"Doctor's Diary"-Macherin: "Männer haben immer noch Probleme mit starken Frauen"

Neue RTL-Serien: Doc meets Dorf meets Vorzimmer Fotos
RTL

Seit dem Erfolg von "Doctor's Diary" gilt Steffi Ackermann als eine der besten Serienproduzentinnen Deutschlands. Zum Start ihrer neuen Serie "Doc meets Dorf" erklärt sie, welche Freiheiten RTL bietet, warum wir nicht immer mit dem US-TV vergleichen dürfen und wieso ihre Landärztin Highheels trägt.

SPIEGEL ONLINE: Frau Ackermann, was ist Ihre deutsche Lieblingsserie?

Ackermann: Ich mochte verschiedene Serien für das, was sie geleistet haben und für die Zeit, in der sie entstanden sind. Während meines Studiums an der Filmakademie war das zum Beispiel "Berlin, Berlin", später auch "Türkisch für Anfänger" und "Verliebt in Berlin".

SPIEGEL ONLINE: Alles ältere Produktionen. Können Sie verstehen, wenn sich die Zuschauer über deutsche Serien beschweren?

Ackermann: Natürlich. Als Fernsehmacherin weiß ich aber auch, warum die Serien sind, wie sie sind - und muss sagen, dass es sehr schwer ist, gute Serien zu machen. Dafür gibt es kein Patentrezept. Auch in den USA wird jede Menge Ausschuss produziert, von da erreicht uns nur die Crème de la Crème.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrer neuen Serie "Doc meets Dorf" geht eine topausgebildete Herzchirurgin zurück in ihr Heimatdorf, um dort als Landärztin zu arbeiten. Mit "Doctor's Diary" haben Sie schon mal eine Arztserie produziert, außerdem sind ländliche Settings keine Seltenheit bei deutschen Serien. Was hat Sie an der Geschichte gereizt?

Ackermann: Ich wollte gern noch mal ein medical drehen, aber mehr rauskommen und andere optische Reize einbinden können. Außerdem finde ich, dass man Land moderner erzählen kann, als es im deutschen Fernsehen der Fall ist.

SPIEGEL ONLINE: Was heißt moderner? Dass das Dorf, in dem die Serie spielt, moderner ist? Oder dass Sie schneller und schräger erzählen und die Hauptfigur flucht?

Ackermann: Wir wollten vor allem einen besonderen Look. Ich finde ja übrigens gar nicht, dass "Doc meets Dorf" so schräg ist, aber in der Marktforschung haben wir von Anfang an polarisiert - auch entlang einer Alterslinie. Ab 40 Jahren wird unsere Tonalität deutlich weniger akzeptiert.

SPIEGEL ONLINE: Was hatten die Testseher auszusetzen?

Ackermann: Es ist leider immer noch so, dass Männer Probleme mit einer starken Frauenfigur haben, wie sie unsere Fritzi Frühling ist. Bei Frauen ab 40 nahm außerdem die Akzeptanz für ihre fluchende Ausdrucksweise und die krasseren Erlebnisse deutlich ab.

SPIEGEL ONLINE: Was soll ich als Zuschauerin mit der Hauptfigur anfangen - einer hochattraktiven Chirurgin, die übers Land stöckelt und sich nicht zwischen zwei muskulösen Männern entscheiden kann?

Ackermann: Als allererstes soll die Hauptfigur unterhalten. Ich denke auch nicht, dass man sich als Frau automatisch jede Sekunde mit der weiblichen Hauptfigur identifizieren muss, solange es Momente gibt, in denen sie mich richtig packt. Ich finde mich zum Beispiel auch in ihrem Ex-Freund wieder, der immer wieder Konflikte mit ihr hat. Wenn eine Figur etwas sperriger ist, braucht es aber auch etwas Zeit, bis man sich identifizieren kann. Ein bisschen Geduld also bitte.

SPIEGEL ONLINE: Von einer sperrigen, herausfordernden Frauenfigur ist Fritzi Frühling nun wirklich weit entfernt, wenn man US-Serien wie "Girls" zum Maßstab nimmt.

Ackermann: Klar, aber "Girls" läuft auch nicht in der Primetime bei einem frei zu empfangenden Sender. Wenn ich bei "Doc meets Dorf" von sperrig rede, tue ich das nur im Zusammenhang mit dem Mainstream-Fernsehen.

SPIEGEL ONLINE: Warum wollen Sie für den Mainstream erzählen?

Ackermann: Fernsehen ist für mich das Medium, das dazu da ist, möglichst viele Zuschauer zu erreichen. Darum ist mir eine Mainstream-Ansprache sehr wichtig. Irgendwann werden wir aber auch die Nische für die Arthouse-Serie haben.

SPIEGEL ONLINE: Was für Sehgewohnheiten setzen Sie bei Ihren Zuschauern voraus? Welche Serien kennen sie, welche mögen sie?

Ackermann: Auf dem Sendeplatz können wir auf wenig Vorbestehendes aufbauen. Dort lief vorher "CSI" und sonst "Alarm für Cobra 11", da wird sicher einige Bewegung stattfinden. Die größte Chance ist es, die Zuschauer von "GZSZ" zu begeistern. Unser Zuschauer liebt deutsche, aber auch internationale Comedy- und Drama-Serien mit hohem Timing und schaut sich aber auch heimische Komödien im Kino an.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben als Produzentin auch Kinofilme wie "Jesus liebt mich" betreut. Warum machen Sie Serien, wenn die von den Sendern oft stiefmütterlich behandelt werden?

Ackermann: Ich kann mir gut vorstellen, wieder einen Kinofilm zu produzieren. Mich reizt aber zurzeit Fernsehen am meisten, weil ich einen großen erzählerischen und gestalterischen Spielraum habe.

SPIEGEL ONLINE: Sind die Freiheiten wirklich so groß? "Der Tatortreiniger" kam bei seinem Heimatsender NDR erst gar nicht gut an, an vier Folgen "Lerchenberg" hat das ZDF fast drei Jahre herumgedoktert.

Ackermann: Die zwei Formate hatten es, soweit ich das beurteilen kann, schwer, weil sie für keinen speziellen Sendeplatz vorgesehen waren und deshalb rumgeschoben werden konnten. Hat ein Sender einen Sendeplatz zu füllen, geht es mit der Umsetzung in der Regel deutlich schneller.

SPIEGEL ONLINE: Ist Freiheit eine Frage von öffentlich-rechtlich oder privat?

Ackermann: Nein, das glaube ich nicht. Ich sehe überall noch große Potentiale für Serien. Die internationale Entwicklung, dass Serien immer wichtiger fürs Fernsehen werden, ist ja noch gar nicht richtig bei den deutschen Sendern angekommen.

SPIEGEL ONLINE: Aber wie kann es sein, dass kleine Länder wie Dänemark weltweit beachtete Serien hinkriegen?

Ackermann: Die Vorliebe für Serien ist sicherlich auch eine Generationenfrage. In deutschen Sendern sitzen immer noch viele Redakteure, die glauben, sie müssten Fernsehen für andere machen und nicht für sich. Dadurch wird die Ansprache unpersönlich und unspezifisch, und die Zuschauer werden im Zweifelsfall unterschätzt. Im Fall von Dänemark ist die überschaubare Größe wahrscheinlich ein Vorteil: Projekte lassen sich anders umsetzen, sie finden meist unterhalb des Radars statt. Außerdem wird in Dänemark den Autoren sehr viel Freiheit gegeben - das ist etwas, das mir auch sehr wichtig ist.

SPIEGEL ONLINE: Wenn über die fehlende Qualität von deutschen Serien geredet wird, heißt es oft: Die brauchen wie in den USA einen Writer's Room, um die Stärken von verschiedenen Kreativen besser zu nutzen - und einen Showrunner, der den Prozess überwacht. Warum arbeiten Sie nicht so?

Ackermann: Bei "Doctor's Diary" habe ich zusammen mit Autor und Creative Director Bora Dagtekin durchaus wie ein Showrunner gearbeitet. Ebenso eng habe ich diese Arbeitsweise mit Miriam Rechel bei "Doc meets Dorf" fortgesetzt. Was den Writer's Room betrifft, kommt es darauf an, wie viele Folgen vom Sender bestellt werden. Von "Doc meets Dorf" hat RTL acht Folgen in Auftrag gegeben. Da scheint mir ein Writer's Room nicht der effizienteste Ansatz, weil bei der Abstimmung unter den Autoren meines Erachtens auch viel Energie verloren geht. Bei umfangreicheren Staffeln würde ich aber in jedem Fall einen Writer's Room einrichten.

SPIEGEL ONLINE: Bei RTL haben es deutsche Serien jahrelang sehr schwer gehabt. Nun starten neben "Doc meets Dorf" noch zwei weitere Serien - aber auch nur in Mini-Staffeln. Ist die Gefahr nicht groß, dass die Serien vorbei sind, bevor sich ein Stammpublikum bilden kann?

Ackermann: Ich finde die Bündelung sinnvoll, weil sie Aufmerksamkeit auf alle drei Serien lenkt und RTL schauen kann, was von den verschiedenen Tonalitäten her am besten funktioniert. Allgemein wünsche ich mir natürlich mehr Kontinuität - dass es einen festen Sendeplatz gibt, an dem Serien laufen und der eine bestimmte Tonlage bedient.

SPIEGEL ONLINE: "Doc meets Dorf" wirkt wie "Doctor's Diary" oft gehetzt, bestimmte Geschichten und Figuren sind schnell auserzählt. Führen die kurzen Staffeln dazu, dass man Erzählstoff verpulvert?

Ackermann: Ich mag unser Tempo! Aber klar, man möchte so viel wie möglich unterbringen - schließlich weiß man ja nicht, ob es danach weitergeht. Andererseits weiß ich nicht, was für eine Serie "Doc meets Dorf" geworden wäre, hätten wir über 24 Folgen erzählen müssen. Wahrscheinlich hätten wir nicht so viel Gestaltungsfreiheit gehabt.

SPIEGEL ONLINE: Welche Quotenvorgaben müssen Sie für eine zweite Staffel erfüllen?

Ackermann: Eine bestimmte Zahl, die ich hier nicht nennen werde, dürfen wir nicht unterschreiten, das wäre ein klarer Misserfolg. Aber wenn die Quoten okay sind, würden verschiedene Faktoren mit hineinspielen: Wie die Kritiken sind, wie die Fans die Serie annehmen, wie oft es bei RTL NOW geschaut wird, wie die Interaktion auf unserer Facebook-Seite ist, wie die DVD, die kurz nach Staffelende erscheint, angenommen wird. Quote ist dann hoffentlich nicht alles.


"Doc meets Dorf" startet am 22. August um 20.15 Uhr auf RTL. Im Anschluss läuft die neue Comedy "Christine. Perfekt war gestern!" um 21.15 Uhr, gefolgt von der ebenfalls neuen Comedy "Sekretärinnen. Überleben von 9 bis 5" ab 21.45 Uhr.

Das Interview führte Hannah Pilarczyk

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1.
niska 22.08.2013
Zitat von sysopSeit dem Erfolg von "Doctor's Diary" gilt Steffi Ackermann als eine der besten Serienproduzentinnen Deutschlands. Zum Start ihrer neuen Serie "Doc meets Dorf" erklärt sie, welche Freiheiten RTL bietet, warum wir nicht immer mit dem US-TV vergleichen dürfen und wieso ihre Landärztin Highheels trägt. Produzentin Steffi Ackermann über neue RTL- Serie Doc meets Dorf - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/produzentin-steffi-ackermann-ueber-neue-rtl-serie-doc-meets-dorf-a-917336.html)
Hört sich für mich schon sehr, sehr stark nach 'Hart of Dixie' an. Wann werden die deutschen Medienkreativen mal selbst kreativ?
2. Ich als Mann habe andere Probleme
Stauss2 22.08.2013
Ich habe -wenn überhaupt- ein Problem mit meiner starken Figur. :-) Nehmt euch man nicht so wichtig, ihr schönere Menschheitshälfte.
3. Gut gemeint
caecilia_metella 22.08.2013
Mich stört es aber, wenn Frauen, die Gewalt der dümmsten Männer kritiklos mitspielen oder sogar mit ihnen wettstreiten, als starke Frauen bezeichnet werden.
4. Kein Problem
cor 22.08.2013
Kein Problem mit starken Frauenfiguren. Aber mit schlechten Serien.
5. Hoffentlich nicht noch eine Zicke
twister-at 22.08.2013
In den Serien könnte man meinen, dass die Regiesseure und Drehbuchschreiber allesamt Frauenfeinde sind. Die Frauen sind unkooperativ, zickig, egoistisch bis egoman, sie sind teamunfähig, haben nur ihren persönlichen Ballast im Kopf und nerven durch monk-artige Schrullen al a "oh, ich bring mal meine nierenkranke Katze mit zum Tatort und verunreinige den damit, macht doch nichts, oder?" Bedenkt man, dass eine Vielzahl der Frauen ja durch Blut, Schweiß und Tränen kraxeln, Tatorte besichtigen oder schnell laufen muss, sind die High Heels ja im Büro noch annähernd nachvollziehbar, ansonsten sind aber die Kostümchen plus High Heels eher ein Lacher und zeugen von der Ansicht "ich mach nur starke Sprüche, den Rest sollen die anderen machen"
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Zur Person
  • UFA FICTION
    Steffi Ackermann, Jahrgang 1975, ist Produzentin bei der Ufa Fiction, ehemals teamWorx. Ihre Serie "Doctor's Diary" (2008 - 2011) wurde u.a. mit dem Grimme-Preis sowie mehrfach mit dem Deutschen Fernseh- und Comedypreis ausgezeichnet. Ackermann studierte an der Filmakademie Baden-Württemberg Produktion und zeichnete für die Kinofilme "Früher oder später" (2007) und "Jesus liebt mich" (2012) verantwortlich. "Doc meets Dorf" (22. August, 20.15 Uhr, RTL) ist ihre zweite TV-Serie.