"Polizeiruf" über Müllsammler: Kampf der Kaputten

Wer ist hier der Penner? Der NDR-"Polizeiruf" nimmt das moderne Müllprekariat ins Visier - und zeigt Menschen, die um ihre Restwürde ringen. Christian Buß attestiert dem Krimidrama einen feinen Slang und famosen Humor: Bulle Buckow sieht abgewrackter aus als jeder Obdachlose.

Rostocker "Polizeiruf": Der Abfall der Anderen Fotos
NDR

Er ist der Checker der Schrottplätze, der König der Müllhalden. Er hält Hof vor einer Wand von verbeulten Blechstücken, die er wie Trophäen präsentiert, darunter angeblich der Walkman von Michael Jackson. Keine Ahnung, wie der nach Rostock gekommen ist. 12 Euro hat er dafür gegeben. Ein Preis, den der Müll-Impresario Gehring sonst natürlich nicht zahlt.

Mal macht er 1,37 Euro locker für eine Rucksackladung Alteisen, mal 2,56. Wer von seinen Müllsammlern traurig guckt, dem sagt er: "Stahlpreise sind Weltmarktpreise, dafür kann ich nix." Und wer dann immer noch traurig guckt, dem schiebt er mit dem Kleingeld noch 'ne Flasche Bier über den Tisch.

Nein, dieser Gehring ist kein übler Kerl. Und der wunderbare Schauspieler Jan Georg Schütte spielt ihn als norddeutsche Version des Slangdaddys, als Schnackpapi, so wie man ihn sonst nur in den Filmen des Hamburger Trashfilmers Henna Peschel sieht: eine arme Wurst mit reichem Sprachschatz, ein tragikomischer Aufschneider mit unermüdlichem Mundwerk.

Der Schrott-Dealer ist nur eine von mehreren Figuren im neuen "Polizeiruf" aus Rostock, der im Müll seine Restwürde zu verteidigen sucht. Denn nachdem in einem Autowrack am Straßenrand die Leiche eines verarmten Rentners gefunden wurde, tauchen Profilerin König (Anneke Kim Sarnau) und Kommissar Bukow (Charly Hübner) in die Welt der Müllsammler ab.

Aufstand der Abgefertigten

Gründe, im Abfall der anderen zu wühlen, gibt es offensichtlich viele. Da ist die Architektin Nathalie Schieke (Ursina Lardi), die nach dem beruflichen Abstieg und dem Verlust des selbst entworfenen Eigenheims auf der Straße landete. In etwas abgetragener, aber immer noch schicker roter Lederjacke versucht sie den Schein zu wahren, während sie in einem Abbruchhaus die Rückkehr ins bürgerliche Leben plant. Und da ist das Ehepaar Schütte (Christine Schorn und Jan Peter Heyne), das davon träumt, sein schimmeliges Häuschen zu verkaufen, um in Thailand noch mal ganz neu anzufangen. Um den Traum am Laufen zu halten, wird reichlich Rotwein aus dem Tetrapak getrunken.

Die Macher des aktuellen "Polizeirufes 110" verstehen es, die Balance zwischen Milieustudie und Sozialdrama zu halten. Sie tauchen ein, aber sie führen nicht vor. Sie lassen Platz für Tragikomik, aber sie geben niemandem dem Gelächter preis. Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass Ermittler Bukow, der Asi mit Attitüde, diesmal besonders abgerissen daherkommt. Teilweise sehen die Müllsammler aus, als seien sie seine Vorgesetzten.

Drehbuch Wolfgang Stauch lieferte zuvor einige starke Folgen des ZDF-Krimis "Unter Verdacht", Regisseur Christian von Castelberg einige der besten "Bella Blocks", ebenfalls eine Prestige-Produktion des Zweiten. In ihrer ersten gemeinsamen Arbeit für die ARD finden sie nun Zugang zu einem Thema, das im Fernsehkrimi leicht in die Betroffenheitsfalle führt: Sie machen die Abservierten zu Aufbegehrenden.

Klar, der fürs größere Ganze unvermeidliche Bezug auf illegale Sondermülllieferung ist ein recht simpler Kniff (der im übrigen zu keiner inhaltlichen Vertiefung beiträgt) - aber im Kontext dieses Müllhalden-Thrillers erscheint er doch als passables Ideen-Recycling. Denn hier wollen auf einmal alle am großen Spiel teilnehmen, auch die kleinen Abfallsammler selbst. Ein erzählerischer Dreh, die Aussortierten als Handelnde ins Spiel zurückzubringen.

Das Mitmischen bleibt fürs Müllprekariat am Ende dann aber doch mehr Traum als Wirklichkeit. Schnackpapi und Schrottchecker Behring jedenfalls wagt mit einer aus dem Abfall gefischten Darth-Vader-Maske einen kleinen kriminellen Coup. Keine gute Idee: Eine dunkle Macht, da kann er sich aufspielen wie er will, wird aus diesem armen Müllschlucker nie werden.

"Polizeiruf 110: ... und raus bist du!", Sonntag 20.15 Uhr, ARD

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    Seite 1    
1. Der arme Christian Buß
README.TXT 20.05.2011
Muss immer den Schund aus den ÖR besprechen: Tatort, Polizeiruf. Gibts dafür eigentlich Schmerzensgeld oder Schundzulage vom Arbeitgeber? Mein Beileid Herr Buß.
2. .
takeo_ischi 20.05.2011
Zitat von README.TXTMuss immer den Schund aus den ÖR besprechen: Tatort, Polizeiruf. Gibts dafür eigentlich Schmerzensgeld oder Schundzulage vom Arbeitgeber? Mein Beileid Herr Buß.
Der Rostocker Polruf war bisher keinesfalls Schund. Alle Folgen qualitativ weit, weit über Bundesdurchschnitt. So kann und sollte ein Sonntagabendkrimi aussehen, der nicht in die Gerontofalle getappst ist.
3. .
bad59 21.05.2011
Zitat von README.TXTMuss immer den Schund aus den ÖR besprechen: Tatort, Polizeiruf. Gibts dafür eigentlich Schmerzensgeld oder Schundzulage vom Arbeitgeber? Mein Beileid Herr Buß.
Was Schund ist und was nicht, liegt wohl im Ermessen jedes einzelnen. Ich geniesse jedenfalls lieber den werbefreien "Schund" der ÖR als die ständigen Wiederholungen und "beste Filme aller Zeiten" oder ähnliches der privaten Quotenhascher. Und falls mir der "Schund" auch nicht zusagt, schalte ich eben aus.
4. Kameraführung das absolut Letzte
ego66 23.05.2011
Zitat von sysopWer ist hier der Penner?*Der NDR-"Polizeiruf"*nimmt das moderne Müllprekariat ins Visier - und zeigt Menschen, die*um ihre Restwürde ringen. Christian Buß*attestiert dem*Krimidrama*einen feinen Slang und famosen Humor:*Bulle Buckow sieht abgewrackter aus als jeder Obdachlose. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,762845,00.html
Den kompletten Tatort aus der freien Hand zu filmen ist eine absolute Zumutung für den Zuschauer. Vielleicht sollte man dem Kameramann mal ein Stativ kaufen oder ein paar Doppelte für eine ruhige Hand ausgeben. Zum endlosen Gewackel (dadurch erzeugt man leider keine Äktschen!) werden die Gesichter der Schauspieler permanent ins Vollbild gezoomt . Kann es sein, dass dadurch Kosten gespart werden sollen, weil man dann keine aufwendigen Drehorte mehr braucht? Das Ermittlerpaar dagegen wie immer sehr unterhaltsam und sehenswert. Ich fürchte jedoch, dass bei dieser Kameraführung sehr schnell Schluss sein wird. Schade drum!
5. Zustimmung
rabenkrähe 23.05.2011
Zitat von takeo_ischiDer Rostocker Polruf war bisher keinesfalls Schund. Alle Folgen qualitativ weit, weit über Bundesdurchschnitt. So kann und sollte ein Sonntagabendkrimi aussehen, der nicht in die Gerontofalle getappst ist.
...... Ich fand diesen Polizeiruf auch hervorragend und war von den schauspielerischen Leistungen bis in die Nebenrollen begeistert. rabenkrähe
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Zum Autor
Saima Altunkaya
Christian Buß, Jahrgang 1968, ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden noch so schlechten "Tatort". Doch der TV-Krimi ist für ihn nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit. Wer wissen will, wie das Land tickt, der kommt um den "Tatort" nicht herum.