ProSieben-Sommeroffensive: Stahlbarbie und Fressmaschine in der Provinz

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ProSiebens Unterhaltungsmutanten fallen in die Provinz ein. Jumbo Schreiner und Sonya Kraus stacheln in "Crazy Competition" zwei Dörfer zum Wettstreit an. Das Ergebnis: 135 Minuten monströser Sommerblödsinn.

"Crazy Competition": Mülltonnenrennen für mageres Preisgeld Fotos
ProSieben

Man nennt ihn auch den Würger. Für seine Rubrik im ProSieben-Magazin "Galileo" misst Jumbo Schreiner penibel mit Maßband und Lineal Deutschlands größte Pizzen, Dönerbrote und Backwaren, um sie dann im Alleingang zu verschlingen. Ein bisschen ängstlich gucken die kleinen italienischen oder türkischen Gastronomen meist schon, wenn die deutsche Monster-Glatze in ihre Restaurants einfällt, aber dann schieben sie ihm ihre Jumbo-Teller hin und alles ist gut.

Wenn er was auszumessen oder abzuzählen hat, ist Jumbo Schreiner nämlich glücklich. Auch eine Pizza mit einem errechneten Durchmesser von 1,50 Meter isst er bis zum letzten Happen auf. Zahlenzwang und Brechreiz liegen bei diesem Mann ganz dicht zusammen. Als Mischung aus Graf Zahl und Krümelmonster hat er es zu beachtlicher Bekanntheit gebracht. Aber muss er deshalb gleich eine eigene Sendung bekommen?

Den Sommer über soll Jumbo Schreiner nun das ProSieben-Publikum bei der Stange halten: Zusammen mit Sonya Kraus ("Talk Talk Talk") ist er in die Provinz eingefallen, um dort benachbarte Dörfer gegeneinander aufzuhetzen. In Spielen, die man bei ProSieben verrückt nennt, soll der jeweils andere ausgestochen werden. Dem Gewinner winken - da war ProSieben angesichts einer Sendezeit von mehr als zwei Stunden ziemlich knauserig - 10.000 Euro für die Dorfkasse. Schreiner und Kraus sind nun Pate für jeweils ein Dorf, sie sollen die Bewohner anleiten, anstacheln und trösten, was natürlich zu einigen grotesken Szenen führt: Die Drei-Zentner-Fressmaschine Schreiner und die Stahlbarbie Kraus auf Tuchfühlung mit ganz normalen Menschen, das wirkt schon bizarr.

Scripted Langeweile

In der gestrigen ersten Sendung tat Jumbo Schreiner, der Zweimetermann mit dem Gemüt eines Erstklässlers, dann auch erstmal, was er am besten kann: zählen. Eins, zwei, drei, vier, fünf Luxuskarossen entdeckte er auf dem Garagenhof des Bürgermeisters von Wassenach. Beim umständlichen Addieren der Sport- und Geländewagen konnte einerseits Sendezeit herausgeschunden und andererseits die beiden Dörfer als Antipoden herausgestellt werden. Denn während man Wassenach mit seinem reichen Bürgermeister als prosperierendes Örtchen in Szene setzte, wurden die nicht so gut gestellten Bewohner aus dem Nachbardorf Glees als Underdogs aufgebaut.

Oder genauer: Man versuchte sie als solche aufzubauen. Denn tatsächlich brachten es die Macher dieser schon lange vor Ausstrahlung aufgezeichneten und geschnittenen Sendung nicht fertig, die einfachsten Regeln des gewählten Fernsehgenres für sich zu nutzen. Trotz scripted reality gab es bei ProSieben gestern nur reale Langeweile. Gegen "Crazy Competition" wirkt selbst die linkisch betextete Kupplershow "Bauer sucht Frau" auf RTL wie großes Beziehungskino und die vielen Dokusoaps des eigenen Senders mit ihren Dialogvorgaben wie Improvisationstheater.

Dann lieber junge Mädchen in Öl und Butter

Endlos wurden die Mannschaften bei den Vorbereitungen zum Mülltonnenwettrennen oder Riesenpfefferkuchenhausbau gezeigt, aber die Protagonisten blieben allesamt blass. Dabei stachelten die beiden Paten sie immer wieder an; Jumbo Schreiner animierte sein Team zum Beispiel dazu, die zu rollenden Seifenkisten umfunktionierten Mülltonnen mit einer Mehlkanone auszustatten. Später sagte er dann in seiner jovialen Grundschülerweisheit in die Kamera: "Unsere Show heißt ja 'Crazy Competition' und nicht 'langweilige competition'." Die Seifenkiste rollte dann beim Rennen ziemlich unspektakulär in den Straßenrand, das Mehl rieselte traurig auf den Asphalt.

Es ist wie immer: ProSieben strebt mal wieder an, der ferienzeitbedingten Quotenflaute mit aufgeregt zusammengeschusterten Spielshows zu entgehen. Im vergangenen Jahr hieß der Selbstrettungsversuch "Sommermädchen", eine niedrigste männliche Instinkte ansprechende Sendung, während der bei irrelevanten Wettkämpfen möglichst viele tropfende Bikinis gezeigt wurden. Im Vergleich zu den sommeröden 135 Minuten "Crazy Competition" erscheinen die in Butter und Öl eingeriebenen jungen Frauen beim Wasserrutschenwettrennen rückblickend tatsächlich als spannendes Sportfernsehen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1.
Marshmallowmann 02.07.2010
Wieder einmal ein Armutszeugnis für das deutsche Fernsehn. So lang die öffentlichen Sender, für welche wir gezwungen sind zu zahlen, so einen Schrott nicht machen kann ich damit leben. Bleibt die Glotze halt aus, weil mehr von meinem Hirn kann ich dafür nun wirklich nicht opfern.
2. Früher hieß die Sendung EWG - Einer wird gewinnen.
trebondi 02.07.2010
So neu ist das Konzept dann doch nicht. Das einzig Innovative ist wohl die Unterbrechung durch Werbeblöcke. ;-)
3. Sooo schlimm war es nicht
Hercules Rockefeller, 02.07.2010
Wenn Pro7 clever gewesen wäre, hätten sie mittendrin unvermittelt in schwarz-weiß gesendet und ein 5 Meter hohes Hitlerbärtchen durchs Bild geschoben, das abwechselns Vuvuzela bläst und "Ein bißchen Frieden" singt-das hätte ihnen den Grimmepreis eingebracht und beste Kritiken. So wars eben nur Prekariats-TV, eine Qualitätssendung hat immer irgendwas mit Nazis, oder welchen, die bald Nazis werden zu tun!
4. Los, hol die Butter
tubelayer53 02.07.2010
Wie verzweifelt muss man als TV-"Macher" nur sein, um den Zuschauern so eine Sendung einzutüten. Da ist Unterschichtenfernsehen ja noch ein Euphemismus.
5. Selbst Schuld
der_Pixelschubser 02.07.2010
Was jammern wir hier eigentlich rum? Die TV-Sender können senden was sie wollen, wir sehen uns den Schrott ja doch an! So lange wir mit unserer Freizeit nichts mehr sinnvolleres anzufangen wissen, als vor der Glotze abzufaulen, so lange werden sie uns diese Kost vorsetzen: Frei von geistigen Vitaminen, leicht verdaulich und von minderer Qualität. Quasi so, wie es der Fernsehgott und Quotenpapst berlusconi in Italien vormacht: Ich halt sie dumm, halt Du sie satt... Wir sind es doch selbst Schuld...
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