Serien-Highlight Hilfe, Alien-Attacke mit Kuhfladen!

Kuriose Kriegsführung: In der Mini-Serie "Quakquak und die Nichtmenschen" greifen Außerirdische eine Küstenstadt mit Fäkalien an. Das ist absurd komisch - transportiert aber auch mehr.

Arte/ Roger Arpajou

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Bitte erwarten Sie jetzt keine Erklärung dafür, warum die Hauptfigur dieser Serie in der ersten Staffel Kindkind hieß und in der zweiten nun Quakquak. Das ist einfach so.

Genauso war es einfach auch so, dass in der ersten Staffel etliche Bewohner der Küstenstadt Marquise nahe von Calais vom geistig behinderten Onkel von Kindkind ermordet wurden und ihre Leichenteile von den Nutztieren der Region aufgefressen wurden, weshalb die Obduktionen im Schlachthaus stattfinden mussten.

Und in der zweiten Staffel ist es jetzt einfach so, dass Außerirdische Marquise mit einer schwarzen Kuhfladen-ähnlichen Substanz attackieren und so die Weltherrschaft zu übernehmen versuchen.

Zugegeben, das alles hinzunehmen, ist viel verlangt. Aber wer sich darauf einlässt, wird mehr als belohnt. Das Erstaunlichste an "Quakquak und die Nichtmenschen" (ab Donnerstag bei Arte) sind nämlich nicht die Außerirdischen und ihre besondere Waffe - es ist der Umstand, wie viel diese Serie über Rassismus, Doppelmoral und den Rechtsruck auf dem Land zu erzählen hat.

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"Quakquak und die Nichtmenschen": Angriff aus dem All

Den Autor und Regisseur Bruno Dumont haben diese Themen seit seinem Debütfilm "La vie de Jésus", der 1997 in Cannes als bester Erstling ausgezeichnet wurde, beschäftigt. Die längste Zeit arbeitete er sie aber in streng neorealistischer Manier auf und schuf so brillante, wenn auch niederschmetternd hoffnungslose Filme.

Die erste Staffel von "Kindkind" (Originaltitel "P'tit Quinquin"), die 2014 lief und als erste TV-Serie von den berühmten "Cahiers du cinéma" zum besten Film des Jahres gewählt wurde, markierte dann die verblüffende humoristische Wende in seinem Werk. Themen, Motive und Drehort, Dumonts Heimatregion Le Boulonnais, blieben dieselben, nur die Tonalität war plötzlich leichter, böser, schwarzhumoriger.

Gebrochene Nasen, üble Gebisse

Vergleiche mit Lars von Triers TV-Serie "Geister" oder "Twin Peaks" drängten sich auf, doch Dumont hat etwas buchstäblich Eigenartiges geschaffen. Da er am liebsten mit Laien, darunter geistig und körperlich Behinderten dreht, transportieren seine Arbeiten nämlich ein völlig anderes Menschenbild. Hasenscharten sind hier zu sehen, gebrochene Nasen und schielende Augen. Den behinderten Onkel haut es wegen seiner eingeschränkten Körperbeherrschung regelmäßig der Länge nach hin.

Auf alles hält Dumont drauf und zwar so oft und so lang, bis man es kaum mehr ertragen kann - um dann festzustellen, was für einen ungewöhnlichen Effekt das hat: Irgendwann erscheinen einem die glatten, schönen, symmetrischen Gesichter, wie sie Film und Fernsehen am liebsten präsentieren, als die wahre Abweichung.

Im Video: Der Trailer zu "Quakquak und Nichtmenschen"

Dabei belässt es Dumont nicht beim Ausstellen vermeintlich unschöner Äußerlichkeiten. Schon in der ersten Staffel war ungebremster Rassismus, der auch in der Kleinstadt Tote zur Folge hatte, zentrales Thema. Der 14-Jährige Kindkind (Alane Delhaye) hetzte damals mit seinen Kumpels den einzigen schwarzen Altersgenossen durch die Straßen. Commandant Van der Weyden (Bernard Pruvost), zuständig für die Aufklärung der Mordserie im Städtchen, drückte währenddessen ein Auge zu.

Schimpfen auf Geflüchtete

In der zweiten Staffel hat nun der Bloc, eine Partei, die viel Ähnlichkeiten mit dem Front National bzw. Rassemblement National hat, Einzug an der Küste gehalten. Den mittlerweile 17-Jährigen Quakquak (wieder Alane Delhaye) freut das, zumal er mit der Nichte des Ortsgruppenchefs jemanden zum Knutschen gefunden hat. Und Commandant Van der Weyden schimpft nach wie vor lieber über die Geflüchteten, die von Calais aus durch die Stadt ziehen, als das Rätsel um die außerirdischen Kuhfladen zu lösen.

Wie jeder schiefe Zahn kommt so auch jedes Ressentiment bei Dumont ins Bild. Rassismus in der Provinz? Auch das ist bei ihm einfach so. Doch Dumont relativiert nichts, denn er setzt mit seiner Gesellschaftsanalyse woanders an. Bei ihm gibt es keine Schönheit, Reinheit, Erhabenheit, weder ästhetisch noch moralisch - warum also die Menschen an diesen Konzepten messen?

Als grotesken Humanismus könnte man bezeichnen, was Dumont mit "Kindkind" und "Quakquak" gelungen ist. Und wenn das einem nicht Hoffnung für die Menschheit macht, dann zumindest fürs Serienfernsehen - besser wird es 2018 nicht mehr. Auch das ist einfach so.


"Quakquak und die Nichtmenschen": Die Folgen 1 und 2 sind ab sofort in der Arte-Mediathek verfügbar. Am 20. September laufen sie ab 21.40 Uhr im TV, die Folgen 3 und 4 dann am 27. September ab 21.45 Uhr



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