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TV-Film "Mobbing": Wenn die Arbeit dich zum Zombie macht

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Die Chefin quält ihren Mitarbeiter, der Mitarbeiter quält seine Familie und am Ende liegt alles in Trümmern. "Mobbing" überzeugt als subtiles Horrorstück - der TV-Film auf Arte zeigt, wie der lange, faulige Atem der Arbeitswelt das Leben verpesten kann.

"Mobbing" auf Arte: Was ist bloß mit Papa los? Fotos
BR

Irgendwann läuft er mit Killerblick und Kettensäge durch den Garten, um seine Beine schlackert ein Pyjama. Jo (Tobias Moretti, "Jud Süß") ist vor kurzem arbeitslos geworden, und wenn man schon nichts zu tun hat, kann man ja endlich mal den Baum aus dem Weg schaffen, der die Sicht auf den Himmel verstellt. Da liegt das Monstrum dann mit abgesplitterten Ästen im Garten, die halbe Terrasse hat es unter sich begraben. Noch mehr Trümmer in Jos Leben.

Ein paar Monate zuvor sah alles noch ganz anders aus. Da war Jo Kulturreferent in einer süddeutschen Kleinstadt, bereitete das alljährliche Stadtfest vor und schmiss für seine Freunde Grillpartys im eigenen Garten. Höhepunkt solcher Feiern: ein angeduselter Tanz zu David Bowies "Heroes". Ein bisschen verrückt, aber doch fest in der Arbeitswelt verankert; hier steht jemand im Leben, ohne sich verbiegen zu müssen. Jeder kann sein eigener Held sein, der sich beim Blick in den Spiegel nicht zu schämen braucht.

Oder doch nicht? Das Kulturreferat kriegt eine neue Chefin. Die krempelt den Laden um, schiebt Untergebene nach ihrem Gusto durch die Gegend. Jo muss die Leitung seines geliebten Stadtfestes abgeben. Danach folgen: Beleidigungen, Degradierungen und schließlich die Entlassung. Klar, die ist arbeitsrechtlich fragwürdig. Aber sagen Sie so was mal Ihrem Ego.

Der lange, faulige Atem des Mobbing

Zu Hause erklärt Jos geknicktes Ego dann sich selbst den Krieg - und der Familie. Erst sitzt Jo schweigend vor der viel zu schnell ausgetrunken Flasche Wein, dann zermürbt er sich in Selbstvorwürfen, schließlich ergeht er sich in Anklagen gegen seine Frau Anja (Susanne Wolff, "Dreileben"). Die beiden haben zwei kleine Kinder, Anja hat ihren Verlagsjob aufgegeben: Was zuvor als perfekter Lebensentwurf erschien, mutet Jo auf einmal wie ein Selbstmord auf Raten an. Sein Freund - ein ebenfalls von der neuen Chefin gedemütigter Kollege (Andreas Lust) - steht eines Tages mit einem Kleinlaster vor der Tür, um sich zu verabschieden für einen befristeten Job in Düsseldorf. Einfach so, hat ja auch keine Frau und keine Kinder. Ach, frei müsste man sein.

Was macht die Arbeit mit dir und deiner Familie? Das ist die Frage, die in dem leisen, aber verstörend expliziten Psychodrama "Mobbing" im Vordergrund steht. Die Filmemacher (Regie: Nicole Weegmann, Buch: Eva Zahn, Volker A. Zahn) sind so konsequent, die Bürowelt komplett auszuklammern, die Chefin etwa kommt gar nicht vor. Aber die Folgen des im Büro tobenden Krieges spiegeln sich präzise in den privaten Verwerfungen.

Der Film, der vom Bayerischen Rundfunk für die ARD produziert wurde und am Freitag Vorpremiere auf Arte feiert, tut weh, weil er zeigt, dass auch die sympathischsten Eheleute nicht vor dem langen, fauligen Atem des Mobbing geschützt sind. Am Anfang weiß Jo noch genau, dass die Zurechtweisungen der Chefin falsch sind, später löst sich sein Weltbild auf. Warum springen ihm die Kollegen nicht zur Seite? Ist er tatsächlich unfähig? Und überhaupt: Gehört er mit Ende 40 nicht sowieso längst zum alten Eisen?

Mit seinem Weltbild löst sich auch Jos Selbstbild auf - und seine Familie. Regisseurin Weegmann hat die gleichnamige Buchvorlage von Annette Pehnt als subtilen Horror mit doppelbödigem Ende in Szene gesetzt: Erst leere Blicke, dann stumme Verletzungen, schließlich läuft Jo wie ein Untoter durchs Haus. Und Anja muss sich fragen: Wer ist der Fremde in meinem Bett? Vielleicht die krasseste Form, Entfremdung durch Arbeit darzustellen. Dabei geht es in "Mobbing" gar nicht um die konkrete Kritik an den Zuständen der deutschen Arbeitswelt. Aber der Film zeigt, wie unverbrüchlich Erwerbstätigkeit und Sozialleben miteinander verbunden sind.

Eine schaurige Erkenntnis dieses Sozio-Horrors: Wer tagsüber im Job zum Zombie wird, der frisst abends die Menschen auf, die er liebt.


"Mobbing", Freitag, 20.15 Uhr, Arte

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insgesamt 44 Beiträge
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1. Eine süddeutsche Kleinstadt,
ellereller 23.01.2013
die ein Kulturreferat hat, in dem eine Chefin und mindestens zwei Mitarbeiter beschäftigt sind? Klingt eher nach einem Olivenölstaat als nach Süddeutschland.
2. Das ist ein Thema,
andre_jordan 23.01.2013
welches ganz oben auf die Tagesordnung gehört. Ich kenne einige Fälle aus meinem Bekanntenkreis und da geht teilweise ohne ärztliche Hilfe nix mehr.
3.
dr.schnabel 23.01.2013
Zitat von sysopBRDie Chefin quält ihren Mitarbeiter, der Mitarbeiter quält seine Familie und am Ende liegt alles in Trümmern. "Mobbing" überzeugt als subtiles Horrorstück aus dem Büroalltag - denn der TV-Film zeigt, wie der lange, faulige Atem der Arbeitswelt das ganze Leben verpesten kann. http://www.spiegel.de/kultur/tv/psychodrama-mobbing-mit-tobias-moretti-und-susanne-wolff-a-877590.html
Wichtig ist einerseits, es nicht schon als Mobbing zu missdeuten, wenn in der Betriebskantine mal die Currywurst aus ist. Andererseits, auf echtes Mobbing klar zu reagieren. Dazu muss man verstehen, was Mobbing ist, wie es abläuft und wie man sich helfen (lassen) kann. Eine kurze Einführung in basics durch eine Kollegin finden Sie hier http://mediathek.fan-television.de/fan-das-magazin/fan-ratgeber/fan-das-magazin-fan-ratgeber-mobbing-am-arbeitsplatz-vom-1.html
4. Mobbing in Deutschland
Diskutierender 23.01.2013
Zitat von sysopBRDie Chefin quält ihren Mitarbeiter, der Mitarbeiter quält seine Familie und am Ende liegt alles in Trümmern. "Mobbing" überzeugt als subtiles Horrorstück aus dem Büroalltag - denn der TV-Film zeigt, wie der lange, faulige Atem der Arbeitswelt das ganze Leben verpesten kann. http://www.spiegel.de/kultur/tv/psychodrama-mobbing-mit-tobias-moretti-und-susanne-wolff-a-877590.html
Der Film ist nur ein weiterer Indikator, wie stark Mobbing in Deutschland akzeptiert wird. Das geht schon in der Schule los. In keinem anderen Land der Welt werden Schüler wegen guter Leistungen derart angefeindet wie in Deutschland. Weiter geht es dann mit einer derart kurzsichtigen und asozialen Personalpolitik, wie sie Deutsche Unternehmen an den Tag legen. Ich bin jedenfalls heilfroh, in diesem Land nicht mehr arbeiten zu müssen, was auch noch den positiven Nebeneffekt hat, dass ich mein Gehalt in harter Währung bekomme. Mir tun jedenfalls alle Menschen leid, die in Deutschland arbeiten müssen.
5. .
frubi 23.01.2013
Zitat von sysopBRDie Chefin quält ihren Mitarbeiter, der Mitarbeiter quält seine Familie und am Ende liegt alles in Trümmern. "Mobbing" überzeugt als subtiles Horrorstück aus dem Büroalltag - denn der TV-Film zeigt, wie der lange, faulige Atem der Arbeitswelt das ganze Leben verpesten kann. http://www.spiegel.de/kultur/tv/psychodrama-mobbing-mit-tobias-moretti-und-susanne-wolff-a-877590.html
Ich war selber in jungen Jahren Opfer von Mobbing durch Mitschüler und halte das ganze Thema dennoch für medial aufgeladen. Wer sich als Erwachsener mobben lässt, ist selber schuld. Jeder hat die Freiheit, ein Arbeits- oder Kontaktverhälltniss zu kündigen. STalking ist wieder etwas anderes aber das reine mobben muss sich niemand mehr gefallen lassen. Man erstattet entweder Anzeige oder kündigt eben den Job bzw. sorgt dafür, dass man gekündigt wird. Ich persönlich halte Mobbing für einen ANgriff auf meine Person und der Mobber kriegt nach dem ersten Versuch eine Warnung. Danach muss man sich halt wehren.
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