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17. August 2018, 12:44 Uhr

München-"Polizeiruf" über rechte Gewalt

Hässliche Menschen tun hässliche Dinge an hässlichen Orten

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Deutsche Antipoesie: Der "Polizeiruf" mit Matthias Brandt steigt in die Welt der braunen Spelunken und bollernden Schlager hinab. Ein Post-NSU-Krimi, abstoßend und sehenswert.

20 Tritte gegen den Kopf, 20 Tritte gegen den Rest des Körpers. Der Kopf war bei dem Gewaltopfer so weit nach hinten gebogen, dass die Wirbel aus der Halswirbelsäule rausgebrochen sind. "Gewalt ist schwer zu dosieren, wenn man sie sorglos genießen will", konstatiert der Kommissar im Verhör trocken gegenüber jenem jungen Mann, der aktiv dabei war, als ein anderer junger Mann unter einer Straßenunterführung erschlagen wurde.

Der Tote war ein syrischer Flüchtling, der Täter ist ein Halbiraner. Die Gewalttat hat er zusammen mit einer Gruppe Nazis begangen, angeblich weil der Syrer dabei war, eine junge deutsche Frau zu vergewaltigen. Was macht ein Halbiraner im braunen Mob? Kommissar von Meuffels (Matthias Brandt) ist ratlos. Während er sich Farim (Jasper Engelhardt) in Gesprächen zu nähern versucht, nehmen in seinem Rücken die Ermittlerhierarchien Aufstellung.

Der Staatsanwalt ist gar nicht begeistert, dass von Meuffels gleich die ganze Nazi-Bande in Untersuchungshaft sperren ließ: "Sie wissen, wie sensibel die Öffentlichkeit inzwischen ist: Vier Deutsche im Knast wegen nur eines Ausländers!" Die Sonderkommission Gewalt gegen Ausländer will auch mitreden bei dem Fall, zumindest ihr Häkchen in der Akte machen, und der Verfassungsschutz (Joachim Król) bringt sich in Stellung, um Farim noch in der Untersuchungszelle als V-Mann anzuwerben. Ein Bündel grüner Scheine soll helfen.

Behördliches Versagen bei brauner Gewalt auf ganzer Linie? Der institutionelle Aspekt des Themas interessiert Filmemacher Jan Bonny für diesen "Polizeiruf" (nach einer Idee des Drehbuchautors Günter Schütter) nur am Rande, wichtiger ist ihm die Frage, aus welchen oft diffusen Impulsen sich die reale braune Gewalt speisen könnte. Zu diesem Zweck lässt der Regisseur von Meuffels den Nazis mit Migrationshintergrund folgen.

Frau gibt den Ton an in der Nazi-Zelle

Der hat eine Liebesbeziehung mit einer Nazi-Braut (Ricarda Seifried), die in der kleinen braunen Zelle den Ton angibt; Macht übt sie auch über ihre manipulative Sexualität aus. Die Gruppe plant gelegentlich Anschläge und träumt von eigenen Waffen, meist aber besäuft sie sich in einer runtergerockten Stammkneipe. Angestoßen wird zu einem (extra für den "Polizeiruf" komponierten) Schlager mit dem Titel "Ein Hoch auf die Erinnerung", der sich wie eine Mischung aus Helene Fischer, Andreas Bourani und den Böhsen Onkelz anhört.

Das München in diesem "Polizeiruf" klingt und riecht abstoßend, die Handlung spielt in Selbstbedienungsbäckereien, in der U-Bahn-Gastronomie und in Flachbau-Kneipen im Resopal-Look. "Deutsche Anti-Poesie" nennt die zuständige BR-Redakteurin Cornelia Ackers Bonnys Stil, den der Regisseur unter anderem in Episoden des Münchner "Polizeiruf" und des Kieler "Tatort" entwickelt hat. Dabei geht es trotz des rauen Stils und der in der Realität vorgefunden Handlungsorte weniger darum, authentisch aus problematischen Milieus zu berichten, sondern vielmehr darum, das erzählerische Vakuum zu füllen, das paradoxerweise gerade besonders in jenen gesellschaftlichen Randzonen herrscht, über die viel berichtet wird.

Dieser "Polizeiruf" ist auch ein Post-NSU-Film, der die Graubereiche zu füllen versucht, die auch nach fünf Jahren Prozess über den braunen Sumpf existieren. Alles ist erzählt, nichts ist erzählt.

In einem weiteren Filmprojekt geht Bonny noch näher an das Thema heran: Parallel zu den Arbeiten am "Polizeiruf" entwickelte er mit schmalem Budget den Film "Wintermärchen", der ein Nazi-Trio ähnlich wie Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos zeigt, ohne dass die Figuren so heißen. Die weibliche Hauptrolle übernahm Ricarda Seifried, die auch in ihrer Rolle im "Polizeiruf" die Gewaltverbrechen vorantreibt; Variationen in Braun. "Wintermärchen" feierte letzte Woche in Locarno Weltpremiere, es gab Lobeshymnen und sehr heftigen Protest. Auch deshalb, weil Bonny nicht die üblichen psychologischen und gesellschaftlichen Ansätze bemüht, um zu erklären, was genau seine Antihelden antreibt.

So ist es nun auch in der "Polizeiruf"-Folge "Das Gespenst der Freiheit": Hässliche Menschen tun hässliche Dinge an hässlichen Orten. Es sind Bilder aus einem deutschen Abgrund, der auf Tausenden von Verhandlungsaktenseiten ausgeleuchtet ist und letztendlich doch unerklärt bleibt. Die für diesen Krimi inszenierte Parallelwelt aus Bier und Trieb, aus ideologischen Versatzstücken und selbstherrlich bollernden Schlagern füllt diese Leerstelle. Zurück bleibt Ekel. Einschalten.

Bewertung: 9 von 10 Punkten


"Polizeiruf 110: Das Gespenst der Freiheit", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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