Maria Simon im "Polizeiruf": Stillen und sterben in Brandenburg

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Zwischen Babyblues und Drogenkoma: Die grandiose Maria Simon ist aus dem Mutterschutz zurück und ermittelt als Kommissarin Lenski unter Liquid-Ecstasy-Opfern. Ein "Polizeiruf", der gemischte Gefühle hinterlässt - modernes Frauenbild trifft auf uralte Krimi-Klischees.

"Polizeiruf" aus Brandenburg: Nicht ohne mein Baby Fotos
RBB

Schon wieder ist die Leiche einer jungen Frau auf einer Müllhalde entsorgt worden, schon wieder vernachlässigt die Kommissarin während der Ermittlungen ihren Nachwuchs. Auf den Hannoveraner "Tatort"-Zweiteiler, in dem Maria Furtwängler ein Geflecht aus Zwangsprostitution und Politfilz zu entwirren hatte, folgt direkt ein Brandenburger "Polizeiruf" mit Maria Simon, die wegen einiger Drogenattacken auf junge Clubgängerinnen aktiv werden muss.

Eigentlich wollten wir ja eine Flasche Schampus öffnen, um den Wiedereinstieg der fast immer großartigen Maria Simon nach der Babypause (fürs insgesamt vierte Kind) zu feiern. Denn insgesamt läuft beim Brandenburger TV-Revier ja alles vorbildlich: Erst ließ sich Simon hochschwanger das Drehbuch auf den gerundeten Leib schreiben und drehte mit Babybauch, und als ein paar Monate um die Geburt herum wirklich gar nichts mehr ging, ließ sie sich von Kollegin Sophie Rois für eine schön ausgeklinkte Ausnahme-Episode vertreten. Jetzt, nicht allzulange nach der Entbindung, ist Simon zurück in ihrem Revier, und spielt ihre Kommissarin Olga Lenski als Mutter eines Babys - die sie ja wirklich ist. Kind und Karriere, das scheint beim Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) kein Problem zu sein.

Und um kurz noch etwas Positives zu sagen: In ihrer Rolle ist Simon supi. Anders als Maria Furtwängler, die als bemüht liebende Kommissarin ihr Kind wie ein besonders kostbares Möbelstück durch die Altbauwohnung schiebt, trägt Maria Simon das Neugeborene mit nonchalanter Inbrunst durch die rustikale Holzkate in Potsdam-Mittelmark. Die Anspannung, die es bedeuten muss, als frisch gebackene Mutter einen psychisch aufreibenden Fall zu wuppen, bringt sie gut rüber. Immer alert, niemals aufgeregt. Organischer als im familienfreundlichen Brandenburger "Polizeiruf" kann Personalplanung und Schauspielführung nicht sein.

Klapp auf, den Krimi-Bausatz!

Ach, wäre doch nur der Plot ebenso organisch. Doch der Rest in der "Polizeiruf"-Episode "Eine andere Welt" (Regie: Nicolai Rohde, Buch: Clemens Murath) wirkt wie aus dem Krimi-Bausatz. Im Zentrum steht der alte, tausendmal zum Einsatz gebrachte öffentlich-rechtliche Erregungs-McGuffin Liquid Ecstasy, durch den junge Frauen in Discotheken willenlos gemacht werden. Eine 18-jährige wacht in diesem "Polizeiruf" am Morgen aus dem Drogenkoma auf, eine andere wird tot auf dem Schrottplatz gefunden.

Bei der Rekonstruktion der Ereignisse lernt man die guten Eltern der überlebenden Abiturientin kennen, die in einem sehr liebevoll dekorierten Eigenheim mit vielen Dachschrägen wohnen, sowie den Anwaltvater eines verdächtigen Jungen (Herbert Knaup als Griesgram), der in einem sehr kalt eingerichten Nobel-Quader residiert. Natürlich haut der Rechtsverdreher seinen extrem unsympathischen Bengel, der auch noch verdächtig eng beieinander liegende Augen hat, mit Winkelzügen raus. Sagen wir mal so: Die Rollen von Gut und Böse sind sehr übersichtlich verteilt. Für Zwischentöne bleibt genauso wenig Raum wie für die Erkundung des Ohnmachtsgefühl des mutmaßlich missbrauchten Mädchens.

Dieser Schwachpunkt fällt umso mehr auf, wenn man Maria Simon einmal selbst das Opfer einer Drogenattacke hat spielen sehen: In der ZDF-Produktion "Es war einer von uns" verkörperte sie eine junge Frau, die mit einer Ecstasy handlungsunfähig gemacht und danach vergewaltigt wurde. Ein beklemmender Psychothriller, der nachzeichnete, wie das Opfer von der eigenen Clique stigmatisiert wurde und wie schwierig es ist, sich aus der Ohnmachtsrolle zu befreien. Solche perfide Doppelbödigkeit sucht man im neuen "Polizeiruf" vergeblich.

Produziert der RBB weiter solche Olga-Lenski-Fälle, nützt bald auch das progressive Geschlechterbild nichts mehr. Noch ein paar Krimis auf diesem Niveau und Mutter ist bald arbeitslos.


"Polizeiruf 110: Eine andere Welt", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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insgesamt 7 Beiträge
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1. Polizeiruf
böfburginion 21.12.2012
Zitat SPON: *"...Produziert der RBB weiter solche Olga-Lenski-Fälle, nützt bald auch das progressive Geschlechterbild nichts mehr. Noch ein paar Krimis auf diesem Niveau und Mutter ist bald arbeitslos."* Macht euch mal keine Sorgen, ihr Furchtsamen da draussen. Auch wenn Lensky sich plötzlich, mangels KITA Platz, für die ausschliessliche Erziehungsarbeit an Ihrem Nachwuchs entscheiden sollte: KRAUSE, dieser BULLE par excellance wird ALLE Protagonisten/innen überleben...und das ist gut so; ist er doch DER Ganovenschnapper schlechthin im Brandenburger kriminellen Milieu. Apropos, mit seiner casquette ist er einfach DER Typ, nicht zu toppen.
2. Gehört ein Baby in einen Krimi?
My2Cents 21.12.2012
Nein. Höchstens als Mordopfer vielleicht. Ansonsten wüsste ich nicht, was ein Baby zu einem Ermittlungsplot konstruktives beitragen könnte.
3. sagt mal Leute, in den 50ern, 60ern, 70ern, 80ern und 90ern
2049er 21.12.2012
liefen doch auch Krimis im Fernsehen, ohne dass es eine Vor- & Nachbesprechung von diesesen Krimis gab. Ist denn unsere, künstlich aufrecht erhaltene Zeit, schon so langweilig, dass man so etwas unendlich Triviales wie Krimis schon Vor- und Nachbesprechen muss....?
4. Einschalten
Mo2 21.12.2012
Ja, diese Ermittler-Privatgeschichten nerven mich auch oft, aber ohne geht`s ja wohl nicht mehr. Und die Story hört sich abgedroschen an - aber Lenski & Krause sind wohl sehenswert, zumal nach erzwungener Enthaltsamkeit an den letzten 2 Sonntagen.
5. Gut, dass man das vorher lesen kann
spon-facebook-10000172069 21.12.2012
Am Weihnachtswochenende gibt es also anderes zu gucken: Auf ZDFneo läuft eine neue englische Serie an. Hoffen wir also, dass alles auch in den Mediatheken und damit bei fernsehstrom.de landet. Dann kann der Sonntagabend bei der ARD auch mal ausfallen.
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Zum Autor
Christian Buß, Jahrgang 1968, ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden noch so schlechten "Tatort". Doch der TV-Krimi ist für ihn nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit. Wer wissen will, wie das Land tickt, der kommt um den "Tatort" nicht herum.