"Promi Big Brother" "Ich will meine Zigaretten! Ich will mein Vermögen!"

"Promi Big Brother" hat wieder angefangen, und schon lassen die Insassen tiefe Zweifel an ihrer Eignung als Trash-TV-Personal aufkommen. Vielleicht gibt es für sie und das Genre wirklich nur noch eine Rettung.

SAT.1/ Willi Weber

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Sorry schon mal, wenn auf diesen Seiten sehr bald Werbung für ein umfangreiches Crowdfunding aufpoppt, aber es wird nun wirklich allerhöchste Zeit, eine Akademie für Trash-Personal zu gründen. An diesem Institut von allerhöchster Schmandigkeit gäbe es nicht nur ein eigenes Unterrichtsfach dafür, künftigen Trash-TV-Teilnehmern Varianten der immergleich schlecht gelogenen Schein-Motivationsfloskel "Ich will, dass die Zuschauer hier endlich sehen, wie ich wirklich bin" einzubimsen. Sie würden vor allem vor ihrer Teilnahme an einem Format erst einmal anhand niedrigschwelliger Unterrichtsmaterialien (Schautafeln, Singspiele, vergleichende Tierdokumentationen) ausgiebig erarbeiten, was sie dort genau erwartet.

Immer wieder überraschend, dass Menschen, die bei solchen Sendungen mitmachen wollen, genau diese Art von Fernsehen offenbar gar nicht selbst anschauen! Absolventen und Absolventinnen der Trash-TV-Akademie wären jedenfalls nicht mehr überrascht davon, dass das Dschungelcamp im Dschungel stattfindet, würden Heidi Klum beim Umstyling mit kalter Metzgershundschnauze fragen, ob es an den Seiten bitte noch etwas kürzer geht - und würden gottverdammt ihren Schlafsack nicht vergessen, wenn sie bei "Promi Big Brother" mitmachen und direkt vor dem Auszug die paar Habseligkeiten aussuchen, die sie ins Haus mitnehmen dürfen.

Die schon hundertstaffelfach gesehenen Szenen, das atemlose Bestaunen des Reichenbereichs, der bei Licht betrachtet doch nun wirklich nicht viel mehr als Möbelhaus-Showroom-Grandezza versprüht, das Geschrei über das Dixi-Klo und die anderen Ungemach-Schikanen im Armenbereich, die einen doch nun wirklich nicht überraschen können, wenn man dieses Format auch nur einmal, mit einem halben Auge, im Amarula-Rausch gesehen hat - das nervte bei der Auftaktfolge von "Promi Big Brother" auf Sat.1 am meisten. Dass man bei jedem dieser Trash-Dinosauerierformate immer wieder bei null anfangen muss!

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"Promi Big Brother": Und tschüss!

Chapeau allerdings an Fürst Heinz von Sayn-Wittgenstein, der seine mangelnden Milieustudien immerhin zum besten Auszugsgrund aller Zeiten modellierte: Er verließ den dieses Mal als "Baustelle" gestalteten Elendsbereich und damit das Format schon vor der Eröffnungsshow, weil er unter keinen Umständen Wasser trinken wollte: "Wasser ist für mich zum Hinternputzen!" Nun hätte man ihm, wie unter Adligen so üblich, gern zugerufen, wenn er kein Wasser trinken kann, solle er eben Champagner trinken, der ist auf der Baustelle aber leider nicht verfügbar.

Das Prä-Auszugs-Gezeter von Fürst Heinz - "Ich will meine Kreditkarte, ich will meine Zigaretten, ich will mein Vermögen!" - war jedenfalls endlich mal wieder eine Anregung für eigene Trotzanfälle im Alltag. Ruhig öfter mal wutschnaubend ankündigen, sich jetzt sofort im "Breidenbacher Hof" ein Zimmer für 4000 Euro zu reservieren! Telefonisch!

Was am zweitmeisten nervte: Dass neun der Kandidaten bereits seit Tagen auf besagter "Baustelle" schmorten und man nur drei Personen beim ungelenken Einzug ins Haus live zuschauen konnte. Gerade dieser Akt des Einzugs, die ersten überforderten Schritte im sogenannten Container, produzierten ursprünglich doch mal die ikonischen Bilder, die "Big Brother" bei allen Epigonenshows stets exklusiv hatte.

Dass diese Szenen immer noch funktionieren, zeigte der Live-Einzug von Vielfachmutter Silvia Wollny. "Jalla, jalla, der Papst kommt!", murmelte sie vor sich hin, als sie unsicher durch den Pressspantunnel tappte, zog - tatsächlich rührend! - die Schuhe aus, als sie zum ersten Mal den Reichenbereich betrat: "Dat is ja Luxus pur, hömma!". Noch schöner wurde es, als dann noch die beiden anderen Live-Einzüglinge Cora Schumacher und der noch amtierende "Bachelor" Daniel Völz einzogen und man offensichtlich jeweils nicht die geringste Ahnung hatte, wer der andere war. Oder, um es mit Silvias nachfragenden Worten bei Daniel zu sagen: "Die Cora - ist das jetzt diese YouTuberin?"

Gummipenishörnchen als Luxusgegenstand

Diese YouTuberin, Katja Krasavice, saß derweil im Elendsbereich und fellationierte eine Banane. Vermutlich hatte man sie schon vor Tagen ins Haus verfrachtet, damit sie gemäß ihrer Rolle schon mal einen kleinen Vorrat Schlüpfrigware produzierte, die man dann in der Einzugsshow zeigen konnte. Katja lieferte, natürlich. Sie wählte einen Haarreifen mit wippig fixierten Gummipenishörnchen als Luxusgegenstand, bemängelte, dass ihr Vibrator nicht mitdurfte und plapperte mit Chethrin Schulze, Ex-"Curvy Supermodel" und "Love Island"-Kandidatin, auftragsgemäß über Bumsbelange: "Das Ding ist, ich habe sogar mit Leuten aus Mitleid Sex." Rätselhaft bleibt nur, warum man in ihrem Vorstellungsfilmchen das Wort "blasen" auspiepte, die Zeile "Ich will, dass du mich leckst, Babe" aus ihrem Lied "Sextape" aber unzensiert laufen durfte.

Es war nicht das einzige Rätsel. Kam das einem nur so vor, oder war die Grenzöffnung zwischen Arm und Reich tatsächlich eine Parodie auf die Maueröffnung? Schließlich salbaderte die blecherne "Big Brother"-Stimme so salbungsvoll "Seht eine andere Welt! Eine Welt mit Champagner statt Strapazen. Eine schöne Welt, in der man schön sein darf!" Und woher hatte Johannes Haller, "Ja Wahnsinn"-Ex-"Bachelorette"-Sprechpuppe mit begrenztem Schallplattenlieferumfang, am zweiten Tag eigentlich das Brokeback-Mountain-Lagerfeueroutfit, das, wenn man sich recht erinnert, doch gar nicht zu seinen ursprünglichen Mitbringartikeln gehörte?

Schade auch, dass man die Zuschauer noch nicht mit dem etwas komplizierten Beziehungsgeflecht vertraut gemacht hat, in dem Johannes, Daniel und Chethrin stehen: Johannes ist inzwischen nämlich mit Ex-"Bachelor"-Teilnehmerin Yeliz (nicht im Haus) liiert, die an Daniels Staffel teilnahm und ihm seinerzeit die Ohrfeige applizierte, als er sie trotz vorangegangener Knutscherei aussortierte. Und Daniel und Johannes sollen angeblich beide eine Affäre mit Chethrin gehabt haben. Man kann nur hoffen, dass "Promi Big Brother" dieses Mal beim Storytelling nicht ebenso gnadenlos versagt wie in der vergangenen Staffel, als man sich selbst zusammenreimen musste, wie übel Sarah Knappik da tatsächlich von den anderen gemobbt wurde.

"Bei uns gibt es in jedem Fall die unterschiedlichsten Kackterien"

Personalmäßig wurde jedenfalls dafür gesorgt, dass es scheppern könnte, auch dank Kandidaten wie Zehnkämpfer Pascal Behrenbruch, der sich selbst als "Alphatier" bezeichnet und als Hauptinteressen "Gewinnen" angibt, und dem dauerlachenden "Deutschland sucht den Superstar"-Gewinner Alphonso Williams, der mit seinen Heiterkeitsausbrüchen schon nach ein paar Tagen die feine, aber scharfe Bastelsäge an die Nerven der Mitinsassen anlegte.

"Bei uns gibt es in jedem Fall die unterschiedlichsten Kackterien", sagte Moderatorin Marlene Lufen, und man kann nicht hundertprozentig sicher sein, ob das wirklich ein "Charaktere"-Versprecher war oder doch eine neue, poppige Umschreibung für bazilloide Mikroorganismen, die Durchfall verursachen, was wiederum eine mindestens originelle Bezeichnung für die Hausinsassen wäre.

Am Ende empfahl sich Schauspielerin Nicole Beistler-Boettcher schon einmal dringend als zwangseinzuschreibende Trash-Akademie-Schülerin: Sie weinte, weil sie nach ein paar Tagen auf der "Baustelle" etwas verschmuddelt war und nicht wollte, dass ihre Kinder sie so sehen. "Jeder, der sich entscheidet, zu uns zu kommen, hat größten Respekt verdient", sagte Moderator Jochen Schropp dazu. Ethik wird an der Akademie übrigens nicht gelehrt werden.



insgesamt 34 Beiträge
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Hoppla! 18.08.2018
1. da ist die rützel wohl kurz weggenickt :)
Der Kackterienspruch kam von Mutti Wollny und die Marlene hat ihn dann nur wiederholt damit alle noch mal was zu lachen haben.
Cotti 18.08.2018
2.
Die "Kackterien" gingen nur auf das Gestammel von der Wollny zurück. Ein bisschen aufpassen muss man schon, wenn man Milieustudien betreibt.
cirus27 18.08.2018
3. ach anja
ist es wieder soweit? na dann paß mal gut auf und schreib, schreib, schreib... (ensuciar papeles, wie der argentinier sagt)
arkeid 18.08.2018
4. Zeitlebens Lebenszeit
Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, kostbare Lebenszeit zu vergeuden. Trash-TV ist eine modernere Variante, dies zu tun. Bedaure ich die Autorin nun, weil sie sich das anschauen musste (?), um Kommentare für ihren Arbeitgeber zu schreiben? Oder freue ich mich für sie, weil sie immerhin Geld dafür bekommt? Ehrlich ratlos. Ihr Artikel hatte mich allerdings neugierig gemacht.
browserhead 18.08.2018
5. Danke!
Das ist wirklich sinnvoller Journalismus: Frau Rützel recherchiert endlose Fernsehstunden unter intellektuellen Extremstbedingungen um mich Ignoranten doch mit einer sehr eindrucksvollen Schilderung am Geschehnis in dieser Parallelwelt teilhaben zu lassen. Das hat mir viele Stunden tele-un-gener Ödnis erspart, und ich bin trotzdem voll gebrieft. Einige Fragen hätte ich noch: - Wer ist denn Cora jetzt, wenn nicht die You-Tuberin? - Der Sayn-Wittgenstein, ist das nicht der Pinkelprinz? Wo schlägt denn der jetzt seinen Schampus-Harn ab? Im Breidenbacher Hof oder im nächsten Dschungel-Camp? - Und warum wartet der Sender noch mit der Reunion von Jürgen und Zlatko? Glauben die, dass das Format noch die zwei Jahre bis zum 20. Jubiläum durchhalten kann? Diese Fragen möchte ich unbedingt demnächst bei SPON geklärt haben, aber soweit erst mal Danke!
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