Prostitutionsdoku im ZDF Oma schafft an

Schuhe kaufen, mit dem Enkel spielen, Männer befriedigen. Die ZDF-Dokumentation "Frauenzimmer" erzählt von drei Berliner Prostituierten, die erst in der zweiten Lebenshälfte zu ihrem Job gefunden haben - ein sensibler Gegenentwurf zu geifernden Rotlichtreportagen im Privatfernsehen.

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Der Kunde bestimmt den Ton. "Mmmh ja, bei einer guten halben Stunde gibt's Küssen, Schmusen, Streicheln, Massieren, Französisch", säuselt die 58-jährige Christa ihrem potentiellen Freier in den Hörer. Die Domina Karolina, 64, bellt den Anrufer am Telefon erst mal ordentlich an, damit kein Zweifel darüber aufkommt, wie bei einem möglichen Treffen die Machtverhältnisse sind. Und die 49-jährige Paula gibt beim Anbahnungsgespräch den rustikalen Kumpeltypen: "Jo Peterchen", sagt sie. Der Mann solle doch einfach mal vorbeikommen.

Der Freier bestimmt in diesem Anfangsszenario den Ton - ansonsten aber bestimmt er in der Dokumentation "Frauenzimmer" gar nichts. Die drei Sexdienstleisterinnen erscheinen bei aller Marktorientierung, die ihr Beruf nun mal erfordert, selbstbestimmt. Regisseurin Saara Alia Waasner hat ihnen neun Monate lang bei Arbeitsvorbereitungen über die Schulter geschaut, sie während Freizeitaktivitäten und Ausflügen mit den Enkeln begleitet. Alle drei sind schon weit in der zweiten Hälfte des Lebens, die Entscheidung für die Prostitution war nicht der reinen materiellen Not geschuldet, der Beruf ist bei ihnen auch Teil eines etwas anderen Identitätsentwurfs.

Christel etwa betont, dass ihr der Job durchaus Erfüllung beschere. Beim späten Sex mit einem jungen Musikstudenten habe sie zum ersten Mal richtige Befriedigung erfahren: "Jetzt genieße ich den Sex wie eine 20-Jährige", schwärmt sie mit roten Bäckchen in die Kamera, "vorher war es eine Dienstleistung am Ehemann."

Traumberuf Hure? Regisseurin Waasner ist klug genug, nicht das Klischee der Sexdienstleisterinnen aus Berufung zu bedienen, das so manche Männerphantasie befeuert und mit dem Prostitution oft zur Emanzipationsform verklärt wird. Paula zum Beispiel will den Job nur noch ein Jahr machen, dann hat sie genug Geld zusammen, um sich für immer in den Süden zu verabschieden. Auf die Gesichter ihrer Kunden schaut sie schon gar nicht mehr. Manchmal kämen Männer nach längerer Zeit mal wieder vorbei, da würde dann aber nichts klingeln - bis sie vor Paula die Hose runtergelassen hätten, dann stelle sich bei ihr die Erinnerung ein: Den kennst du doch! Ein Nebeneffekt des Jobs ist nun mal dieser: Der Blick auf Lendenhöhe droht zur einzigen Weltwahrnehmung zu werden.

Überall war devotes Verhalten gefragt

Das kann SM-Dienstleisterin Karolina so zwar nicht passieren, schließlich schaut sie von dem Domina-Thron in ihrer Wohnung stets auf den Freier hinab. Trotzdem fühle sie sich da oben nicht immer wohl. Mal gebe ihr die Position ein tatsächlich berauschendes Machtgefühl, mal fühle sie sich der Welt entrückt, doch für Selbstzweifel wird eine Domina nun mal nicht bezahlt.

Gerne hätte sie schon mit 16 ein bisschen mit ihrer Sexualität herumexperimentiert und nicht erst mit 50, offenbart Karolina. Es kam jedoch immer etwas dazwischen; erst die übermächtige Mutter, dann der Bürojob und schließlich die Ehe. Überall war devotes Verhalten gefragt, also das Gegenteil der eigenen Veranlagung. Umso genussvoller kann Karolina heute zumindest Teile des neuen Jobs ausleben. Im Film sieht man die Schuh-Fanatikerin, wie sie sich von einem Freier in einer Berliner Edelboutique auf Knien ein paar Highheels bringen lässt. Der Mann bezahlt - für den peinigenden Escort Service genauso wie für die teuren Schuhe.

Das Dreier-Porträt "Frauenzimmer", mit dem Montagnacht die "Kleine Fernsehspiel"-Reihe "100 % Leben" eröffnet wird, leuchtet das Leben der Heldinnen in allen Facetten aus: die Routine und die Einsamkeit, aber auch das Glück und die Erfüllung. Es geht um private Zumutungen, Versäumnisse in der eigenen Biografie und psychosexuelle Traumata, es wird aber auch nachgezeichnet, wie Christel, Karolina und Paula die Hoheit über das zuvor fremdbestimmte Leben zurückgewonnen haben. Im Mittelpunkt stehen: die Frauen.

Und das ist durchaus bemerkenswert, wenn man den 70-Minüter mit jenen Beiträgen vergleicht, die zur ähnlichen Sendezeit bei der Konkurrenz von RTL 2 laufen. Da sind Bordelltester unterwegs, um Puffs auf saubere Laken zu inspizieren; da geben Freier nach vollzogenem Triebablass Bewertungen über die Prostituierten ab; da prüfen Reporter mit fragwürdigem investigativen Elan, ob die Frauen halten, was sie in ihren Annoncen versprechen. Bei RTL 2 ist der Kunde König - und die sich anbietenden Frauen nichts anderes als Ware.

Diesem Fleischtheke gewordenem Fernsehformat setzt das ZDF nun mit "Frauenzimmer" eine Dokumentation entgegen, die in rigoroser Offenheit von der Prostitution erzählt, ohne ihre Protagonistinnen vorzuführen. Der sonderbarste Moment hat dann unmittelbar auch gar nichts mit Sex zu tun: Christel hat ihrem Enkel ein Geschenk mitgebracht, wird dann von einem potentiellen Freier angerufen. Ein bisschen spielt sie noch mit dem Kleinen, dann zieht sie guter Dinge weiter, das Leben besteht schließlich nicht nur aus Familie.

Oma geht lieber noch ein bisschen arbeiten.


"Frauenzimmer", 0.00 Uhr, ZDF (drei weitere Dokumentarfilme folgen jeweils montags gegen Mitternacht)



insgesamt 41 Beiträge
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Seite 1
lalito 08.11.2010
1. interessant
Hört sich an als wäre da Raum für leise Zwischentöne. Der grelle PromoPorxxMainstream ödet doch nur noch an.
sever 08.11.2010
2. Revolutionär!
Oma's als Huren?! Oh, ja! Das haben wir im Öffentlich-rechtlichen noch nicht behandelt! Sensationell! Was kommt als nächstes?! Opa's als Callboys in Ostdeutschland?
Hilfskraft 08.11.2010
3. Prostitutions-Doku im ZDF: Oma schafft an
ist das soooo ein neues Thema? Prostituierte haben oft Kinder. Die kriegen Kinder und schon ist die Prostituierte Oma. Und wenn andere Omas diesen Erwerbzweig für sich entdecken, weil sie noch nicht zu omahaft aussehen, na und? Es soll doch bis mindestens 67 weiter gearbeitet werden! H.
superbiti 08.11.2010
4. Archimedes läßt grüßen
Zitat von severOma's als Huren?! Oh, ja! Das haben wir im Öffentlich-rechtlichen noch nicht behandelt! Sensationell! Was kommt als nächstes?! Opa's als Callboys in Ostdeutschland?
Zunächst dies für den Plural, http://deppenapostroph.de/ , der ja durch Sie nicht konsequent falsch geschrieben wird, s. "Callboys". Gratulation! Sorry, aber dabei dreht sich mir einfach alles um. Außerdem ist das ja so ziemlich überall ein Tabuthema. Das merkt man auch an den Reaktionen hier. Wenn es nicht um Teenager oder knackige früh-20er Mädels geht, ist scheinbar alles andere mindestens uninteressant bis langweilig. Das dies aber ein gesellschaftliches Phänomen darstellt, wird leider wie so vieles nur allzugern verdrängt. Und darin waren wir schon immer verdammt gut.
Zephira 08.11.2010
5. Widerspruch
Zitat von superbitiZunächst dies für den Plural, http://deppenapostroph.de/ , der ja durch Sie nicht konsequent falsch geschrieben wird, s. "Callboys". Gratulation! Sorry, aber dabei dreht sich mir einfach alles um. Außerdem ist das ja so ziemlich überall ein Tabuthema. Das merkt man auch an den Reaktionen hier. Wenn es nicht um Teenager oder knackige früh-20er Mädels geht, ist scheinbar alles andere mindestens uninteressant bis langweilig. Das dies aber ein gesellschaftliches Phänomen darstellt, wird leider wie so vieles nur allzugern verdrängt. Und darin waren wir schon immer verdammt gut.
Nicht mehr als freiwillige Prostitution und BDSM im Allgemeinen.
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