Werwolf-"Polizeiruf" aus München Rotkäppchen in der Rehab

Graue Wölfe, einsame Wölfe, Werwölfe: Der Münchner "Polizeiruf" mit Matthias Brandt erzählt vom Menschen in der Bestie und der Bestie im Menschen. Ein böser Traum von einem Krimi.

BR/ Christian Schulz

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Homo homini lupus. Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Dieser zoologisch, anthropologisch und kulturgeschichtlich weit ausholende "Polizeiruf 110" fächert den zugegeben schon etwas abgegriffenen lateinischen Sinnspruch in all seiner Schönheit und Schauerlichkeit auf. Es geht um den aus der Romantik bekannten Werwolf und um die mit dem türkischen Nationalismus assoziierten Grauen Wölfe, es geht um domestizierte Raub- und bestialische Haustiere.

Krimi-Kombinierfüchse, die ein konventionelles Mörderrätsel erwarten, schalten besser nicht ein. Aber es ist inzwischen ja bekannt, dass der Münchner "Polizeiruf" die Grenzen des Krimis immer wieder ins Assoziative, Poetische oder sogar Psychedelische verschiebt. Unvergessen, wie der von Matthias Brandt gespielte Kommissar Hanns von Meuffels in einer Folge von 2012 als Patient im Krankenhaus mit mobilem Tropf und benebeltem Kopf in Sachen Gesundheitssystem ermittelte. Die Perspektive des Ermittlers auf die Welt ist im "Polizeiruf" stets eine sehr bröckelige. Nicht immer können wir uns auf sie verlassen.

Vor vier Jahren glitt der Kommissar schmerzmittelbedingt ins Delirium ab, diesmal scheint seine Kollegin Constanze Hermann (Barbara Auer) alkoholismusbedingt ins Delirium tremens zu rutschen. Die Hamburger Ermittlerin war schon mal in der "Polizeiruf"-Folge "Kreise" in München zu Besuch, damals gab es bei großen Gläsern Selterswasser zarte Annäherungsversuche zwischen der trockenen Säuferin und dem pathologisch melancholischen Einzelgänger von Meuffels.

Wahn einer Säuferin oder wahres Monster?

In der aktuellen Folge ruft Hermann ihren Kollegen nun aus einem Wirtshaus nahe eines bayerischen Wellness-Klosters an, wo sie gerade auf Entzug ist. In der Schenke trinkt sie, wie sie später mühsam rekonstruiert, neun Gin Tonic. Oder vielleicht doch noch ein paar mehr. Auf dem Rückweg zur Klinik, im diffusen Mondlicht der Nacht, steht auf einmal eine Kreatur mit riesiger Schnauze und roten Augen vor ihr.

Am Morgen wird die Leiche der Klinikleiterin gefunden, im Gesicht der Toten Bissspuren eines Wolfs, der um einiges größer als gewöhnliche Artgenossen in Mitteleuropa gewesen sein muss. Alle anderen glauben, die alkoholkranke Kommissarin Hermann sei in der Nacht mal wieder besoffen gewesen; sie selbst aber glaubt fest daran, sie habe einen Werwolf gesehen, und dieser habe sich eben über die Klinikleiterin hergemacht.

Unter Mordverdacht gerät aber auch ein ehemaliges Mitglied der Grauen Wölfe, jener ultranationalistischen türkischen Vereinigung, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Bei dem Türken-Wolf in Bayern handelt sich um einen Aussteiger, der vom BKA ins Zeugenschutzprogramm genommen wurde. Er hatte eine Affäre mit dem Mordopfer, in einer voyeuristischen Rückblenden-Videosequenz liegt er mit der Frau auf dem Bett; draußen vor dem Liebeslager spannert ein Wolf durchs Fenster.

Der Autorenfilmstar Christian Petzold, der schon die "Kreise"-Episode geschrieben und gedreht hat, hat diesen "Polizeiruf" als so kunst- wie lustvollen Assoziationsstrom in Szene gesetzt. Irgendwann im Film erklingt aus der alten Jukebox in der Schankstube der chronisch erfolglose und wie von Meuffels pathologisch melancholische Achtzigjahresongwriter Martin Stephenson von den Daintees mit seiner Geisterstundenballade "Rain": "My subconscious and I are back on speaking terms / He's sending me colours and beautiful words."

Mit romantischem Grimm und grimmscher Romantik zielt auch Petzold aufs kollektive Unterbewusstsein der Zuschauer und arbeitet sich durch alle Facetten des Wolfs-Topos - inklusive einer Ermittlerin, die mit rotem Mantel, vernebeltem Blick und naivem Interesse doch sehr an eine der größten Heldinnen der Gebrüder Grimm erinnert. Dabei bewahrt sich Christian Petzold seinen von aller Gefühlsrhetorik befreiten Stil. In lakonischen Dialogen holt er Angstbilder hoch, die in uns allen schlummern.

Während im Münchner Umland eben so etwas wie ein Werwolf sein Unwesen zu treiben scheint, untersucht von Meuffels in München den Fall einer grausam entstellten Frauenleiche. Wie der Kommissar seiner Kollegin trocken am Telefon erklärt: "Die Augenhöhlen sind leer, die Lippen wie abgeschnitten." Von Meuffels denkt zuerst an einen Ritualmord mit ethnisch-politischem Hintergrund.

Ein Zoologe belehrt ihn eines Besseren und weist im Wissenschaftssprech darauf hin, dass die hungrige Katze der Toten diese so zugerichtet hätte. Die Katze sei im Gegensatz zum Hund, der eher neben seinem toten Herrchen oder Frauchen verhungern würde als es anzuknabbern, eben noch nicht gänzlich domestiziert. Für sie bildeten die Weichteile im Gesicht eines toten Menschen eine wahre Delikatesse.

Noch was gelernt in diesem so lakonisch wie lustvoll mit unseren Ängsten spielenden "Polizeiruf": Das Monster, es schlummert für unsere Träume nicht nur unter unserem Bett. Es schnurrt manchmal ganz real neben uns auf der Couch.

Bewertung: 9 von 10 Punkten


"Polizeiruf 110: Wölfe", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

Zum Autor
Christian Buß ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE mit Schwerpunkt Medien und Gesellschaft. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden "Tatort". Doch der TV-Krimi ist nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit.

E-Mail: Christian_Buss@spiegel.de

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Seite 1
cafe-wien 11.09.2016
1. Das ist ein beispielhaft guter TV-Film
Und er wird in punkto "Krimi" all die Ernie & Berts aus Köln, die auserzählten Proporzkomparsen à la Folkerts, Furtwängler-Burda und Postel auf die allerletzten, gähnenden Plätze verweisen. Da bin ich sicher. Ja, ich weiß: Dies ist der "Polizeiruf 110", die anderen gehören zum unerträglichen Bodensatz des "Tatort", der für Abermillionen Euro bei der ARD durchgefüttert wird. Da es in der selben Schiene läuft, ist es aber gleichzusetzen. Wir werden es erleben, dass sich das, was wir hier am Sonntag sehen werden, zu den anderen selbsternannten Krimis verhält wie das Vormittags- und Regionalprogramm der ARD zu ihrem Abendprogramm: fantasielose Bebilderung mit Infantilenhalligalli vs. spannende Erzähl- und Schauspielkunst. Dieser "Polizeiruf 110" wird wieder eines ganz klar machen: Es gibt KEINEN einzigen Grund mehr, für Abermillionen Euro Komparsen wie Ulrike Folkerts, Maria Furtwängler-Burda oder Sabine Postel ein durch unfähige Redakteurinnen, uninspirierte Drehbuchautoren und TV-Verwaltungsregisseure, bei gleichzeitiger Unfähigkeit in den Bereichen Ton, Requisite, Ausstattung und Szenenbild, beigeordnetes Gnadenbrot zu schenken!
uhildenbrand 11.09.2016
2. 9 von 10 Punkten?
Ich fasse es nicht. Welchen Polizeiruf hat Herr Buß denn hier gesehen? Schlechter geht es kaum. Große Enttäuschung. Aber den Vogel schießt der Autor des Artikels ab. Sitze fassungslos vor dem Abspann...
snickerman 11.09.2016
3. Gaga
Komplett gaga. Habe in der zweiten Hälfte die Twits parallel gelesen- sehr lustig! Die Schauspieler- großartig. Der Mörder- stand spätestens nach ein paar Szenen fest, da habe ich noch gedacht, komm- so dämlich kann doch keine Regie sein. Doch. Am Ende hab ich nur gedacht- wo sind Nick Burkhardt und die Winchesters, wenn man sie mal braucht. Ich geh jetzt nach draußen und heule den Mond an. 9 von 10? ARUUUUUHH!!
rennflosse 12.09.2016
4. Als die Bilder laufen lernten
Nun ja, man durfte sich nicht der Illusion hingeben, einem stringenten Handlungsfaden folgen zu dürfen. Statt dessen kam man sich vor wie in einer Geisterbahn, wo überall Monster scheinbar zusammenhanglos über den Zuschauer herfallen. Das ist kein Tadel. Vielleicht ein bisschen viel Smalltalk im Auto und die Musik: Wie hieß eigentlich dieses Lied, welches die zentrale Rolle spielte? Kennt das jemand?
rennflosse 12.09.2016
5. Nicht immer.
Zitat von cafe-wienUnd er wird in punkto "Krimi" all die Ernie & Berts aus Köln, die auserzählten Proporzkomparsen à la Folkerts, Furtwängler-Burda und Postel auf die allerletzten, gähnenden Plätze verweisen. Da bin ich sicher. Ja, ich weiß: Dies ist der "Polizeiruf 110", die anderen gehören zum unerträglichen Bodensatz des "Tatort", der für Abermillionen Euro bei der ARD durchgefüttert wird. Da es in der selben Schiene läuft, ist es aber gleichzusetzen. Wir werden es erleben, dass sich das, was wir hier am Sonntag sehen werden, zu den anderen selbsternannten Krimis verhält wie das Vormittags- und Regionalprogramm der ARD zu ihrem Abendprogramm: fantasielose Bebilderung mit Infantilenhalligalli vs. spannende Erzähl- und Schauspielkunst. Dieser "Polizeiruf 110" wird wieder eines ganz klar machen: Es gibt KEINEN einzigen Grund mehr, für Abermillionen Euro Komparsen wie Ulrike Folkerts, Maria Furtwängler-Burda oder Sabine Postel ein durch unfähige Redakteurinnen, uninspirierte Drehbuchautoren und TV-Verwaltungsregisseure, bei gleichzeitiger Unfähigkeit in den Bereichen Ton, Requisite, Ausstattung und Szenenbild, beigeordnetes Gnadenbrot zu schenken!
Warum nicht? Sie haben durchaus ihre Berechtigung. Die Stärke des Tatort / Polizeiruf ist seine Vielfalt. Für jeden ist etwas dabei. Ich fand das gestern interessant, möchte aber dergleichen Machwerke nicht ständig sehen.
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