Psychoquark im Magdeburg-"Polizeiruf" Nackig bis aufs Pistolenholster

Ein Psychologe soll die Magdeburger Ego-Ermittler zum Team zusammenschweißen. Okay, aber müssen die dafür gleich emotional blankziehen? Der "Polizeiruf" als plumper Seelenstriptease.

MDR/ Conny Klein

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Und noch eine Supervision im Sonntagskrimi. Nachdem sich vor drei Wochen das Ludwigshafener Team um Kommissarin Odenthal in den Schwarzwald zurückgezogen hat, um dort unter Aufsicht eines Coachs die Animositäten und Aggressionen im Team zu erörtern, ist jetzt das Magdeburger Team um Kommissarin Brasch dran. Und das hat wirklich einen Haufen Probleme.

Schon nach den ersten Folgen des sachsen-anhaltinischen TV-Reviers stellte sich Frustration ein. In Magdeburg herrschte seit Anbeginn ein Kommen, Gehen und blödes In-der-Handlung-Rumstehen. Alle scheinen hier sehr unglücklich - nicht nur die Ermittler, die als extreme Antipoden angelegt sind und sich mehr lähmen als befruchten, sondern auch bei den Schauspielerinnen, die sie verkörpern.

Kommissardarsteller Sylvester Groth verließ den Krimi schon nach wenigen Folgen entnervt, Claudia Michelsen (die gerade wieder in "Ku'damm 59" gezeigt hat, dass sie eine der besten Schauspielerinnen des Landes ist) blieb und düst seitdem als Ermittlerin Doreen Brasch regelmäßig auf dem Motorrad dem inhaltlichen Stillstand in die nächste Kneipe davon. Vor zwei Jahren kam dann der Schauspieler Matthias Matschke dazu. Der wird inzwischen in seiner Rolle als extrem trockener Kommissar Dirk Köhler ordentlich von der notorisch verkaterten Kollegin Brasch gemobbt.

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"Polizeiruf" mit Claudia Michelsen: Brav, Brasch!

Das Spiel geht so: Brasch rast, flucht und säuft, Köhler stolpert, zickt und schmollt. In der aktuellen "Polizeiruf"-Folge sagt die Kommissarin zum Kollegen nun nach der Sitzung beim Supervisor: "Tut mir leid, wenn ich sie vorhin verletzt habe. Das war nicht meine Absicht" Er erwidert: "Doch, das war ihre Absicht."

Lungenkrebs im Endstadium?

Ein schön lakonischer Dialog. Leider bleibt er der einzige seiner Art. Denn durch den Auftritt des übertrieben sanften Polizeipsychologen Niklas Wilke (Steven Scharf) werden auf einmal alle Beteiligten unglaubwürdig redselig: Der Revierchef verrät, dass bei ihm Verdacht auf Lungenkrebs im Endstadium besteht, Brasch erinnert sich, wie sie ihren zehnjährigen Sohn einst nach einer Operation allein im Krankenhaus gelassen hatte und wie Mutter und Kind dadurch ein gestörtes Verhältnis entwickelten. Köhler offenbart sein mangelndes Selbstvertrauen.

Kurz: Hier machen sich alle Ermittler bis auf das Pistolenholster nackig. Hinter dem Seelenstriptease verschwindet leider der aktuelle Fall (Buch: Josef Rusnak, Regie: Maris Pfeiffer). Auf die Wohnung eines Bauunternehmers wurde ein Brandanschlag verübt, und in das von all dem Selbstmitleid ganz beschlagene Visier der Ermittler geraten neben den üblichen Verdächtigen von der ausgestochenen Konkurrenz und der verschlissenen Mitarbeiterschaft auch nähere Familienmitglieder.

Der Bauunternehmer hatte offenbar ein Verhältnis mit seiner Schwägerin, die sich für ihn wie die verstorbene Ehefrau kleiden muss. Die ist einst bei einem Skiunfall verunglückt, den Witwer plagen Schuldgefühle und Sehnsucht. Deshalb gestaltet er die Schwägerin ganz nach seinen Erinnerungen an die Tote um, um dann mit ihr zu schlafen. Ein Fall von entgleisendem Fetischismus, Hitchcocks "Vertigo" lässt grüßen.

Aber statt sich näher mit dieser Toten-Liebe zu beschäftigen, lässt der neue Polizeipsychologe die Ermittler lieber zu einer Familienaufstellung antreten, in der sie die schwierigen Abhängigkeitsverhältnisse einer ziemlich unglaubwürdigen Blitzanalyse unterziehen: Psychoquark statt Psychothrill, Hitchcock ist auf einmal wieder ganz fern.

Später schießt sich Brasch in der Kneipe die Lampen aus, krallt sich den Coach und knutscht ihn ab. Hoffen wir, dass daraus nichts Festes wird.

Bewertung: 3 von 10 Punkten

"Polizeiruf 110: Starke Schultern", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

Anmerkung: In einer früheren Version schrieben wir Pistolenhalfter statt Pistolenholster. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten um Entschuldigung.

insgesamt 2 Beiträge
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till_wollheim 23.03.2018
1. Verklemmtes Volk!
Wenn sie jetzt eine gelbe Jacke tragen würden, würde das wahrscheinlich niemand kommentieren. Aber bei Nackedeis klettern alle auf die Bäume! Wann - verdammt nochmal! - bekommt es endlich (wieder) den Rang den es verdient: nicht der Erwähnung wert sondern was ganz Normales und Neutrales!
ichliebeeuchdochalle 26.03.2018
2.
Der Fall: Brandstiftung. Schaden an einem Menschen: Ja, Husten durch Rauch. Inventar: Wird von der Versicherung nicht ersetzt ... das Opfer hat die Haustüre offen gelassen. Polizeischutz: Will er nicht. Ab da interessiert mich der Film nicht mehr. Geht ja um nix. Rest der Nicht-Story wird eine Stunde lang aufgefüllt. Kennt man vom 10kg-Paket Waschpulver: 90% ist Füllmaterial. Halt! Es gibt doch eine spannende Frage, und zwar die hier: Ist die Strafe für das Feuer legen jetzt höher als die Strafe für die Polizistin, die dem Opfer mittels Nötigung eine Aussage abpresst oder umgekehrt?
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