Wahl-TV für Junge: Heidis Topmodel macht jetzt in Politik

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Wahl-TV: Lifestyle-Tipps und mehr Fotos
ProSieben

Ein Kanzlerkandidat im HipHop-Modus, Politiker auf Castingshow-Kurs: Das Fernsehen schmeißt sich an die Jungwähler ran. Die waghalsigsten Sendungen im Überblick.

Man kann sich gut vorstellen, wie sich Peer Steinbrück mit seinem Berater auf das Treffen mit dem Kölner Reggae-Star Gentleman vorbereitet, der ihn gleich für eine ProSieben-Sendung interviewt: Soll Steinbrück ihn beim Künstlernamen Gentleman nennen? Nein, klingt anbiedernd. Sehr geehrter Herr Otto? Besser nicht, zu staatstragend für eine Pop-meets-Politik-Sendung kurz vor Mitternacht. Lieber Tilmann? Oje, hört sich an, als wolle Steinbrück jovial einen aufmüpfigen Juso maßregeln.

Also bringt der SPD-Kanzlerkandidat, der es nach einigen Anlaufschwierigkeiten gelernt hat, sich in Wahlwerbesendungen etwas breiter aufzustellen, sicherheitshalber alle drei Namensvarianten in einem: "Das muss Gentleman Tilmann Otto sein!" Danach: fröhliches Shake-Hands. Puh, ersten Kontakt mit dem Jungwählermittelsmann überlebt.

Gentleman ist zur Berliner SPD-Zentrale gekommen, um Steinbrück für das ProSieben-Wahl-Warm-Up "Task Force Berlin" die Wünsche und Sorgen der jungen Leute vorzutragen. Auf der Straße, Jugendzentren und so. Am Ende bittet er Steinbrück, das SPD-Programm auf den Punkt bringen. Der verkündet: "Es geht darum, den Laden zusammenzuhalten. Jeder hat eine zweite Chance verdient."

Jugendsprech und Generationen-Clash

Da hört sich der Mann mit der randlosen Brille und der Vorliebe für einen guten, teuren Sancerre an, als ob er die letzten 20 Jahre als Streetworker in Hamburg-Billstedt malocht hat. Wahlkampf mit HipHop-Flair.

Irgendwie muss man ja rankommen an den Jungwähler. Und ihn an die Wahlurne zu bringen, ist ebenso schwer, wie mit ihm Quote im Fernsehen zu machen. Wahlsendungen liefen in der letzten Zeit generell schlecht - bei der Zielgruppe der jüngeren Zuschauer sogar desaströs. Diese Erfahrung musste auch Steinbrück machen, beim gemütlichen, exklusiven RTL-Wahltalk am Sonntag vor einer Woche fuhr er in dem Segment der 14- bis 49-Jährigen gerade mal 9,7 Prozent ein. Bei Angela Merkel war es an diesem Sonntag mit 16,3 Prozent allerdings sehr viel besser.

Hoffnungen für die Wahlsendungen der nächsten Wochen? Gleich eine ganze Reihe von Formaten geht jetzt an den Start, wo mit Jugendsprech, Crossmedialität und forciertem Generationen-Clash der Jungwähler, das unbekannte Wesen, gekobert werden soll.

  • Bei "Task Force Berlin" (ab Montag, 23.05 Uhr, ProSieben), wo auch Steinbrück seinen Streetworker-Auftritt absolviert, treten Starlets aus dem ProSiebenSat.1-Stall auf, um Politiker zu interviewen. Meint zum Beispiel: Nikeata Thompson, die krakeelende Choreographin der Castingshow "Got to Dance", duzt sich vor dem Berliner Tor mit Daniel Bahr durchs FDP-Programm und Rebecca Mir, Zweitplatzierte bei der sechsten "Topmodel"-Staffel, führt mit der intellektuellen Vorzeige-Piratin Anke Domscheit-Berg ein "Lifestyle"-Gespräch.

  • Mit "Überzeugt uns! Der Politiker-Check" (Montag, 22.30 Uhr, ARD) präsentiert das Erste stolz eine, wie es etwas steif im öffentlich-rechtlichen Idiom heißt, "trimediale Jugendsendung". Die Moderatoren sollen sich dafür umso lockerer geben. Für die 90-minütige Sendung wird alles, was im Senderumfeld unter 40 ist und als telegen gilt, aufgefahren: "Tagesthemen"-Jungspund Ingo Zamperoni und Digital-Allzweckwaffe Katrin Bauerfeind führen die Interviews, EinsPlus-Witzbold Pierre M. Krause versucht's noch mal mit Ironie. Und sogenannte Social-Media-Experten sollen die Stimme der Jugend direkt von Twitter und Facebook ins Studio tragen.

  • Bei "Wie wählt Deutschland?" (Donnerstag, 20.15 Uhr, ZDF) treten im besten ZDF-Unterhaltungsshow-Stil die Generationen gegeneinander an. Getestet wird Politikwissen. Auch beim Zweiten hat man eine gewisse Wahlmüdigkeit bei den Jungen entdeckt; der Wettkampfgeist soll sie nun vor den Fernseher treiben. Eine fast staatstragende Angelegenheit: Noch-ZDF-Moderator Jörg Pilawa darf den Wettstreit sogar direkt aus dem Plenarsaal des Bundestages dirigieren. Dass die prominenten Gäste Marie-Luise Marjan, die "Mutter Beimer" aus der "Lindenstraße", und der pensionierte ZDF-Geschichtsonkel Guido Knopp als Junge-Leute-Magnet funktionieren, darf jedoch bezweifelt werden.

  • Und schließlich wird auch wieder Stefan Raab einen Tag vor der Deutschland-Wahl zur "TV total Bundestagswahl" einladen (Samstag, 21. September, 20.15 Uhr, ProSieben). Schon 2005 hat der ProSieben-Tausendsassa damit eine Sendung geschaffen, in der es halbwegs gelingt, eine von jüngeren Leuten goutierte Fernsehunterhaltung und den Wahlkampf zusammenzubringen. Diesmal treten gegeneinander an: Thomas Oppermann (SPD), Armin Laschet (CDU), Ilse Aigner (CSU), Rainer Brüderle (FDP), Jürgen Trittin (Grüne) und Linken-Spitzenkandidat Gregor Gysi.

Bei der Jagd nach Jungwählern bleibt den Politikern eben nichts anderes übrig, als sich in die Arenen des Spaß-TV zu begeben. Kampfgeist ist dabei ebenso notwendig wie die Bereitschaft, die Aufmerksamkeitsökonomie des Casting-Fernsehens zu bedienen und sich in Vokabular und Verhaltensrepertoire der Jugend einzuarbeiten.

Oder was man so dafür hält. Als Gentleman bei der schon über die letzten Wochen aufgezeichneten Wahl-Sendung "Task Force Berlin" vor Peer "our man" Steinbrück mit der Faust zum kumpelhaften fist punch ausholt, schaut der so Geehrte am Anfang derart ängstlich durch seine randlose Brille, als ob es gleich was an die Backen gibt.

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insgesamt 14 Beiträge
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1. Stefan Raab
frontmann22 26.08.2013
würde ich als Kanzler wählen. Der traut sich wenigstens was und kann schnell denken. Bei anderen Politikern wird die 'schnelle Denke' bloss dafür genutzt, ins nächste Mauseloch zu schlüpfen.
2. Wenn diese kurzzeitig ausgestrahlten Sendungen...
verbalix 26.08.2013
...zur Erhöhung der Wahlbeteiligung beitragen.o.k.Erfahrungsmäßig ist bisher,gutes Wetter vorausgesetzt,oftmals der SPD zugute gekommen.
3.
zynik 26.08.2013
Zitat von frontmann22würde ich als Kanzler wählen. Der traut sich wenigstens was und kann schnell denken. Bei anderen Politikern wird die 'schnelle Denke' bloss dafür genutzt, ins nächste Mauseloch zu schlüpfen.
...ich bin für Bernd, das Brot. Macht doch auch nix mehr.
4. Das Fernsehen
ediart 26.08.2013
will es mal wieder richtig toll machen. Die "Jungen Menschen" für Politik zu interessieren. Bunte Unterhaltung zum Blöd werden, das kann nichts werden.
5. optional
thomas.b 26.08.2013
Politik und Medien dürfen dabei nicht den Kardinalfehler begehen, Wahlmüdigkeit oder Politikverdrossenheit mit inhaltlichem Desinteresse oder Gleichgültigkeit zu verwechseln.
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