Provinz-Krimi im ZDF Feuchtgebiete des Bösen

In seinen "Spreewald"-Krimis zeigt das ZDF die deutsche Provinz endlich jenseits aller Touristen-Klischees - und kann dabei auf grandiose Schauspieler bauen. Christian Redl als Bulle wirkt stets so, als habe er sein Herz im dunklen Sumpf versenkt.

ZDF

Von Nikolaus von Festenberg


Es ist ja wahr. Der deutsche TV-Krimi hat seine Probleme mit den Orten, in denen er spielt - die Handlung ist immer seltener geerdet. Mundartgranden wie Dietz-Werner Steck ("Bienzle") sind pensioniert, das Currywurst-Duisburg Schimanskis ist ein erstarrtes Selbstzitat, in den Weiten des deutschen Krimi-Nordens ermitteln die Zugereisten. Muss der Zuschauer hinnehmen, dass der Fernsehkrimi heimatlos ist?

In dem Spreewaldkrimi "Die Tränen der Fische" (produziert von der SPIEGEL-TV-Tochter Aspekt Telefilm) ist zu sehen, welcher künstlerischen Anstrengung es bedarf, in einer Krimihandlung die Landschaft und die Mentalität ihrer Bewohner eine wichtige Rolle spielen zu lassen: Die Kamera gleitet so oft es geht über die dunklen Kanäle der Feuchtlandschaft, sieht sich die Laubdächer von unten an und streift an den zugewachsenen Böschungen vorbei. Sie zeigt geduldig eine verwunschene Gegenwelt zum rasenden Großstadtdschungel.

Aber wie verbinden das Buch von Thomas Kirchner und die Regie des Österreichers Thomas Roth den klassischen Krimiplot - der Diamantenräuber Harry (Uwe Kockisch) kehrt nach langen Jahren Knast in den Spreewald zurück, um alte Rechnungen zu begleichen - mit der Besonderheit der sorbischen Bewohner? Mit dem über Jahrhunderte geprägten Eigensinn der einen slawischen Dialekt sprechenden Minderheit? Kaum ein Zuschauer versteht die Sprache, kein Darsteller kann sie anklingen lassen - deutsche Schauspielschulen treiben ihren Eleven alle landsmannschaftliche Besonderheit aus.

Die Beschwörung des Genius loci, der Magie eines Ortes und seiner Menschen, ist nach dem Verlust der meisten heimatverbundenen Traditionen eine komplizierte Aktion, besonders wenn es um mehr geht, als nur touristische Postkarten an den Zuschauer zu schicken mit den üblichen Sehenswürdigkeiten und den üblichen Klischees.

Kirchner erweckt die verstummten Bewohner in der kulturellen Nische des Spreewalds durch eine Kunst kalkulierter Kargheit, durch eine Entschleunigung der Schnitte und durch eine brütende Schauspielerpräsenz, die lange ihr Geheimnis bewahrt und nicht in der ersten Einstellung alle Abgründe einer Person ausplaudert. Das ist sehenswert und eine anspruchsvolle Erholung von den Plattheiten des Trivialen.

Intelligente Fernsehkunst

Niemand kann solche Absicht so überzeugend vermitteln wie der von Christian Redl ("Der Hammermörder") gespielte Kommissar Krüger. Redl ist das Gesicht der Spreewaldkrimis. Er hat in den zwei Vorgängerfilmen der heutigen Sendung mitgespielt. Er zelebriert stets ein Misstrauen, es scheint, als habe er sein Herz und jede freundliche Regung in den dunklen Gewässern der Gegend versenkt. Wenn Krüger wortkarg und mit abgründiger Verstocktheit ermittelt, hat man das Gefühl, der Geist des Spreewalds saugte alle Lügen der modernen Zivilisation auf.

Redls Magie färbt auf alle Schauspieler ab. Kockisch ("Donna Leon") offenbart unter melancholischer Schale eine von ihm selten zu sehende Sehnsucht nach Wärme. Mathias Koerberlin ("Dutschke") als um Abgrenzung bemühter Sohn eines verlorenen Vaters - er spielt einen Staatsanwalt - offenbart im reinigenden Milieu des Spreewalds, dass hinter seinem Hass auf den Vater ein enttäuschtes Kind steht. Henry Hübchen spielt den ehemaligen Gaunerkumpel des Knastheimkehrers. Im Spreewald ist Zeit, hinter die lockere Fassade der Jungenhaftigkeit zu blicken und einen gefährlichen Bösewicht zu entdecken: kein Charme mehr nirgends.

Was in diesem Film leider fehlt, ist eine große Frauenfigur, ein Gesicht wie das der wundervollen Angela Winkler, die in dem Spreewald -Vorgänger "Das Geheimnis im Moor" (2006) von der Bühne auf diese Fernsehinsel intensiver Langsamkeit herabgestiegen war. Und siehe da, nichts hatte die 68er-Ikone als würdige Fee im Spreewald vom genialen Zauber einer Entrückten verloren.

Der Autor Kirchner, Antriebskraft der Reihe, hat viel geleistet: Er hat eine nur noch touristisch notbeatmete Landschaft wieder auferstehen lassen. Da fließt jetzt auch ein verschlungenes und selten gewordenes Gewässer intelligenter Fernsehkunst, jenseits vom bequemen Fahrwasser für quotenstarke Traumschiffe. Es ist zu hoffen, dass sich das ZDF für eine Fortsetzung entscheidet.

"Spreewaldkrimi: Die Tränen der Fische", Montag 20.15 Uhr, ZDF



insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
timewalk 28.03.2011
1. Die Armee der Finsternis
Zitat von sysopIn seinen "Spreewald"-Krimis*zeigt das ZDF die deutsche Provinz endlich jenseits aller Touristen-Klischees - und*kann dabei auf grandiose Schauspieler bauen.*Christian Redl als*Bulle wirkt stets so, als habe er sein Herz im dunklen Sumpf versenkt. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,753178,00.html
Ich warte ja imemr noch auf "Die Armee der Finsternis". ps. Fernsehschauen macht BLÖD
schmarrnsepp 28.03.2011
2. ^.^
Zitat von timewalkIch warte ja imemr noch auf "Die Armee der Finsternis". ps. Fernsehschauen macht BLÖD
??? Was meinst Du mit warten auf Armee der Finsternis? Die Scheibe gibt es unzensiert(!) bald monatlich bei Woolworth im Grabbeltisch für 3,99, in gleich vier Büchereien (hier in Rhein-Main) zur gefälligen Ausleihe, als auch bei einem weiteren Dutzend Videotheken. Das alles, wie schon erwähnt, *ohne* die BRD-typischen, mehr als grausamen Verstümmelungen der hiesigen Zensoren. Worauf wartest Du also? Auf öffentlich-rechtliches Flickwerk? Verstehe das wirklich nicht so recht...
hamkon1 28.03.2011
3. arte und 3sat
ähem: ich habe meinen fernseher schon vor jahren abgeschafft. seitdem geht es mir viel besser. es läuft ja eh nur schrott. ich lese lieber dostojewski, das bringt viel mehr. manchmal, wenn ich eine tolle sendung entdecke, lade ich mich bei freunden ein. dort sehen wir dann arte, meistens tanztheater-inszenierungen aus osteuropa. früher haben wir auch mal 3sat geschaut, aber das ist viel zu kommerziell geworden.
timewalk 28.03.2011
4. Ching Chong
Zitat von schmarrnsepp??? Was meinst Du mit warten auf Armee der Finsternis? Die Scheibe gibt es unzensiert(!) bald monatlich bei Woolworth im Grabbeltisch für 3,99, in gleich vier Büchereien (hier in Rhein-Main) zur gefälligen Ausleihe, als auch bei einem weiteren Dutzend Videotheken. Das alles, wie schon erwähnt, *ohne* die BRD-typischen, mehr als grausamen Verstümmelungen der hiesigen Zensoren. Worauf wartest Du also? Auf öffentlich-rechtliches Flickwerk? Verstehe das wirklich nicht so recht...
Der besagte Beitrag bezog sich auf die Serie von SPON headlines die so etwa gehen: Das Land des Todes Feuchtgebiete des Bösen Die Tatze der Verstümmelung Kämpfer der Apokalypse Haarsträubende Wellenreiter der Vergeltung und irgendwie fehlt da nur noch "Die Armee der Finsternis", um dem ganzen die Krone aufzusetzen. Was ich nicht auf den Film mit gleichnamigen Titel bezog (der Film ist eine Klasse für sich).
drgb 28.03.2011
5. Uuuups
Zitat von hamkon1ähem: ich habe meinen fernseher schon vor jahren abgeschafft. seitdem geht es mir viel besser. es läuft ja eh nur schrott. ich lese lieber dostojewski, das bringt viel mehr. manchmal, wenn ich eine tolle sendung entdecke, lade ich mich bei freunden ein. dort sehen wir dann arte, meistens tanztheater-inszenierungen aus osteuropa. früher haben wir auch mal 3sat geschaut, aber das ist viel zu kommerziell geworden.
Und dabei dachte ich, wir wären schon abseits der Normalität in unserem TV-Konsum, in dem seit Jahren schon PrivatFernsehCrap systematisch ausgeblendet ist …
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