Psychoserie "In Treatment" Seele putzen nicht vergessen!

Mein Auto, mein Haus, mein Psychologe - die grandiose US-Serie "In Treatment" berührt das kollektive Innenleben. Der Konversationskrimi zeigt eine übertherapierte Gesellschaft, die glaubt: Die Seele ist auch nichts anderes als ein Vorgarten - hübsch gepflegt muss sie sein!

Von


Fotostrecke

7  Bilder
US-Serie "In Treatment": Lauter therapeutische Härtefälle
Dieser Psychologe, er ist selbst sein härtester Fall: Vier Sitzungen haben wir Paul (gespielt von Gabriel Byrne) absolvieren sehen, da wechselt er die Seiten. Auf einmal sitzt er selbst auf der Couch, und zwar bei seiner inzwischen in Rente gegangenen Kollegin Gina (Dianne Wiest), die er seit fast einem Jahrzehnt nicht mehr gesehen hat. Er wolle nur ein bisschen mit der alten Freundin über die Zweifel an seiner Arbeit sprechen. Aber als die zu bohren beginnt, zickt er rum wie die uneinsichtigsten seiner Patienten.

Der Psychologe als therapeutischer Härtefall: Das ist die vielleicht verwegenste Wendung in der doppelbödig angelegten US-Serie "In Treatment", mit der die Möglichkeiten und Begrenzungen des modernen Seelendeutungsgewerbes vorgeführt werden.

Dass sich Paul, die graumelierte Institution, auf einmal in ein aggressives Nervenbündel verwandelt, desavouiert seinen Berufsstand keineswegs. Es zeigt nur, dass sich auch der Therapeut selbst gelegentlich einer prüfenden Instanz aussetzen muss. Denn wer, wenn nicht ein Mustertherapeut wie Paul mit seiner tausendfach erprobten Deutungsmacht, kann sich selbst besser manipulieren? Die Kranken, das sind immer die anderen.

"In Treatment" stellt sehr viel mehr dar als einen klassischen Seelenkrimi, der uns in die Abgründe und Ängste der Patienten hinab führt. Die Serie ist eine Reflexion über die therapierte Gesellschaft. Fünf Fälle (inklusive dem von Paul selbst) werden über die insgesamt 43 Episoden der ersten Staffel verfolgt. Das heißt: Der Zuschauer erlebt hier pro Folge ein Vieraugengespräch - beziehungsweise im Falle eines in Behandlung befindlichen Pärchens ein Sechsaugengespräch. Viele der Sitzungen enden unbefriedigend: Gewissheiten verflüchtigen sich, bequeme Diagnosen werden verworfen, längst verschüttete Traumata aufgeworfen.

Mit dem Defekt die Welt auf Abstand halten

Das muss so sein, denn "In Treatment" spielt in einer Gesellschaft, in der alle möglichen Probleme mit der Behandlung durch einen angesehen Therapeuten aus der Welt geschafft werden sollen: Mein Mann, mein Haus, mein shrink. Die seelische Reinigung erscheint da oft nur als reine Kostenfrage, die Selbstdiagnose gehört zum gesellschaftlichen Ritual. Doch wie kommt man an Patienten ran, die durch Rollenspiele, Abwehrreaktionen und Psychorhetorik die größtmögliche Verschleierung ihrer eigentlichen Probleme betreiben?

Besonders drastisch wird das anhand eines Ehepaares dargestellt, das Nachwuchs erwartet: Sie überlegt, das Kind abtreiben zu lassen, er geht dagegen wutentbrannt an. Irgendwann während des Gesprächs bricht es aus der Frau heraus: Sie habe sich schon bei ihrem ersten Kind überfordert gefühlt und glaube nicht, dass sie ein zweites lieben könne. Eine Offenbarung, die sie in authentischer anmutender Wut vorträgt. Doch kaum ist sie damit fertig, sagt ihr Partner, sie solle mal nicht die Verrückte spielen - und die Frau sagt nun denkbar ruhig, dass es ja mal ein Versuch wert gewesen sei, die beiden auf sie einredenden Männer ruhig zu stellen: der seelische Defekt als Mittel, die Welt auf Abstand zu halten.

Die Misere der therapierten Gesellschaft ist ja, dass für jedes Symptom eine Erklärung griffbereit daliegt. So gesehen wird Therapeut Paul in seinen Sitzungen mit einer Reihe von Westentaschenpsychologen konfrontiert, die von ihm nur einen Ratschlag haben wollen, wie sie das selbst längst diagnostizierte Problem möglichst schnell beheben können. Innenleben verstopft? Ruf den Seelenklempner!

Psychologisches Labyrinth

So läuft es offenbar überall auf der Welt: Denn der US-Bezahlsender HBO hat "In Treatment" fast originalgetreu der israelischen Serie "Be Tipul" nachgebaut und die Handlung von Tel Aviv nach Maryland verlegt. Rodrigo Garcia, der schon "Six Feet Under" mitgeschrieben hat, überwachte den Transfer für die erste Staffel als Chefautor. Hochkonzentrierte 22-minütige Episoden (die 3sat nun in Doppelfolgen sendet) lieferte er. Dabei geht es gar nicht so sehr darum, die Figuren zu entlarven - sondern im Gegenteil diesen überreflektierten Menschen erstmal ihr Geheimnis zurückzugeben.

Dabei nahmen alle an der Produktion Beteiligten die Idee der Psychotherapie sehr Ernst: So offenbarte der Golden-Globe-gekrönte Hauptdarsteller Gabriel Byrne unlängst, dass er als Messdiener auf einem Priesterseminar sexuellen Übergriffen ausgesetzt gewesen sei und erst durch eine sehr späte Therapie dieses Trauma hat verarbeiten konnte. Der Rest des Teams hat ähnliche Erfahrungen gesammelt. Autor Warren Leight, der die zweite Staffel koordinierte, sagt freimütig: "Die erste Regel, um mitarbeiten zu dürfen an 'In Treatment' ist, selber mal in treatment gewesen zu sein."

So gesehen ist die Produktion die radikalste shrink-Serie überhaupt. Statt schön leicht verdaulich pro Folge eine Krankenakte zu öffnen und zu schließen, stößt man den Zuschauer über viele Episoden in ein psychologisches Labyrinth. "In Treatment", das ist "Lost" als Konversationsthriller: Nur wer zugibt, nichts zu wissen, darf sich der Hoffnung hingeben, am Ende heil hier rauszukommen.


"In Treatment - Der Therapeut", wochentags, jeweils 21.00 Uhr, 3sat



insgesamt 14 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
filmgaffer 15.02.2010
1. Ergänzender Hinweis.
In der Tat ist "In Treatment" eine sehenswerte "Reflexion über die therapierte Gesellschaft" und erinnert damit an die vorgeführte Psychotherapie in "The Sopranos".
Dr. Thomas Brotzler 15.02.2010
2. Kleine Ergänzungen ...
Zitat von sysopMein Auto, mein Haus, mein Psychologe - die grandiose US-Serie "In Treatment" berührt das kollektive Innenleben. Der Konversationskrimi zeigt eine übertherapierte Gesellschaft, die glaubt: Die Seele ist auch nichts anderes als ein Vorgarten - hübsch gepflegt muss sie sein! http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,677505,00.html
Den sehr lebendig und anschaulich geschriebenen Artikel möchte ich nur in zweierlei Hinsicht ergänzen: zum einen haben gesetzlich und mit gewissen Einschränkungen auch privat Versicherte hierzulande seit geraumer Zeit einen Kassenanspruch auf ambulante Psychotherapie, diese ist somit erfreulicherweise kein "Privileg bzw. Privatvergnügen Besserverdienender"; zum zweiten ist das Prinzip der Selbstreflektion integraler Bestandteil psychotherapeutischen Handelns und findet ihren Niederschlag in Lehranalyse, Lehrtherapie und auch später in berufsbegleitender Weiterbildung und Supervision.
Claudia_D 15.02.2010
3. .
Zitat von sysopMein Auto, mein Haus, mein Psychologe - die grandiose US-Serie "In Treatment" berührt das kollektive Innenleben. Der Konversationskrimi zeigt eine übertherapierte Gesellschaft, die glaubt: Die Seele ist auch nichts anderes als ein Vorgarten - hübsch gepflegt muss sie sein! http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,677505,00.html
"Übertherapierte Gesellschaft"? Mir ist nicht bekannt, dass in D oder Europa jeder zum Psychologen geht. In den USA mag das anders sein.
myspace 15.02.2010
4. #
Zitat von Claudia_D"Übertherapierte Gesellschaft"? Mir ist nicht bekannt, dass in D oder Europa jeder zum Psychologen geht. In den USA mag das anders sein.
Das hab ich auch gedacht - was für ein Quatsch. Selbst viele Menschen mit schweren Depressionen trauen sich nicht zum Psychotherapeuten - in Deutschland ist das eher ein Tabu-Thema.
myspace 15.02.2010
5. #
Zitat von Dr. Thomas BrotzlerDen sehr lebendig und anschaulich geschriebenen Artikel möchte ich nur in zweierlei Hinsicht ergänzen: zum einen haben gesetzlich und mit gewissen Einschränkungen auch privat Versicherte hierzulande seit geraumer Zeit einen Kassenanspruch auf ambulante Psychotherapie, diese ist somit erfreulicherweise kein "Privileg bzw. Privatvergnügen Besserverdienender"; zum zweiten ist das Prinzip der Selbstreflektion integraler Bestandteil psychotherapeutischen Handelns und findet ihren Niederschlag in Lehranalyse, Lehrtherapie und auch später in berufsbegleitender Weiterbildung und Supervision.
Ja klar, schön wärs. Tatsächlich gibt es sehr viele völlig unfähige und/oder untalentierte Psychotherapeuten, die in der Lage sind die Probleme (Depression, Ängste etc) des Klienten noch zu verschlimmern. Warum sollte so ein Therapeut Supervision oder Weiterbildung machen? Er hat ja die Kassenzulassung und kann ein Leben lang quacksalbern.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.