Von Mathias Zschaler
So schnell kann es gehen. Kaum hatte man sich nach den zurückliegenden Wochen mit der nervigen Daily Soap aus dem Schloss Bellevue auf ein neues Drama namens "Präsidentenkür samt Koalitionskrach" eingestellt - da war es auch schon wieder vorbei. Stattdessen wurde dem Wahlvolk und mithin auch Talkmaster Günther Jauch ein fertiges neues Staatsoberhaupt präsentiert. Diese Überraschung musste erst einmal verdaut werden, um aber ziemlich schnell einer anderen Emotion zu weichen. Und zwar einer großen Erleichterung. Entsprechend klangen auch die Politikerworte bei Jauch. Das war, so könnte man sagen, ein regelrechtes Jauchzen über Gauck.
Gelegentlich hatte man den Eindruck des Erhabenen, ja Salbungsvollen, das selbst in drei Metern Abstand vom Bildschirm noch mit Händen zu greifen schien. Ein paar Weihrauchkörnchen weniger hätten es auch getan - schon wegen des Verdachts, dass in dieser ganzen präsidialen Affäre ja immer auch und bis zum guten Schluss so einiges an Taktiererei bis an die Grenze zur Heuchelei im Spiel gewesen sein dürfte.
Das wurde dann auch zumindest indirekt entlarvt. So bekannte Wolfgang Bosbach von der CDU in erfrischender Offenheit, dass er seinerzeit den Kandidaten Wulff aus voller Überzeugung gewählt habe - und dass er es damit nun im Falle des neuen Wunsch-, Konsens- und überhaupt Idealpräsidenten Joachim Gauck ganz genauso halten werde.
Ulrich Wickert ist glücklich
Die SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles, die ihre von erheblicher Selbstzufriedenheit kaum zu unterscheidende Genugtuung über den späten Triumph sehr deutlich zur Schau trug, schaffte es gar nicht erst, die schöne, harmonische, überparteiliche Stimmung längere Zeit durchzuhalten. "Die Kanzlerin ist umgefallen", befand sie bereits, während andere noch mit dem Bekunden des eigenen Gefühlsüberschwangs beschäftigt waren. Das lief etwa bei Ulrich Wickert auf das Bekenntnis hinaus: "Ich bin glücklich." Später setzte Nahles noch eins drauf und konstatierte gnadenlos, dies sei "der Tag einer großen Niederlage für Frau Merkel".
Nachdem bis dahin aber bereits sehr häufig solche hehren Formulierungen wie "Versöhnung zwischen Bürgern, Parteien und Parlamenten" (Hildegard Hamm-Brücher), "Rückgewinnung von Vertrauen" (alle), "Schließen der Kluft" (Nahles) verwendet sowie jede Menge ausschließlich lobende Worte über Herrn Gauck gesprochen worden waren, wirkten die kleinen Abstecher in die Niederungen des Parteienalltags nicht einmal übermäßig pietätlos. Vor allem der gern etwas widerborstige CDU-Veteran Heiner Geißler ließ es sich nicht nehmen, darauf hinzuweisen, dass es auch diesmal wieder selbstverständlich in hohem Maße um Partei- und Koalitionsinteressen gegangen sei. Dass es ausgerechnet die FDP war, die dafür sorgte, dass der Kandidat Gauck so relativ prompt geliefert werden konnte, dürfte ihn besonders gefuchst haben. Die FDP mag er bekanntlich gar nicht.
Zur allseits gefeierten Personalie selbst hatte der christdemokratische Attac- und Grünen-Sympathisant aber auch noch stirnrunzelnd das Seine anzumerken. Beispielsweise, dass Gauck sich ja nun kritisch über die Occupy-Bewegung geäußert habe. Und mit dem "Freiheit in Verantwortung"-Credo des einstigen DDR-Bürgerrechtlers sei das auch so eine Sache. Weit eher als die Freiheit sei schließlich heute die Solidarität bedroht. Ob eine alleinerziehende Mutter in Kreuzberg viel mit der Gauck'schen Freiheit anfangen könne, sei jedenfalls die Frage. Mehr als ein gegrummeltes "Zufrieden" war Geißler an Beifallsbekundung nicht zu entlocken.
Hübsches Bonmot von Hildegard Hamm-Brücher
Zusammen mit Frau Hamm-Brücher unternahm er dann noch einen längeren Ausflug in jene höheren Gefilde, in denen sich der Blick für das große Ganze weitet. Zunächst ging es dabei um neue Formen der Bürgerbeteiligung nicht nur bei der Präsidentenwahl, sondern um eine grundlegende Neuordnung der Bürgergesellschaft als "dritte Dimension". Dafür war auch die liberale, aber inzwischen längst FDP-ferne Grande Dame mit Verve.
Von dort gelangte man anschließend irgendwie auch noch in die allerhöchsten Regionen, nämlich ins Spirituelle und zu der Überlegung, ob vom neuen Präsidenten zu erwarten und erhoffen sei, dass er neben allem anderen auch das Bedürfnis nach diesem zu erfüllen habe, als eine Art Staatsheiliger. Das blieb dahingestellt. Doch immerhin ist es ja so, wie Jauch anmerkte, dass es sich bei dem künftigen Präsidenten, ebenso wie bei der Kanzlerin, um einen Protestanten aus Ostdeutschland handelt, einen Pfarrer zudem, so dass die BRD eine ostdeutsche protestantische Doppelspitze haben wird.
Als Problem für das westdeutsche Gemüt mochte das aber keiner empfinden. Geißler nutzte vielmehr die Vorlage, um zu einem Exkurs über die "zunehmende Bedeutungslosigkeit des politischen Katholizismus" auszuholen, der indes im Ansatz steckenbleiben musste, weil der Talkmaster meinte, man komme jetzt wohl ein bisschen zu sehr vom Thema ab.
Vielleicht würde es einstweilen genügen, die Vorzüge des nächsten Amtsinhabers gegenüber dem bisherigen in solch dezidiert profaner Weise auf den Punkt zu bringen, wie das mit einem wirklich hübschen Bonmot Frau Hamm-Brücher gelang: "Erstens, er bringt keinen eigenen Pressesprecher und Berater mit, und zweitens hat er keine Geldnot."
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