Von Christian Buß
Im Hinterhaus werden Halbliter-Bierflaschen gestemmt, im Vorderhaus trinkt man Cognac aus dem Schwenker. Die Gentrifizierung hat auch in Halle Einzug gehalten, die Fasseden sollen aufgehübscht werden, die Mieten angehoben. In einem alten Stadthauskomplex treffen die verschiedenen gesellschaftlichen Kräfte aufeinander: Während hinten die Hausbesetzer leben und Transparente mit Aufschriften wie "Keine Macht den Spekulanten" aus dem Fenster hängen, frönt man auf der anderen Seite des Hofes hinter bereits sanierter Fassade zu teuren Mieten einem feineren Lebensstil. Klar, das Hinterhaus hasst das Vorderhaus. Und umgekehrt.
Als Versöhner schaltet sich der Architekt Mark van Vohl (Stefan Jürgens) ein, der bei einem Grillfest die verschiedenen Parteien zusammenbringen will. Der Erfolg ist mäßig. Die Autonomen lassen sich volllaufen, das Bürgertum rümpft die Nase. Als eine Polizeistreife wegen Ruhestörung eintrifft, eskaliert die Situation: Die Hausbesetzer machen Jagd auf die beiden Beamten (Theresa Scholz und Daniel Breitfelder), im Getümmel wird einer der beiden erschossen. Im Zuge der Ermittlungen wird es eine weitere Polizeileiche geben.
Irgendwann sitzen die Hauptkommissare Schmücke (Jaecki Schwarz) und Schneider (Wolfgang Winkler) erschöpft beieinander, zwei tote Kollegen in zwei Tagen, das schlägt aufs Gemüt der beiden älteren Herren. Zwischendurch verliert sogar der sonst so besonnene Schneider seine Contenance und wirft einem unter Verdacht stehenden Hausbesetzer vor, er wolle doch nur "Bullenklatschen". Hoppla, da hatten die Verantwortlichen dieses MDR-"Polizeiruf" ihr Ohr aber ganz nah an der Anti-Gentrifizierungs-Front.
Der West-Punk und der Ost-Cop
Überhaupt die Dialoge: "Sie sind ein billiger Handlanger kapitalistischer Unterdrücker", sagt einer der Aktivisten, der zuvor in der Hamburger und Berliner Szene unterwegs war. Schneiders entrüstete Erwiderung: "Erstens bin ich nicht billig, und zweitens sind Sie viel zu jung, um zu wissen, was Unterdrückung bedeutet." So, dem ollen West-Punk hat es der olle Ost-Cop jetzt aber wirklich gegeben.
Wozu die Feindschaft? Den Autonomen und den Polizisten droht im gewissen Sinne doch das gleiche Schicksal: Die "Polizeiruf"-Episode "Bullenklatschen" (Buch: Matthias Herbert, Regie: Thorsten Schmidt) ist die vorletzte des halleschen Fernsehermittler-Teams Schmücke und Schneider. Der MDR plant eine Rundum-Sanierung seiner Fernseh-Krimis, Schmücke und Schneider werden nach der 50. Folge Ende dieses Jahres in Rente geschickt; wie die Stadthäuser in Halle soll auch das MDR-Fernsehrevier modernisiert werden.
Doch das Thema Gentrifizierung, das man hier doch umfassend hätte behandeln können, bleibt nur angerissen. Es geht um den Effekt, nicht um die Analyse. Die Hausbesetzer-Punks mit ihren etwas zu kunstvoll toupierten Irokesenschnitten und etwas zu kunstlos hingerotzten Beschimpfungen bleiben Staffage. Schnell haben sich die Kommissare denn auch auf das grelle Feindbild eingeschossen - was sie ermittlungstechnisch erstmal in die falsche Richtung führt.
Dabei würde ein bisschen Punk ihnen selbst doch gar nicht schaden. Statt sich einfach so abwickeln zu lassen, könnten die Kriminalistendarsteller Jaecki Schwarz und Wolfgang Winkler doch selbst noch mal ein bisschen Stunk machen.
"Polizeiruf 110: Bullenklatschen", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD
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