiruf" legt ein erhöhtes Tempo und starkes Timing an den Tag. Röhrender, rührender Neustart für das Problemrevier im Osten.

MDR/ Stefan Erhard

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Kleine Vorstellungsrunde am Anfang: eine Handvoll junger Männer im Halbrund, hinter ihnen ihre PS-Anhängsel, die Polizei observiert und fotografiert die Szene. Jeder von den beobachteten Männern wird von den Polizei-Spähern anhand seines Autos charakterisiert. Magdeburg Motorsport e.V. nennt sich der Haufen, der sogenannte Rumble Races durch die Stadt organisiert. Bei einem dieser regellosen nächtlichen Rennen ist eine junge Frau überfahren worden.

Die Schnellen und die Kuriosen: Im Stil von Hot-Rod-Filmen wie "The Fast and the Furious" referieren die Ermittler aus dem Off trocken über den aufgemotzten R8, den Porsche Panamera 4s und den jeweiligen Besitzer. Und auch darüber, wie die Ossi-Kids ihre teure Leidenschaft finanzieren. Kommentar zum R8-Halter: "Er hat eine Privatinsolvenz und leiht sich seine Autos wochenweise über seine Oma, die seit 68 Jahren unfallfrei fährt und deswegen einen besonders günstigen Tarif hat."

Der Magdeburger "Polizeiruf" legt einen hübschen Kickstart hin. Das sachsen-anhaltische TV-Revier war ja immer das große Sorgenkind der Reihe, alle Maßnahmen der Modernisierung schlugen bislang fehl, immer wieder verabschiedeten sich wichtige Darsteller. Erst letzten Monat erklärte Kommissardarsteller Matthias Matschke, das Handtuch zu schmeißen. Wie man hört, gab es auf dem Set immer wieder Konflikte mit seiner Kollegin Claudia Michelsen.

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"Polizeiruf" aus Magdeburg: Die Schnellen und die Kuriosen

Dass nun ausgerechnet kurz nach Matschkes Ankündigung des Abschieds der beste Magdeburger "Polizeiruf" seit Start vor ziemlich genau fünf Jahren läuft, passt zu der tragikomischen Note der Folge. Das Buch schrieb Wolfgang Stauch, der schon im Hooligan-"Polizeiruf" aus Rostock letztes Jahr bewies, wie man ein schwieriges Milieu ausleuchtet, ohne trübe Soziologen-Folklore abzuspulen. Und Regisseur Thorsten C. Fischer ("Tatort: Narben") inszeniert mit Gespür für Tempo und Timing.

Das zeigt sich besonders, wenn der ansonsten rasant inszenierte PS-Rausch-Krimi kurz und effizient vom Gaspedal steigt. Etwa in der Szene, wo die Ermittler dem Vater des Opfers (Ben Becker) die Todesnachricht überbringen. "Eigentlich kann ich mir eine neue Scheibe gar nicht leisten", sagt der Mann unvermittelt. Dann kommt eine Pause, die Ermittler schauen sich ratlos an, schließlich schlägt der Vater mit der Faust ins Fensterglas.

Monty Python lässt grüßen

Oder die Szene, in der zwei der Raser sich am offenen Grab der totgefahrenen jungen Frau ein grotesk überhöhtes Duell liefern. Sagt der eine: "Ihr seid wirklich außergewöhnlich tapfer, Sir!" Antwortet der andere: "Ist doch nur 'ne Fleischwunde." Eine Hommage an die legendäre Verstümmelungsszene aus "Die Ritter der Kokosnuss" von Monty Python.

"The Fast and the Furios" trifft "Ritter der Kokosnuss", das klingt nach einem wilden Durcheinander für einen öffentlich-rechtlichen Fernsehkrimi. Aber mit der überwiegend gekonnt austarierten Mischung aus Witz und Wut, Geschwindigkeit und Gelassenheit gelingt es den Verantwortlichen, Klischees zum Thema Jungs, Rausch und PS-Wahn zu umgehen.

Zumal der größte Tempo-Junkie in diesem "Polizeiruf" die von Michelsen gespielte Kommissarin Brasch selbst ist. Schöne Szene, wie sie sich im Dienstfahrzeug an die Jungs hängt, während sich der von Matschke verkörperte Köhler in die Sitze krallt. Im Gespräch mit dem Psychologen berichtet sie dann von ihrer Temposucht, an der sie fast vor die Hunde gegangen wäre: "Hab mein ganzes Geld für Benzin ausgegeben, hab die ganze Zeit auf der Landstraße und Autobahn gelebt."

Auch wenn die schon in der letzten Folge angedeutete Annäherung zwischen dem gediegenem Psycho-Onkel und Speedfreak Brasch reine Behauptung bleibt: ein so röhrender wie rührender Neustart für den Problem-"Polizeiruf".

Bewertung: 7 von 10 Punkten


"Polizeiruf 110: Crash", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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artusdanielhoerfeld 21.09.2018
1. Liebe Leute von SPON
Es heißt zwar "Sachsen-Anhalt", aber als herkunftanzeigendes Adjektiv "sachsen-anhaltinisch".
Kermett 21.09.2018
2. Wenn schon klugsch... dann auch richtig
Die historisch korrekte und von den Landesbehörden unterstützte Bezeichnung für die Einwohner des Landes ist Sachsen-Anhalter, das entsprechende Adjektiv sachsen-anhaltisch.[12] Daneben werden in der Umgangssprache fälschlich auch die Bezeichnungen Sachsen-Anhaltiner[13] und der im Duden verzeichnete Ausdruck sachsen-anhaltinisch[14] verwendet, wobei ‚anhaltinisch‘ jedoch einen Bezug zum Adelsgeschlecht der anhaltinischen Linie der Askanier bedeutet. [Wikipedia]
gersois 21.09.2018
3. Plausible Erklärung
Eine mindestens 86-jährige Oma miete für ihren Enkel einen R8 an? Was sagt denn die Autovermietung dazu? Ab 70 werden Senioren in der Kfz-Versicherung hochgestuft, aber die Oma erhält das Auto zum besonders günstigen Tarif. Da ist den Drehbuchautoren aber etwas eingefallen!
Little_Nemo 24.09.2018
4. The Human Race
Auf jeden Fall einer der besseren "Polizeirufe". Frau Michelsen gefiel mir in der Rolle der toughen, zynischen Kommissarin gut wie nie. Irritiert hat mich nur, dass sie schließlich doch noch auf die plumpe Anmache des Therapeuten reingefallen ist. Herr Matschke gefiel mir in den "Polizeirufen" besser als in jeder anderen Rolle, in der ich ihn bisher sah. Wenn diese wohl auch keine so dankbare Rolle ist. Überhaupt halte ich ihn für einen besseren Schauspieler als Komiker. "Professor T" finde ich allerdings grottenschlecht. Hervorragend auch die Raser-Typen. Dieser reiche Schnösel erinnerte mich ziemlich an Hotte Buchholz in "Die Halbstarken". Und ein Highlight auch: Ben Becker als ausgebrannter Vater der Toten. Seine staubtrockene Antwort auf die Ankündigung des reichen Schnösels, er werde die Beerdigungskosten übernehmen, "Da wird sie sich aber freuen", hat mir den einzigen lauten Lacher bei diesem Film abgerungen. Irritierend am Schluss: Angesichts des Anhalteweges muss Herr Becker den jungen Mann mit ziemlich gemäßigtem Tempo überfahren haben. Bloße Ironie als Tod für einen Raser.
MaritaS 24.09.2018
5. Würstchen als Raser...
Die Szene in der Bäckerei - die "Rally-Brötchen" in der Vitrine - das hat mir gefallen. So eine passende Symbolik; entweder hat da einer mitgedacht oder es war einfach ein schöner Zufall...
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