ARD-Sonntagskrimi Der Brandenburger "Polizeiruf" im Schnellcheck

Weltuntergang auf Sparflamme: "Polizeiruf"-Ermittlerin Lenski trifft an der deutsch-polnischen Grenze auf Aussteiger, die sich auf die Apokalypse vorbereiten. Großes Thema, bescheidene Wirkung.

rbb/ Oliver Feist

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Das Szenario:

Weihnachtsmänner, die Einkaufszentren verwüsten. Chaoten, die an ihren Rechnern das deutsche Stromnetz lahmlegen. Apokalyptiker, die sich auf autark organisierten Bauernhöfen auf den Weltuntergang vorbereiten. Nachdem Kommissarin Lenski (Maria Simon) nachts in ihrer Wohnung überfallen wurde, sucht sie auf dem Hof eines Aussteigers (Jürgen Vogel) Zuflucht und wird dort mit düsteren Perspektiven auf die Zukunft Deutschlands konfrontiert. Die Ermittlerin fragt: "Und sie glauben, das Ende kommt bald?" Der Apokalyptiker antwortet: "Nein, ich glaube nicht, dass das Ende bald kommt. Ich glaube, wir stecken mitten drin."

Der gesellschaftspolitische Auftrag:

Konsumgesellschaft! Wachstumsdiktat! Demokratiedämmerung! Dieser ambitionierte "Polizeiruf" versucht die diffuse, bedrohliche Grundstimmung in der westlichen Gesellschaft in einer Aussteiger-Geschichte zu konkretisieren.

Die traurigste weihnachtliche Moment:

Der Weihnachtsmann wird von der Polizei abgeführt. Zuvor verwüstete der Politaktivist in rotem Mantel und mit weißem Bart verschiedene Läden in einem Einkaufszentrum und animierte Kinder dazu, die Regale abzuräumen. Ein lustiger Aufstand gegen die Konsumgesellschaft, der ein deprimierendes Ende findet.

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"Polizeiruf" mit Maria Simon: Die Apokalypse wird kommen

Die fröhlichste feministische Harke:

Kommissar Raczek (Lucas Gregorowicz) gibt mal wieder den Macho. Aus Angst um Lenski motzt er eine Mitarbeiterin an: "Was macht ihr die ganze Zeit, den Geist in der Maschine suchen? Eine Kollegin wird bedroht, ist wahrscheinlich immer noch in Gefahr, und du kommst nicht aus deinem süßen Arsch." Die Antwort: "Glauben Sie mir, Herr Raczek, mein Arsch gehört zu den vielen Dingen, die Sie hier überhaupt nichts angehen." Am nächsten Tag gibt es eine Anzeige wegen sexueller Belästigung.

Der Plausibilitätsfaktor:

Durchwachsen. Das anfänglich starke Szenario über eine Gesellschaft, in der das Ende immer präsent ist, löst sich in banaler Schwermut auf. Zum Schluss nerven die vereinfachenden Psychologisierungen, mit denen hier Weltfrust und Weltflucht erklärt werden, sogar richtig.

Die Bewertung:

4 von 10 Punkten. Aussteiger-Romanze, Politaktivisten-Thriller, Apokalypse-Western, Suizid-Drama. Dieser ambitionierte "Polizeiruf" ruft mit großer Geste alle möglichen Genres ab - und erzielt am Ende doch bescheidene Wirkung. Weltuntergang auf Sparflamme.

Die ausführliche Analyse:

Lesen Sie bitter hier weiter!


"Polizeiruf 110: Demokratie stirbt in Finsternis", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD



insgesamt 6 Beiträge
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bastaza.siks 29.04.2018
1. Neugierig
Nach dieser scheinbar sehr intellektuellen Analyse freue ich mich richtig auf den Polizeiruf, denn dann ist er bestimmt gut!
kraftmeier2000 29.04.2018
2. Polizeiruf und Tatort kommen
langsam in die Jahre, kaum wirklich Gute Drehbücher bis auf wenige Ausnahmen, eben eine reine Fließbandproduktion, was soll dabei zumindest bei diesem Format dann auch anderes wie "Müll" heraus kommen. Und das oft auch mit grausigen "Schauspielern" und immer den selben Bösewichten, wo man schon im Vorspann weis wer denn am Ende Dreck am Stecken hat. Einfach mittlerweile nur noch Laaaaaaaaaangweilig.
Werbebetrüger 29.04.2018
3. Glückwunsch, Jürgen Vogel!
Dem kleinen Hai zum fünfzigsten, termingerecht auf den Tag genau. Und kein schlechter Polizeiruf - bizarre, trotzdem glaubhafte Story, spannendes Finale von der großen Weltverschwörung direkt in die geschundene Seele des von pubertierender Tochter gequälten Vaters. Ha - ging es jemandem jemals anders mit seinem undankbaren Gör? "Wieso kommender Weltuntergang? Wir sind schon mittendrin!" Vielleicht manchmal etwas dick aufgetragen, aber ein grandioser JV rettet souverän die Geschichte. Komisch, er altert merkwürdigerweise seit Jahrzehnten mit uns immer zusammen, aber wir mögen ihn trotzdem und freuen uns auf seine seine erste Großvaterrolle.
cafewien 30.04.2018
4. Was bitte war denn nun so abgrundtief schlecht, Herr Buß?
O.k., ich seh ein: Das ständige explizite Erwähnen von angeblich nicht pc daher kommenden Frauenbildern als Drehbuchdialogtext ist schon arg zeitgeistig schlecht. Der Gipfelpunkt der Fantasielosigkeit ist, dass diese Kommissarin, die die Raube aufklären soll, den Kommissar wegen "sexueller Belästigung" anzeigt, weil dieser von ihrem "süßen Arsch" gesprochen hat. Holzhammerzeitgeist, ik hör dir trapsen, wa?! Für uns Zuschauer war es auch ein bisschen unbefriedigend, dass wir nicht gesehen haben, wie die durchgedrehte, umherballernde pubertäre Brut zur Rechenschaft gezogen wird (würde sie aber unter der Herrschaft der derzeitigen Appeasement-Justiz tatsächlich wohl nicht). Ansonsten: Sehr guter Jürgen Vogel und eine sehr gute Maria Simon, die die Emotionen auch ohne depperten musikalischen Klangteppich rübergebracht haben.
mulomakeimer 30.04.2018
5. Alles!
@cafewien: Die Antwort auf Ihre Frage finden Sie in der Überschrift. Dieses absurde Theater ist 1000 Logik-Tode gestorben. Nichts war rational nachvollziehbar. Von der Landpartie der Kommisarin bis zu den herumballernden Jugendlichen - alles vollkommen sinnfrei und mit überzogenen gestelzt-theatralischen Momenten durchsetzt. Dagegen wirkt selbst ein Schweiger-Tatort (!) schon fast wie ein Dokumentarfilm.
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