Hooligan-"Polizeiruf" aus Rostock Man wird sich ja wohl noch mal friedlich prügeln dürfen!

Fresse polierende Zahnärzte, Kopfnüsse verteilende Friseurinnen: Der "Polizeiruf" steigt tief hinab ins Rostocker Ultra-Milieu. Tut weh.

NDR/ Christine Schroeder

Von


Lassen wir den ganzen soziologischen Kokolores beiseite. Der Hooligan ist kein Vertreter einer Gesellschaftsschicht, er verkörpert eine Wesensart. Hools findet man in jedem Beruf, wo Männer, die nicht ganz mit sich im Reinen sind, am Feierabend Stress abbauen müssen. Also so ziemlich in jedem, auch unter Zahnärzten. Montag bis Freitag bohren, verblenden und Zähne polieren. Samstag und Sonntag Fresse polieren.

Der Zahnarzt in diesem "Polizeiruf" aus dem Rostocker Ultra-Milieu wird gleich am Anfang ermordet. Der immer ein bisschen zu eifrige Polizist Pöschel (Andreas Guenter) überbringt die Botschaft der Sprechstundenhilfe des Toten und lässt sich, weil er schon mal da ist, gleich auch noch die Zähne reinigen. Im Laufe des Falles, das ist ganz lustig, sieht man den Bullen immer wieder eitel die Zähne zeigen, während die Hools die ihren kampfbereit blecken.

Zahn um Zahn - in diesem angemessen krawalligen, angemessen blutkrustigen "Polizeiruf" kann bald kein Hool mehr "La Paloma" pfeifen. Ein grimmiger, ja schmerzhafter Witz durchzieht die Folge. Man muss die Protagonisten nicht mögen, aber sie stellen alle ein bisschen mehr dar als die Glatzen-Abziehbilder, die sonst im TV zu sehen sind.

"Ganz normal friedlich prügeln"

Geschrieben wurde der Milieu-Krimi von Wolfgang Stauch, dem es schon häufiger gelungen ist, schwierige Randgruppen als griffige Charaktere auszuformulieren. Diffamierungen sind ihm genauso fremd wie Betroffenheitsgeste. Unvergessen Stauchs Rostocker "Polizeiruf" aus dem Müllsammlermilieu, für den er den schwachen Figuren starke Dialoge schrieb.

Fotostrecke

5  Bilder
"Polizeiruf" mit Bukow und König: Mörderischer Fanatismus

Auch den Wutvisagen in der neuen Folge "Einer für alle, alle für Rostock" legt Autor Stauch memorable Sätze in den Mund. Etwa als einer der Hools den Ermittlern aufrichtig schockiert erklärt, dass doch niemand an Mord gedacht hat, als man sich mit den verfeindeten Fans zum Schlagabtausch traf: "Wir wollten uns ganz normal friedlich prügeln."

Friedlich geht es in diesem "Polizeiruf" nun wirklich nicht zu. Auch nicht bei den beiden sich spiegelnden Pärchenkonstellationen, die das Kraftzentrum dieses Falles bilden (Regie: Matthias Tiefenbacher).

Da ist zum einen ein Hool-Pärchen: Er (Lasse Myhr) saß wegen Totschlags einige Jahre im Gefängnis, sie (Lana Cooper, "Love Steaks") lebt mit dem gemeinsamen Sohn bei einem anderen Mann. Der Ex steigt nachts besoffen in die Wohnung der Friseurin ein, sie gibt sich ihm hin, reißt sich die Bluse vom Hals - und verpasst ihm eine Kopfnuss. Im Anschluss zerschlägt sie eine Bierflasche, hält ihm die Scherben an den Hals und rät ihm sehr überzeugend, er solle aus ihrem Leben verschwinden. Nähe und Hass waren selten dichter beieinander.

Und da ist zum anderen das Ermittlerpärchen: König (Anneke Kim Sarnau) hat gerade den Bericht zum letzten Fall geschrieben, bei dem sie beinahe vergewaltigt wurde, und gibt sich jetzt in einer Disco die Kante. Bukow (Charly Hübner), der eben erst dem Schnaps abgeschworen hat und sich später mit schwarzem Hoodie mit Hools kloppen wird, steht steif auf der Tanzfläche, lässt sich von der Kollegin umtänzeln, aber nicht einwickeln. Nähe und Coolness waren selten dichter beieinander.

Zwischen trockener Komik und noch trockeneren Beziehungsgesprächen tritt viel Wut zu Tage. Apropos trocken - am Ende sagt Bukow: "Muss man können, saufen."

Bewertung: 9 von 10 Punkten


"Polizeiruf 110: Einer für alle, alle für Rostock", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
widower+2 26.05.2017
1. Sehr unpräzise
Der Autor wirft hier Hooligans und Ultras wild durcheinander. Dabei handelt es sich um zwei völlig unterschiedliche Szenen. Die allermeisten Ultras sind nicht gewaltbereit und die größten Feinde der Hooligans. In Bremen wurden die Hooligans von mehreren Ultragruppen zum Beispiel sehr effektiv aus dem Stadion beseitigt. Dieser Artikel leistet einmal mehr dem Vorurteil Vorschub, dass es sich bei Ultras um gewaltbereite Schläger handelt. Sehr schade!
cafe-wien 26.05.2017
2. Rostock - ich freu mich!
Die Tatorte und P110 lassen sich ja in vier Kategorien einteilen: 1. Die Guten: Rostock, Matthias Brandt, Wien, Dortmund, München, Münster, Berlin, Kiel, Wiesbaden Stuttgart. 2. Die Mäßigen, die immer sehr unterschiedlich, aber zumindest an-guckbar (erste halbe Stunde entscheidet) sind: Köln, Weimar, Saarbrücken, Hamburger Umgebung (Wulle Mulle Möhre). 3. Die Unentschiedenen: Freiburg, Schwarzwald, Franken, Dresden. 4. Die Katastrophen: Ludwigshafen (Folkerts), Bremen (Postel), Hannover (Furtwängler-Burda). Also sind wir in den letzten Wochen eigentlich relativ gut bedient worden. Und in Kürze ist dann ja auch wieder dreimonatige Sommerpause, in der es Mon Chérie nicht gibt, weil man zu wenig Geld bei der ARD hat, um ein durchgehendes Tatort-P110-Programm zu gestalten.
joe.micoud 27.05.2017
3.
Egal worum es geht. ..Polizeiruf 110 aus Rostock ist seit Jahren der beste deutsche Krimi, finde ich.
locust 27.05.2017
4. @widower+2 #1
Ich kann Ihre Einschätzung bzgl. der Feindschaft zwischen Ultras und Hooligans nicht teilen. Meiner Wahrnehmung nach gibt es bei sehr, sehr vielen deutschen Clubs Anknüpfungspunkte und zum Teil sogar Überschneidungen beider Gruppen, auch wenn ich "Vater Abraham Pilz" Begriff der "Hooltras" nach wie vor blöde finde. Chemnitz, Essen, Dresden, Hamburg, Frankfurt, Berlin (Hertha, Union, BFC), Dortmund (DES zu den Boyz aus Köln), Rostock, Darmstadt etc. weisen, zumindest in Bezug auf einige Gruppen (sowohl Ultras als auch Hools) gute Beziehungen zueinander auf. Schwierig wird es dann, wenn politische Ansichten sich grundlegend unterscheiden (wie von Ihnen erwähnt in Bremen - eher antifaschistische Ultras und Nazi-Hools, oder auch in Dortmund zwischen zumindest einer Ultra Gruppe und 0231 Riot). Auch teile ich Ihre Einschätzung nicht, wonach Ultras eher als friedlich eingeschätzt werden. Ich könnte Ihnen, aus eigener Erfahrung, Dutzende von deutschen "Riot-Ultra-Gruppen" nennen. Übereinstimmen tu ich mit Ihnen jedoch in dem Punkt, dass ein Großteil der Medien eine notwendige Differenzierung hinsichtlich beider Gruppen anscheinend ablehnt. Was irgendwie stört muss sich ähneln.
Dramaturgenfrau 27.05.2017
5. So oder so...
Zitat von locustIch kann Ihre Einschätzung bzgl. der Feindschaft zwischen Ultras und Hooligans nicht teilen. Meiner Wahrnehmung nach gibt es bei sehr, sehr vielen deutschen Clubs Anknüpfungspunkte und zum Teil sogar Überschneidungen beider Gruppen, auch wenn ich "Vater Abraham Pilz" Begriff der "Hooltras" nach wie vor blöde finde. Chemnitz, Essen, Dresden, Hamburg, Frankfurt, Berlin (Hertha, Union, BFC), Dortmund (DES zu den Boyz aus Köln), Rostock, Darmstadt etc. weisen, zumindest in Bezug auf einige Gruppen (sowohl Ultras als auch Hools) gute Beziehungen zueinander auf. Schwierig wird es dann, wenn politische Ansichten sich grundlegend unterscheiden (wie von Ihnen erwähnt in Bremen - eher antifaschistische Ultras und Nazi-Hools, oder auch in Dortmund zwischen zumindest einer Ultra Gruppe und 0231 Riot). Auch teile ich Ihre Einschätzung nicht, wonach Ultras eher als friedlich eingeschätzt werden. Ich könnte Ihnen, aus eigener Erfahrung, Dutzende von deutschen "Riot-Ultra-Gruppen" nennen. Übereinstimmen tu ich mit Ihnen jedoch in dem Punkt, dass ein Großteil der Medien eine notwendige Differenzierung hinsichtlich beider Gruppen anscheinend ablehnt. Was irgendwie stört muss sich ähneln.
... es sind und bleiben (Semi-) Kriminelle! Und es ist ein Skandal und eine Schande, dass wir Steuergelder dafür verplempern müssen, diesen quasi- und echtkriminellen Haufen Woche für Woche qua massivem Polizeieinsatz subventionieren müssen. Leider ist das Bundesland Bremen im ersten Schritt mit der Übertragung der Kosten für diese Polizeieinsätze auf die Vereine, wo sie hingehören (!), juristisch gescheitert. Vorerst! Weiter kämpfen! Es kann nicht sein, dass uns wöchentlich Kriminelle auf der Nase rumtanzen!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.