Von Christian Buß
Irgendwann läuft er mit Killerblick und Kettensäge durch den Garten, um seine Beine schlackert ein Pyjama. Jo (Tobias Moretti, "Jud Süß") ist vor kurzem arbeitslos geworden, und wenn man schon nichts zu tun hat, kann man ja endlich mal den Baum aus dem Weg schaffen, der die Sicht auf den Himmel verstellt. Da liegt das Monstrum dann mit abgesplitterten Ästen im Garten, die halbe Terrasse hat es unter sich begraben. Noch mehr Trümmer in Jos Leben.
Ein paar Monate zuvor sah alles noch ganz anders aus. Da war Jo Kulturreferent in einer süddeutschen Kleinstadt, bereitete das alljährliche Stadtfest vor und schmiss für seine Freunde Grillpartys im eigenen Garten. Höhepunkt solcher Feiern: ein angeduselter Tanz zu David Bowies "Heroes". Ein bisschen verrückt, aber doch fest in der Arbeitswelt verankert; hier steht jemand im Leben, ohne sich verbiegen zu müssen. Jeder kann sein eigener Held sein, der sich beim Blick in den Spiegel nicht zu schämen braucht.
Oder doch nicht? Das Kulturreferat kriegt eine neue Chefin. Die krempelt den Laden um, schiebt Untergebene nach ihrem Gusto durch die Gegend. Jo muss die Leitung seines geliebten Stadtfestes abgeben. Danach folgen: Beleidigungen, Degradierungen und schließlich die Entlassung. Klar, die ist arbeitsrechtlich fragwürdig. Aber sagen Sie so was mal Ihrem Ego.
Der lange, faulige Atem des Mobbing
Zu Hause erklärt Jos geknicktes Ego dann sich selbst den Krieg - und der Familie. Erst sitzt Jo schweigend vor der viel zu schnell ausgetrunken Flasche Wein, dann zermürbt er sich in Selbstvorwürfen, schließlich ergeht er sich in Anklagen gegen seine Frau Anja (Susanne Wolff, "Dreileben"). Die beiden haben zwei kleine Kinder, Anja hat ihren Verlagsjob aufgegeben: Was zuvor als perfekter Lebensentwurf erschien, mutet Jo auf einmal wie ein Selbstmord auf Raten an. Sein Freund - ein ebenfalls von der neuen Chefin gedemütigter Kollege (Andreas Lust) - steht eines Tages mit einem Kleinlaster vor der Tür, um sich zu verabschieden für einen befristeten Job in Düsseldorf. Einfach so, hat ja auch keine Frau und keine Kinder. Ach, frei müsste man sein.
Was macht die Arbeit mit dir und deiner Familie? Das ist die Frage, die in dem leisen, aber verstörend expliziten Psychodrama "Mobbing" im Vordergrund steht. Die Filmemacher (Regie: Nicole Weegmann, Buch: Eva Zahn, Volker A. Zahn) sind so konsequent, die Bürowelt komplett auszuklammern, die Chefin etwa kommt gar nicht vor. Aber die Folgen des im Büro tobenden Krieges spiegeln sich präzise in den privaten Verwerfungen.
Der Film, der vom Bayerischen Rundfunk für die ARD produziert wurde und am Freitag Vorpremiere auf Arte feiert, tut weh, weil er zeigt, dass auch die sympathischsten Eheleute nicht vor dem langen, fauligen Atem des Mobbing geschützt sind. Am Anfang weiß Jo noch genau, dass die Zurechtweisungen der Chefin falsch sind, später löst sich sein Weltbild auf. Warum springen ihm die Kollegen nicht zur Seite? Ist er tatsächlich unfähig? Und überhaupt: Gehört er mit Ende 40 nicht sowieso längst zum alten Eisen?
Mit seinem Weltbild löst sich auch Jos Selbstbild auf - und seine Familie. Regisseurin Weegmann hat die gleichnamige Buchvorlage von Annette Pehnt als subtilen Horror mit doppelbödigem Ende in Szene gesetzt: Erst leere Blicke, dann stumme Verletzungen, schließlich läuft Jo wie ein Untoter durchs Haus. Und Anja muss sich fragen: Wer ist der Fremde in meinem Bett? Vielleicht die krasseste Form, Entfremdung durch Arbeit darzustellen. Dabei geht es in "Mobbing" gar nicht um die konkrete Kritik an den Zuständen der deutschen Arbeitswelt. Aber der Film zeigt, wie unverbrüchlich Erwerbstätigkeit und Sozialleben miteinander verbunden sind.
Eine schaurige Erkenntnis dieses Sozio-Horrors: Wer tagsüber im Job zum Zombie wird, der frisst abends die Menschen auf, die er liebt.
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