MDR-"Polizeiruf": Sanierungsopfer made in Sachsen-Anhalt

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Halle soll schöner werden! Erst macht die Hausbesetzer-Szene deswegen Stunk, dann sterben Polizisten - und Schmücke und Schneider ermitteln. Aber warum zeigt das "Polizeiruf"-Duo kein Mitleid mit den protestierenden Punks? Die ollen Ost-Cops werden doch selbst bald wegsaniert.

MDR-Polizeiruf: Pensionieren, sanieren, massakrieren Fotos
MDR

Im Hinterhaus werden Halbliter-Bierflaschen gestemmt, im Vorderhaus trinkt man Cognac aus dem Schwenker. Die Gentrifizierung hat auch in Halle Einzug gehalten, die Fasseden sollen aufgehübscht werden, die Mieten angehoben. In einem alten Stadthauskomplex treffen die verschiedenen gesellschaftlichen Kräfte aufeinander: Während hinten die Hausbesetzer leben und Transparente mit Aufschriften wie "Keine Macht den Spekulanten" aus dem Fenster hängen, frönt man auf der anderen Seite des Hofes hinter bereits sanierter Fassade zu teuren Mieten einem feineren Lebensstil. Klar, das Hinterhaus hasst das Vorderhaus. Und umgekehrt.

Als Versöhner schaltet sich der Architekt Mark van Vohl (Stefan Jürgens) ein, der bei einem Grillfest die verschiedenen Parteien zusammenbringen will. Der Erfolg ist mäßig. Die Autonomen lassen sich volllaufen, das Bürgertum rümpft die Nase. Als eine Polizeistreife wegen Ruhestörung eintrifft, eskaliert die Situation: Die Hausbesetzer machen Jagd auf die beiden Beamten (Theresa Scholz und Daniel Breitfelder), im Getümmel wird einer der beiden erschossen. Im Zuge der Ermittlungen wird es eine weitere Polizeileiche geben.

Irgendwann sitzen die Hauptkommissare Schmücke (Jaecki Schwarz) und Schneider (Wolfgang Winkler) erschöpft beieinander, zwei tote Kollegen in zwei Tagen, das schlägt aufs Gemüt der beiden älteren Herren. Zwischendurch verliert sogar der sonst so besonnene Schneider seine Contenance und wirft einem unter Verdacht stehenden Hausbesetzer vor, er wolle doch nur "Bullenklatschen". Hoppla, da hatten die Verantwortlichen dieses MDR-"Polizeiruf" ihr Ohr aber ganz nah an der Anti-Gentrifizierungs-Front.

Der West-Punk und der Ost-Cop

Überhaupt die Dialoge: "Sie sind ein billiger Handlanger kapitalistischer Unterdrücker", sagt einer der Aktivisten, der zuvor in der Hamburger und Berliner Szene unterwegs war. Schneiders entrüstete Erwiderung: "Erstens bin ich nicht billig, und zweitens sind Sie viel zu jung, um zu wissen, was Unterdrückung bedeutet." So, dem ollen West-Punk hat es der olle Ost-Cop jetzt aber wirklich gegeben.

Wozu die Feindschaft? Den Autonomen und den Polizisten droht im gewissen Sinne doch das gleiche Schicksal: Die "Polizeiruf"-Episode "Bullenklatschen" (Buch: Matthias Herbert, Regie: Thorsten Schmidt) ist die vorletzte des halleschen Fernsehermittler-Teams Schmücke und Schneider. Der MDR plant eine Rundum-Sanierung seiner Fernseh-Krimis, Schmücke und Schneider werden nach der 50. Folge Ende dieses Jahres in Rente geschickt; wie die Stadthäuser in Halle soll auch das MDR-Fernsehrevier modernisiert werden.

Doch das Thema Gentrifizierung, das man hier doch umfassend hätte behandeln können, bleibt nur angerissen. Es geht um den Effekt, nicht um die Analyse. Die Hausbesetzer-Punks mit ihren etwas zu kunstvoll toupierten Irokesenschnitten und etwas zu kunstlos hingerotzten Beschimpfungen bleiben Staffage. Schnell haben sich die Kommissare denn auch auf das grelle Feindbild eingeschossen - was sie ermittlungstechnisch erstmal in die falsche Richtung führt.

Dabei würde ein bisschen Punk ihnen selbst doch gar nicht schaden. Statt sich einfach so abwickeln zu lassen, könnten die Kriminalistendarsteller Jaecki Schwarz und Wolfgang Winkler doch selbst noch mal ein bisschen Stunk machen.


"Polizeiruf 110: Bullenklatschen", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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insgesamt 379 Beiträge
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1. Armes Deutschland
auswandererusa 12.02.2012
Kann es wirklich sein, dass nach 40 Jahren Tatort, dieser immer noch das kulturelle Gespraechsthema ist? Will wirklich irgend jemand behaupten dass wir nicht mehr koennen? Rund 8 Milliarden Euro fliessen jaherlich an die Oeffentlich Rechtlichen, und das Ergebnis ist noch immer Tatort, Lindenstrasse und (bis neulich - und vielleicht dann doch wieder) Wetten Dass! Aber ach, und ich werde mir hier sicher einigen Widerstand einholen, wenn ich es genau betrachte ist es mit der ganzen deutschen Kulturlandschaft so. Museen sind fast immer nur die Museen "grosser klassischer oder zeitgenoessischer Kuenstler. Als Juroren fuer: The Voice of Germany: NENA und die Fantastischen Vier. Im Film: Wim Wenders und Helmut Dietl. Moderatoren: Gottschalk, Jauch, und "ich setz mein verschmitztes Lachfalten Gesicht auf Pilawa". Im bevoelkerungsreichsten Bundesland (16Millionen) gibt es gerade mal 5 WDR Radiosender und dann noch semi-privates (d.h. zum grossen Teil vom WDR mit bestimmtes) Lokalradio das ueberall und den ganzen Tag auf allen Stationen die gleiche Playlist hat - und keiner regt sich auf. Keine Bewegung, kein Einfallsreichtum, aber auch kein Wunsch danach in der Bevoelkerung. Mir wird Angst und Bange das, wenn ich irgendwann zurueckkomme (ja schreiben sie nur: Bleib doch weg!!!) dass ich nicht geistig, aber doch kulturell verarme. Gerade mal Berlin scheint mir ein Ort der Hoffnung, aber sonst... wirklich Tatort? Hoher Anspruch? Weil man mal einen Braunfilter draufsetzt oder mal einen Gruenen. Weil man diesen Ermittler grob und leicht ironisch charakterisiert, waehrend jene haerter und scharfsinniger ist. "Leichendichte; blutig oder nicht; Satz fuer die TV Ewigkeit?" Das ganze Konzept gehoert in die Ewigkeit verbannt. Gebt endlich mal jungen Kuenstlern (ich weiss, das sind auch Schauspieler und Regisseure die diese Tatort Folgen drehen) eine Chance. Probiert aus. Hier drueben in den "fuerchterlichen USA" geht man in Cafes und 16 Jaherige lesen Gedichte vor und spielen Jazzgeige. Live Musik von voellig unbekannten Kuenstlern die wahnsinnig gute Lieder schreiben und nicht nur "In The Army now" covern. Kneipen mit Stand Up Comedy ueberall. (Und ich wohne nicht in NY). Auch wenn so einige das nicht werden wahrhaben wollen. Wir sind 80 Millionen Menschen. Das kann doch noch nicht alles gewesen sein. Meine Forderung geht also an Institutionen UND an meine Mitmenschen. Ach ja, und wirklich: Weg mit Joerg Pilawa.
2.
Karl_Lauer 12.02.2012
Zitat von auswandererusaKann es wirklich sein, dass nach 40 Jahren Tatort, dieser immer noch das kulturelle Gespraechsthema ist? Will wirklich irgend jemand behaupten dass wir nicht mehr koennen? Rund 8 Milliarden Euro fliessen jaherlich an die Oeffentlich Rechtlichen, und das Ergebnis ist noch immer Tatort, Lindenstrasse und (bis neulich - und vielleicht dann doch wieder) Wetten Dass! Aber ach, und ich werde mir hier sicher einigen Widerstand einholen, wenn ich es genau betrachte ist es mit der ganzen deutschen Kulturlandschaft so. Museen sind fast immer nur die Museen "grosser klassischer oder zeitgenoessischer Kuenstler. Als Juroren fuer: The Voice of Germany: NENA und die Fantastischen Vier. Im Film: Wim Wenders und Helmut Dietl. Moderatoren: Gottschalk, Jauch, und "ich setz mein verschmitztes Lachfalten Gesicht auf Pilawa". Im bevoelkerungsreichsten Bundesland (16Millionen) gibt es gerade mal 5 WDR Radiosender und dann noch semi-privates (d.h. zum grossen Teil vom WDR mit bestimmtes) Lokalradio das ueberall und den ganzen Tag auf allen Stationen die gleiche Playlist hat - und keiner regt sich auf. Keine Bewegung, kein Einfallsreichtum, aber auch kein Wunsch danach in der Bevoelkerung. Mir wird Angst und Bange das, wenn ich irgendwann zurueckkomme (ja schreiben sie nur: Bleib doch weg!!!) dass ich nicht geistig, aber doch kulturell verarme. Gerade mal Berlin scheint mir ein Ort der Hoffnung, aber sonst... wirklich Tatort? Hoher Anspruch? Weil man mal einen Braunfilter draufsetzt oder mal einen Gruenen. Weil man diesen Ermittler grob und leicht ironisch charakterisiert, waehrend jene haerter und scharfsinniger ist. "Leichendichte; blutig oder nicht; Satz fuer die TV Ewigkeit?" Das ganze Konzept gehoert in die Ewigkeit verbannt. Gebt endlich mal jungen Kuenstlern (ich weiss, das sind auch Schauspieler und Regisseure die diese Tatort Folgen drehen) eine Chance. Probiert aus. Hier drueben in den "fuerchterlichen USA" geht man in Cafes und 16 Jaherige lesen Gedichte vor und spielen Jazzgeige. Live Musik von voellig unbekannten Kuenstlern die wahnsinnig gute Lieder schreiben und nicht nur "In The Army now" covern. Kneipen mit Stand Up Comedy ueberall. (Und ich wohne nicht in NY). Auch wenn so einige das nicht werden wahrhaben wollen. Wir sind 80 Millionen Menschen. Das kann doch noch nicht alles gewesen sein. Meine Forderung geht also an Institutionen UND an meine Mitmenschen. Ach ja, und wirklich: Weg mit Joerg Pilawa.
tl;dr Gegenfrage: Warum den Tatort als Referenz für den gesamten Kulturbetrieb des Landes heranziehen? 16-jährige Gedichtvorträge und live Jazz gibt es auch in Köln, wenn man weiß wo. Es könnte sicher noch viel viel mehr geben, aber das es garnichts abseits des staatlich gefördert und Verordneten gibt ist auch nicht wahr.
3. wieso nicht?
PrettyHateMachine 12.02.2012
Einen Tatort mit den "Bremern" habe ich noch nie gesehen, bin gespannt. "Bizarres Szenario"? Immer gerne, Haupsache, es endet nicht wie "Das Dorf" Tatort: Das Dorf (http://de.wikipedia.org/wiki/Tatort:_Das_Dorf) damit konnte ich mich so gar nicht anfreunden. Ab und an ein schöner, grade durcherzählter Krimi ist schon was schönes am Sonntagabend ;-) @ auswandererusa yep, ich bin vollkommen kulturell verarmt, danke für Ihre Anteilnahme
4. Warum nicht ?
Skeptisch 12.02.2012
Zitat von sysopDer ARD-"Tatort" erzielt nach wie vor Spitzenquoten, die Fälle und Ideen scheinen den Machern einfach nicht auszugehen. Aber jeden Sonntag steht die Reihe wieder auf Prüfstand, denn die Erwartungen sind immer hoch. Ihr Urteil: Wie steht's aktuell um dem "Tatort"? Gediegen und spannend oder eher Durchschnitt?
Ich (Jahrgang 1946) sehe mir den Tatort regelmäßig an. Eigentlich "schon immer". Es gibt Gute und weniger Gute. Klar. Ist wohl auch Geschmackssache. Im Vergleich zu den amerikanischen Krimiserien der Privatsender , wo hauptsächlich action, bum-bum, viel Blut und Leichen und natürlich Sex vorherrschen, eine gute Alternative, wenn man Krimis mag. Den heutigen werde ich mir nicht anschauen, die Besprechung darüber hat mir gereicht. Denn ein Krimi sollte schon ein Krimi bleiben und nicht in ein Psycho-Drama ausarten. Obwohl ich dieses Tatort-Duo ansonsten mag, vor allem Lürsen.
5. zzzzZZZzzzz
interference 12.02.2012
Das beste am TATORT ist bekanntlich der skandinavische Krimi irgendwann danach …
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Zum Autor
Saima Altunkaya
Christian Buß, Jahrgang 1968, ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden noch so schlechten "Tatort". Doch der TV-Krimi ist für ihn nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit. Wer wissen will, wie das Land tickt, der kommt um den "Tatort" nicht herum.