Düsterer Brandenburger "Polizeiruf" Das Patchwork-Familiengrab

Zärtlich sind die Monster: Nach dem Mord an einem Au-Pair offenbaren sich den "Polizeiruf"-Ermittlern die Abgründe einer deutsch-polnischen Familie. Ein dunkler Generationen-Krimi.

rbb/ Oliver Feist

Von


Am Ende sieht das schöne Eigenheim aus wie ein Grab. Die Forensiker haben die Fenster vor der Sonne mit Planen abgedichtet, um im dunklen blauen Licht der Tatortleuchten nach Spuren der Gewalt aus den letzten Jahrzehnten zu suchen. Im Garten treten Beamte in weißen Jumpsuits mit Metalldetektoren den Rasen kaputt, Spürhunde schnüffeln an jedem einzelnen Grashalm, keine Gehwegplatte, die nicht umgedreht wird.

Ob sich unter einer davon ein toter Körper findet oder nicht, spielt am Ende dieses "Polizeirufs" aus Frankfurt an der Oder schon fast keine Rolle mehr: Kommissarin Lenski (Maria Simon) und Kollege Raczek (Lucas Gregorowicz) haben bei ihren Untersuchungen in der deutsch-polnischen Patchworkfamilie Heise so viele Leichen gefunden, da kommt es auf eine mehr oder weniger auch nicht an.

Eine junge Frau, die in der Familie als Au-Pair gearbeitet hat, wurde in ihrem Bikini tot aus der Oder gezogen. Der Kehlkopf war eingedrückt worden, drei Tage lag der Körper im Wasser, Spuren der Tat sind kaum noch vorhanden. Der schwer zu lösende Fall führt die Ermittler zu einem alten, immer noch ungelösten Fall im Umfeld der Heises.

Fotostrecke

9  Bilder
"Polizeiruf" mit Maria Simon: Tod in der Oder

Vor 15 Jahren verschwand die halbwüchsige Tochter, es stand der Vorwurf im Raum, Adoptivvater Gerd (Götz Schubert) könnte sie missbraucht haben, aber Mutter Katarzyna (Lina Wendel) hielt zu ihrem neuen Mann. Der leibliche Vater (Krzysztof Franieczek) versucht jedoch seit eineinhalb Jahrzehnten dem anderen die Schuld am Verschwinden der Tochter nachzuweisen. Vielleicht ist sein Wüten aber auch einfach ein Ablenkungsmanöver von der Tatsache, dass er sein eigenen Leben gegen die Wand gefahren hat. Verlierer sind sympathisch, trauen muss man ihnen trotzdem nicht.

Es häufen sich die Nötigungsvorwürfe

Dieser "Polizeiruf" ist ein Patchwork-Familiengrab. Er führt die drei verantwortlichen Filmemacher zu Stoffen zurück, die sie schon häufiger in ihrer Laufbahn behandelten. Regisseur Stefan Kornatz hatte 2012 mit "Es ist Böse" eine der stärksten Frankfurter "Tatort"-Episoden gedreht, es ging um Männer, die ihre Beziehungen heilig hielten, aber außerhalb davon brutal ihre Triebe auslebten. Zärtlich sind die Monster.

Auch beim stets aufgeräumten Patchwork-Patriarchen im "Polizeiruf" wird der Verdacht bestärkt, es könnte sich um einen Gewaltmenschen handeln. Im Laufe der Handlung mehren sich die Nötigungsvorwürfe gegen ihn.

Wie Regisseur Kornatz greifen auch die Drehbuchautoren Bernd Lange und Hans-Christian Schmid mit diesem Krimi ein schon mal von ihnen behandeltes Thema auf, nämlich das der schleichenden Entfremdung innerhalb von Familien, das sie schon in der ARD-Serie "Das Verschwinden" beschrieben haben. Ihren deutsch-polnischen "Polizeiruf", den sie erfreulicherweise über Strecken zweisprachig in Szene gesetzt haben, halten sie nun ermittlungstechnisch gekonnt in der Schwebe.

Es geht gar nicht so sehr um die konkrete Auflösung des Falles als um die gestörte Bindungsdynamik, durch die hier die Töchter, aber auch zum Teil die Söhne von ihren Müttern und weggetrieben werden. Eltern werden als Strafe empfunden, Kinder als Ballast.

Einige Szenen wirken zwar schematisch, die meisten aber offenbaren eine tiefe Traurigkeit und eine grausame Sprachlosigkeit zwischen den Generationen. Etwa wenn die Mutter des vor 15 Jahren verschwundenen Mädchens gefragt wird, was der Verlust mit ihr gemacht habe und sie darauf mit leerem Blick antwortet: "Irgendwann habe ich für mich entschieden, einfach weiterzuleben." Ohne Erinnerung, ohne Sehnsucht, Ballast abgeworfen.

Ein "Polizeiruf" über familiäre Auflösungsprozesse: Die Gräben zwischen Eltern und Kindern sind hier breit wie die Oder bei Hochwasser.

Bewertung: 8 von 10 Punkten


"Polizeiruf 110: Der Fall Sikorska", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ningun 26.11.2018
1. Bester Krimi seit langer Zeit
Eine schnörkellose, schlüssige Erzählung ohne viel Drumherum, fast schon minimalistisch, mit überzeugenden Leistungen aller Darsteller/innen. Mit seiner etwas düsteren Stimmung hat das Ganze etwas Skandinavisches. Die zweisprachigen Dialoge machen alles noch wirklichkeitsnäher. Die Schwäche sehr vieler Krminis, dass nach einem spannenden Start eine zusammengeschusterte, unglaubwürdige Auflösung folgt, weil man die grandios entfalteten Handlungsstränge am Ende nicht mehr einfängt, wird hier vermieden - alles passt bis zum Schluss stimmig zusammen. Die übliche gesellschaftspolitische Volkserziehung fehlt hier ganz - die geschilderten Beziehungskatastrophen gehören nicht erst seit kurzem zur Realität. Cooler Junge und honoriger Biedermann - beide (auch) Monster. Stimmig und unaufdringlich ist die musikalische Untermalung. Alles zusammen - meisterhaft!
heinrich-wilhelm 26.11.2018
2. Gut
Ein wirklich guter Krimi mit interessanter Story. Abzüge gibts meinerseits für die Dialoge,da die Untertitel nur etwas für Blitzleser waren und vom Handlungsstrang ablenkten ,zumal man aus vorherigen Szenen die Darsteller auf deutsch parlieren hörte. Das war schade.
Brummi 26.11.2018
3. Sehr guter Krimi!
Das war dank der Geschichte und der Darsteller ein richtig klasse gemachter Film. Danke!
Ekkehard Grube 26.11.2018
4. #MeToo - Der Film zur Kampagne
Eindimensionaler und vorhersehbarer war selten ein Polizeiruf / Tatort: Die Hauptverdächtigen sind am Ende auch die Täter. Vor allem aber: Die Hauptaussage des Films lautet, dass männliche Sexualität ins Unheil führe. Immer. Damit aber diffamiert der Film Sexualität zwischen Mann und Frau überhaupt, denn wenn männliche Sexualität pauschal als böse dargestellt wird, sollte es wohl besser zu keinerlei sexuellen Begegnungen zwischen Männern und Frauen kommen. Der einzige "positiv" gezeichnete Mann: Paweł Sikorski, der über den Verlust seiner Tochter zum Alkoholiker geworden ist und dem Hauptverdächtigen als Racheengel nachstellt. Und dieser "positive Charakter" stiftet eine Frau mit Geld zur Falschaussage an, um den Täter zu überführen. In einem der letzten Bilder des Films wird dieser Mann dann gezeigt, wie er allein in seinem Haus am Tisch sitzt. Damit soll wohl gesagt werden, dass dieser Mann endlich seinen Frieden gefunden hat. Vorige Woche hatten hier einige gegen den HH-Tatort den Vorwurf erhoben, er rechtfertige Selbstjustiz. Dem hatten ich und viele andere damals widersprochen. Bei diesem Polizeiruf dagegen scheint mir dieser Vorwurf angebracht zu sein. Eine seiner Aussagen lautet nämlich: Auch wenn Herr Sikorski sich unlauterer Mittel bedient, um die Täter zur Strecke zu bringen, letzten Endes ist er auf der richtigen Seite und damit positiv zu sehen. Richtig wäre gewesen, zu zeigen, dass sowohl die Täter als auch Herr Sikorski am Ende im Gefängnis landen.
manfred_zindel, 27.11.2018
5. Zu Nr. 3 und seinem #MeToo-Thema
Ist der Film wirklich als Illustration zu #MeToo gedacht? Darauf wäre ich nicht gekommen. Mir kam er eher wie etwas Eigenständiges vor, eine Kriminalstory eben. Außerdem war der jüngere Täter kein Sexualmörder, er ermordete das Mädchen, weil es ihn verlassen wollte, und auch in dem anderen Fall brachte der Wunsch, wegzugehen, dem Opfer den Tod. In beiden Fällen wollte eine Frau sich der (auch, aber nicht nur sexuellen) Verfügungsgewalt eines Mannes entziehen und büßte dafür mit dem Tod. Das hat ganz entfernt etwas mit #MeToo-Themen-zu tun, setzt aber in seiner abartig kriminellen Ausprägung auch ganz andere Akzente. #MeToo fordert Empathie und Rücksicht und prangert respektlos-eigensüchtiges Verhalten an,- aber die beiden Kriminellen in diesem Film verletzten doch viel mehr als das: das Recht auf Leben. Es ist richtig, dass Tatorte und andere Krimis gelegentlich eine Botschaft ans Publikum mitliefern, fast so als seien sie als Lehrstück gedacht - in diesem Film sehe ich das aber nicht. Ich finde ihn nach wie vor großartig.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.