Finale von "Promi Big Brother" Prost, du Sau!

Auch abgebrühteste Trash-Freunde atmen erleichtert auf: Das fies verhunzte "Promi Big Brother" 2017 ist endlich vorbei. Mit Jens Hilbert gewinnt ein verhuschter Millionär - doch die wahre Siegerin ist Rachegöttin Knappik.

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Als zum dritten Mal in den Container geschaltet wird, wo die verbliebenen vier Finalisten wie Starrpantomimen aus der Fußgängerzone bewegungslos auf dem Sofa sitzen (nur nicht golden angestrichen), lauscht man, ob nicht doch langsam hupend der Laster vor dem eigenen Haus vorfährt.

Der Laster mit all dem ungesendeten Filmmaterial der vergangenen zwei Wochen, aus dem man sich kurz vor dem Ende dann in Gottes Namen eben selbst die "Promi Big Brother"-Version zusammenschneiden könnte, die man als wohlwollender Zuschauer verdient hätte. Mit all der Sorgfalt und Liebe, die man dem Format schuldig gewesen wäre. Notfalls eben mit der eigenen Nagelschere.

Denn auch die Finalsendung ändert nichts daran, dass die diesjährige Ausgabe, die darum auch gut die letzte überhaupt sein könnte, ein Debakel war. Hingeschluderte Charakterentwicklung, Schnittgulasch, Storytelling-Coitus-interruptus in Serie. Von den Schwundmoderationen der beiden "Jochis", die so redundant waren wie ihr gedoppelter Name, will man gar nicht erst anfangen.

"Ich habe meinen Kern geöffnet"

Am Ensemble der Container-Class of 2017 kann es dabei eigentlich nicht gelegen haben, denn rückblickend war da doch viel Schönes dabei. Claudia Obert, die herrlich suffselige Gender-Benderin, die mit wunderbarer Selbstverständlichkeit Geschichten aus der Weener-Wald erzählte und zeigte, dass es eben immer noch einen Unterschied macht, ob ein Mann oder eine Frau von seinen Fummeltrophäen erzählt.

Körperkünstlerin Milo Moiré, deren Endbilanz "Ich habe meinen Kern gezeigt und mich geöffnet" sowohl anatomisch wie emotional zutreffend ist. Der arme, reiche Junge Jens Hilbert, Enthaarungsmillionär, der doch, schnief, auch nur geliebt werden will: "Hier sitzt der Junge aus der vierten Klasse, und ich habe das Gefühl, hier drin endlich im Völkerballteam angekommen zu sein."

Es gab ein Klein-Doofchen, einen zweitklassigen Balzbock und natürlich einen blutdrucktreibend täppisch intrigierenden Bösewicht, den das Gros der Zuschauer wohlig crowdhassen konnte: "Maskenfrei, datt is der Willi", schmierenkölnerte sich Willi Herren durch sensationell schlecht gespielte Heulanfälle und vermeintlich tiefsinnige Bewohneranalysen. Zusammengefasst: alles da, was man sich als Reality-Trash-Produzent wünschen könnte.

Kurz vor Lämmerschlachtung

Leider fehlte dann doch das entscheidende Personal, um die Dramaturgen zum Jagen zu tragen, und das bis zuletzt. Warum zeigt man den verbliebenen Finalisten Willi, Dominik, Milo und Jens, während sie auf die Entscheidung warten, die harmlos-weichgespülten "schönsten Bilder" ihres Aufenthalts - und nicht die übelsten Doppelzüngigkeiten, mit denen Willi gegen sie schoss? Warum machen die Moderatoren im Studio ein Gruppenselfie, statt den von sich selbst besoffenen Willi Herren, der sich immer noch bei "Deutschland" für seine Finalteilnahme bedankte, mal mit ein paar saftigen Diss-Tweets zu konfrontieren?

So geriet die Finalsendung zu einem krampfig auf Harmonie glasierten Familienfest, bei dem man darauf wartete, dass irgendwem dann doch noch ein "Aber in Wahrheit hassen wir uns doch alle!" entfuhr. Einzig Sarah Knappik brillierte durch einen sagenhaft vereisten Studioauftritt, für den man ihr gerne eine General-Amnestie für all ihre weniger rühmlichen Trash-TV-Auftritte der Vergangenheit ausstellen würde.

Man hatte ihr ziemlich wahrscheinlich unrecht getan im Container. So genau war das bei der wirren Erzählweise der Zusammenfassungen ja nicht auszumachen, und so blieb sie nun starr auf ihrem Sofa sitzen, wenn die anderen jubelnd aufsprangen. Epochal ihr finster gemeißelter Gesichtsausdruck, wie eine ironisch in Weiß gekleidete Rachegöttin, die gleich einem ganzen Lämmerjahrgang die Kehlchen durchschneiden würde.

Twitter schluchzt mit

Daneben verblassten alle anderen halbschönen Momente des Finales: die Freud'schen Versprecher der drei Mit-Finalisten, die Willi Herren bei der letzten Partynacht im Container auf sein "Prost, ihr Säcke" mit "Prost, du Sau!" antworteten. Die verzweifelte Schönheit der Szene, in der sich Jens kurz vor der Siegerverkündung seine schweißnassen Achseln föhnte. Selbst Willis Auszug, der nur Dritter wurde, mit der Siegesprämie nun also doch nicht seine Steuerschulden tilgen kann und ausgerechnet Milo und Jens unterlag, den beiden, gegen die er intrigierte.

Am Ende gewinnt Jens, der noch ein Weilchen alleine im "Nichts" warten muss und dabei in seinem rosa Anzug aussieht, als wären ihm die anderen Teile seiner mittelprächtigen Hochzeitscoverband mit den Brautjungfern durchgebrannt. "Wo ist denn mein Klobürschtebechä?", rief der Odenwälder zum Schluss - ein würdiger Sieger. "An alle Selbstzweifler, an alle Versager: Ihr seid keine Versager, denkt an mich! Geht euren Weg!", schluchzte er dann bei seiner Ehrung im Studio in die Kamera, und halb Twitter schluchzte verständnisvoll mit.

"Niemand, der dieses Haus verlässt, wird danach derselbe sein. Und doch ist er eines: er selbst", dröhnte zum Abschluss die Big-Brother-Stimme, die ihre Kommentare im Finale zu unangenehmen Wortgottesdienst-Beiträgen ausdehnte. Ist das nun wahrhaftig das Ende dieses Formats? Vielleicht sollte man wirklich aufhören, wenn's am schlimmsten ist.



insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
haiti 26.08.2017
1. Überflüssige Sendung
Ich komm mir vor wie in einem Science Fiction. Menschen werden von existentiellen Problemen abgelenkt, indem sie im Fernsehen diesen unglaublichen Mist vorgesetzt bekommen. Klar, man muss das nicht anschauen. Aber es ist ja kaum besser bei anderen Sendern. Wer anspruchsvollere TV- Unterhaltung möchte, muss suchen und lange wach bleiben. Wer macht das schon, wenn sie und er am nächsten Morgen ihren unterbezahlten Job nachgehen müssen.
davornestehtneampel 26.08.2017
2.
"in den Container geschalten wird", "Mit all der Sorgfalt und Liebe, man dem Format schuldig gewesen wäre", "Denn auch die Finalsendung ändert nicht daran", "Geschichten aus der Weener-Wald", "auf Harmonie glasierten Familienfest, bei der man darauf wartete" - Aua.
e.pudles 26.08.2017
3. Liebe Anja
Wieso habe ich dieses Jahr nur zwei Berichte von Ihnen lesen dürfen (oder hab ich etwa was verpasst). Heute haben Sie sich wieder mal in Ihrer zynischen, satirischen Schreibweise selbst übertroffen. Kann kaum warten dass es Januar wird und die Promis wieder nach Australien ins Camp reisen und Sie wieder zur Feder greifen.
huibuh101 26.08.2017
4. aus der Seele gesprochen, ähh, geschrieben
Liebe Frau Rützel, danke für diese wirklich grandiose Kommentierung. Sie haben sich (irgendwie) selbst übertroffen. Bin richtig ergriffen. (Dies waren ironiefreie Sätze). Vielen Dank - ich wünsche herzlichst ein erholsames Wochenende!
gila11 26.08.2017
5. Hab nur das tränenreiche Ende gesehen-
mehr davon hätte ich wohl nicht überlebt. Dass sich einige TV-Sender seit Jahren bemühen, das Niveau ihrer Sendungen immer weiter zu senken und damit auch das Bedürfnis nach anspruchsvoller Unterhaltung ihrer Zuschauer schrumpfen lassen, ist ja allgemein anerkannte Erkenntnis. Nun scheint mit diesem gequirlten Nonsens der Tiefpunkt erreicht zu sein. Nur das Gegröle des Publikums im Studio erreichte Dezibel-Höhepunkte. Fast so unerträglich wie in Quizsendungen bei ARD und ZDF. Der Sieger will seinen Gewinn spenden? Von einer Stiftung ist die Rede. Hat die Ankündigung einer so edlen Absicht etwa den Sprung aufs Siegertreppchen beflügelt? Bin gespannt, ob und was wir über die guten Taten etwas hören oder lesen werden.
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