Psycho-"Polizeiruf" Im Folterkeller der Liebe

Widerspruch? Wird schwierig. In Rostock schneidet ein Serienkiller seinen Opfern die Zunge ab. Ein "Polizeiruf", der zunächst an die Splatter-Serie "Saw" erinnert, um dann in die Sadomaso-Szene einzutauchen. Das Erstaunliche: Das Einschalten lohnt.

Von

ARD

Es gibt Menschen, die klingen, als würden sie den Krieg erklären, wenn sie ihre Liebe bekunden. Ihr Begehren ist total, Widerspruch zwecklos. Das Gegenüber hat keine Chance, die eigenen, eventuell negativen Gefühle darzustellen. Was nicht passt, wird vom wahnhaft Liebenden passend gemacht.

Der neue Rostocker "Polizeiruf 110" zeigt dieses Passendmachen nun in der Hardcore-Variante. Am Anfang sehen wir, wie ein Mann mit angstvoll aufgerissenen Augen auf der Rückbank eines Taxis verblutet. Mit einer riesigen Metallschiene wurde ihm zuvor in einem Kellerlabor der Mund aufgerissen und mit einem Skalpell die Zunge rausgeschnitten. Immerhin, der Operateur hatte ihm zuvor ein starkes Schmerzmittel gespritzt, wie später der Gerichtsmediziner etwas erstaunt erklärt. Bei aller Lust am Foltern, so die Schlussfolgerung, muss Zärtlichkeit im Spiel gewesen sein.

Ein kurzer harter Film über die Liebe also. Regisseur und Autor Thomas Stiller hat zuvor die sehr gute Münchner "Tatort"-Episode "Macht und Ohnmacht" als amtlichen Cop-Thriller nach US-Vorbild angelegt, im "Polizeiruf" holt er nun die grausamen Konventionen des Serienkiller-Thrillers ins Rostocker Szenario. Ein bisschen wundert man sich, weshalb der Geisel-"Tatort" aus Köln vorigen Sonntag um 22 Uhr ausgestrahlt werden musste, während dieser Angstmacher mit seinen rustikalen Gore-Elementen um 20.15 Uhr laufen darf.

"Saw" lässt grüßen

Die rostigen Gerätschaften in dem betont schmutzigen Keller erinnern an die grotesken und sehr explizit in Szene gesetzten Folterapparaturen in der "Saw"-Reihe; vor den Häusern und Wohnungen der Kommissare huscht immer wieder eine subjektive Kamera durchs Gebüsch, die suggeriert, dass der Täter auch die Polizisten ins Visier genommen hat. Der Weg zur Lösung des Falls, auch das kennen wir aus einschlägigen Horror-Thrillern, führt durchs persönliche Kuddelmuddel der Ermittler.

Und eben in diesem Punkt kann dieser grobe Genre-Bausatz trotz seiner Logiklöcher punkten. Alle Charaktere des Rostocker "Polizeiruf" sind generell so glaubhaft, dass sie auch in fahrlässig zusammengelöteten Handlungskonstruktionenen funktionieren. Hier nun wird das Thema Lug und Betrug in den Liebeswahn-Krimi integriert: Während Alexander Bukow (Charly Hübner) den Mörder des grausam verbluteten Opfers zu finden versucht, trifft sich seine Frau Vivian (Fanny Staffa) mit dem Kollegen ihres Mannes (Josef Heynert) zum Fremdgehen im Hotel.

Ausgerechnet in diesem Moment erleidet der Sohn der Bukows einen Allergieschock - der Vater kann ihn im letzten Moment mit Blaulicht ins Krankenhaus fahren, wo er von einer jungen Ärztin (Alma Leiberg) sorgsam behandelt wird. Bukow ist ganz angetan von der Professionalität und Hingabe der Medizinerin. Auf diese Weise entspinnt sich ein Subplot, der dem monströsen (und monströs wackeligen) Thriller zum Thema Liebe und Verrat, Macht und Ohnmacht eine solide und alltägliche Komponente verleiht.

Apropos Macht und Ohnmacht: Die Spur aus dem Folterkeller führt direkt in die BDSM-Szene. Da bekommt man Angst, dass sich der streckenweise etwas zu zeigefreudige Krimi sich auch noch in voyeuristisch abgefilmten Partys verliert oder zur schwülen "50 Shades of Grey"-Schmerzensschmonzette wird. Tut er aber nicht.

Im Gegenteil: Bukow und Kollegin König (Anneke Kim Sarnau) steigen in die sehr sauberen BDSM-Keller von Rostock hinab, in denen ihnen abgeklärte Hausfrauen erklären, was denn so in solchen Sessions abgeht, was ihnen daran gefällt. Und was passieren muss, damit auf einmal aus Hingabe Mord wird.


"Polizeiruf: Liebeswahn", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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roflem 10.01.2014
1. Abschalten!
Lohnt! Die schleichende Gehirnerweichung mit den unerträglichen Tatorten ist nicht mehr zu ertragen. Langsam wird dem Zuschauer eingeimpft, dass die Polizei die Grundrechte nicht zu beachten hat, Türen werden eingetreten, in Wohnungen eingebrochen, Verdächtige erpresst, alles ohne richterlichen Erlass, alles legal. Dies auch noch zu empfehlen, ist Tintensklaverei!
kiefernwald 10.01.2014
2.
Polizeiruf aus Rostock und München sowie Tatort aus Kiel lohnen sich nahezu immer. Den Rest kann man leider vergessen.
Hilfskraft 10.01.2014
3. nicht Qualität...
... sondern Brutalität soll´s rausreissen. Lasst es! Egal, wie deutsche TV-Krimi-Macher es machen. Es bleibt brutaler Käse.
robin-masters 10.01.2014
4. Gegensatz
Im Gegensatz zu meinen Vorrednern muss ich sagen das der Tatort und der Polizeiruf immer sehenswerter geworden sind in den letzten Jahren. Klar es gibt die eine oder andere Folge wo die typisch deutschen Unterhaltungsschwächen wieder auftreten (Vorhersehbarkeit, plumper Humor, Unglaubwürdigkeit, langweilige eindimensionale Erzählweise, immer die gleichen Nebendarsteller...etc.) aber im großen und ganzen hat sich Tatort und Polizeiruf verbessert. Früher konnte ich Tatort nie leiden - da es immer typisch deutsch stringent um den Fall ging und der Ermittler maximal durch sein Aussehen etwas persönliches beitragen durfte. Meistens waren die Fälle auch unglaubwürdig und das war so Agatha Christie mäßig... keine wirklichen Milieustudien oder Psychoanalysen. Find da kommt das US-Krimiserien Buchstabengewürfel (CSI, Navy CIS etc.) nicht mehr gegen an... bei mir persönlich zumindest.
malte.b 10.01.2014
5. TV-Ödnis
Geht es wirklich nur mir so, dass mir bei diesen nihilistischen und gewalt (http://www.gewalt-geht-immer.de)strotzenden Fernsehmachwerken der Öffentlich-Rechtlichen beinahe schlecht wird ? Ich habe die Hoffnung, dass ich da nicht der einzige bin.
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