"Polizeiruf" über Nazis und Populisten Ich versteh dich. Und hau dir auf die Fresse

Bombe zum Saisonende: Kommissar Bukow prügelt sich mit Nazis, Syrer unterstützen die AfD. Vor der langen Krimi-Sommerpause läuft ein fast schon körperlich schmerzhafter "Polizeiruf" aus Rostock.

NDR/ Christine Schroeder

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Auf einer verlassenen Landstraße in Meckpomm, links und rechts Häuserruinen mit rechten Parolen, im Auto die Kommissarin und der Kommissar. Sie: Zugezogene, er: Einheimischer. Eben haben sie auf einem abgelegenen Bauernhof von völkischen Siedlern ermittelt, die Kinder des Hofes backten Bio-Brot aus selbst geerntetem Korn. Im Auto folgt ein Dialog, der all das Sprechen über den rechten Rand, über den Rückzug des Staates, über die Abgehängten im Osten auf den Punkt bringt.

Kommissarin: "Die süßen Kinder backen Brot. Die Mädchen mit straffen Zöpfen, die Jungen mit strengem Scheitel. Auf dass ihnen die Eltern den Blut-und-Boden-Dreck schon in der Kita ins Hirn stopfen."

Kommissar: "Was ist denn daran so schlimm, wenn Kinder Brot backen lernen?"

Kommissarin: "Gar nichts. Brot backen lernen ist eine tolle Sache, aber das Brot sollte nicht zu braun sein."

Kommissar: "Wenn man sich kümmert, wird das Brot nicht braun, aber wenn man sich nicht kümmert, dann wird ein Brot braun. Dann wird es sogar dunkelbraun. Gucken sie sich doch einmal um hier. Es gibt keine Krippen mehr, keine Kindergärten, keine Schulen, ist alles verlegt. Die Leute sind auf sich allein gestellt. Wenn sich von oben keiner kümmert, dann läuft man dem hinterher, der die größte Fresse hat. Egal, welche Farbe der trägt."

Das ist ein Dialog, der aus der Tiefe eines zerrissenes Landes kommt. Er entwickelt seine Wucht auch aus der Tatsache, dass er zu Großteilen von jemandem gesprochen wird, an dem sich diese Zerrissenheit manifestiert: Kommissar Bukow, der Proll-Cop aus Meckpomm, gespielt von Fischkopp Charly Hübner aus Meckpomm.

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Rostock-"Polizeiruf": Konfrontationstherapie in Meckpomm

Hübner hat vor Kurzem die Dokumentation "Wildes Herz" gedreht, in der er der linken Punkband Feine Sahne Fischfilet in die rechten Winkel durch die gemeinsame Heimat Mecklenburg-Vorpommern folgt. Zwiegespräche und Gerempel am radikalisierten Rand Deutschlands - ein Konfrontationskurs, der jetzt auch im "Polizeiruf" zum Einsatz kommt: Einmal sieht man Hübners Bukow mit einer völkischen Braut in der Bio-Bauernhofküche unterm Hitler-Porträt plaudern, ein anderes Mal prügelt er sich mit einem ihm gar nicht mal so fremden Nazi vor einem Sonnenwendefeuer. Die Bukow-Methode: Ich verstehe dich. Und hau dir trotzdem auf die Fresse.

Ambivalenzen erlaubt, Relativierungen verboten

Links und rechts, oben und unten, in und out, das liegt in diesem sehr klug gebauten Gesellschaftskrimi - das Drehbuch stammt von Florian Oeller, der auch schon die furiose "Polizeiruf"-Folge "Fischerkrieg" geschrieben hat - topographisch dicht beisammen. Ambivalenzen erlaubt, Relativierungen verboten.

Im Zentrum steht der Mord an einer rechtspopulistischen Politikerin, die sich in Rostock als Oberbürgermeisterin beworben hat. In jungen Jahren war die Film-Politikerin mit den Neonazis unterwegs, die jetzt als völkische Siedler den Bio-Hof bewirtschaften.

Rechtspopulisten und Rechtsaussteiger, man hat sie in den letzten Monaten in "Tatorten" aus Hamburg, aus dem Schwarzwald oder aus München gesehen. Schlimm wäre es, wenn dieser "Polizeiruf" dadurch an Aufmerksamkeit verlieren würde - zumal er als erstes abgedreht war und nur durch das ARD-Koordinationschaos auf den Sendeplatz vor der Sommerpause geschoben wurde.

"Vogelschiss"-Rhetorik inklusive

Dabei thematisiert der Krimi mit hoher zeitdiagnostischer Trefferquote auch die Holocaust-Relativierungen im AfD-Umfeld, die gerade erst wieder durch die "Vogelschiss"-Äußerung von Alexander Gauland neu aufgelegt wurden. Oder die Unruhen um die Essener Tafel - der "Polizeiruf" entstand vor dem realen Tafel-Skandal, man sah die Ereignisse quasi voraus. Im Film instrumentalisiert die Rechtspopulistin vor ihrer Ermordung den Kampf ums Essen.

Doch auch ohne den aktuellen Resonanzraum entwickelt der "Polizeiruf" (Regie Lars-Gunnar Lotz) eine enorme, das Publikum fordernde Schärfe. Eine besonders starke Figur ist ein Syrer mit Hipster-Dutt (Atheer Adel), der als Flüchtlingsberater für die Flüchtlingshasser-Partei arbeitet. Er hatte ein Verhältnis mit der toten Rechtspopulistin. Auch hier setzt der Krimi konsequent auf den konfrontativen Dialog:

Kommissarin: "Bei jedem ihrer Auftritte standen Sie hinter ihr - als doppeltes Signal. Eins für die Wähler der Mitte: Guck mal, ein Flüchtling, ich bin doch kein Nazi! Eins für den ganz rechten Rand: Guck mal, ein Flüchtling, der trägt meinen Koffer. Artgerecht."

Syrer: "Das ist so ziemlich das Rassistischste, was ich mir in meinem Leben anhören musste. Die Tatsache, dass ich einfach einen guten Job gemacht habe und dass ich selbst entscheide, mit wem ich arbeite oder ficke, das ziehen Sie nicht mal in Betracht."

Die Gespräche dieses "Polizeiruf" sind an der Schmerzgrenze ambivalent, die gesellschaftlichen Spaltungsprozesse erscheinen fast schon körperlich spürbar: eine Krimi-Bombe vor der langen Sommerpause.

Bewertung: 9 von 10 Punkten


"Polizeiruf 110: In Flammen", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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